Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- 12 (22.3.1929)
- Date
- 1929-03-22
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 2 GEMEINDEBLATT DLR ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMKINDH ZU LEIPZIG Nummer 12 vorragenden Gradmesser für seine Aussicht auf Erfolg. Solange die Juden diu dulden, ihn vielleicht schmunzelnd begrüßen, sind sie schwach und unfrei und sind sie leicht zu besiegen. Mau konnte ineinen, es sei darin ein Recht des Ghettobewußtseins zu finden! Dem ist aber nicht so. Der Ghettojude hatte wohl außerhalb des Ghettos Angst, aber er war der nicht zu erschütternden Überzeugung, daß er w ertvoller war als sein Peiniger. Und innerhalb seiner Mauern war er stark und frei und groß! Her Jude von heute hat keine Angst mehr, aber er hat auch keine Stätte mehr, die ihm unbedingte Sicherheit gibt. Unschwer erkennt man die Ursache. Der Ghettojude hatte ein positives, religiöses Judentum, klaren Glauben und festes Gottvertrauen. Darin lau seine Kraft und seine Sicherheit! Heute gleichen so viele Seelen in ihrer inneren Haltlosigkeit und Schwache dem allgemeinen Hilde der Zeit des Zweifeins, des Skeptizismus und des Pessimismus. Und damit ist die Un; eher, holt verständlich, wenn auch nicht entschuldbar. Der antisemitische „jüdische" Witz, der uns so sehr erah setzt, und den wir so behaglich anhören und erzählen, i | ej. Warnungssignall W ie das Fieber auf eine Krankheit im i ürng. desMenschen, so weist er auf eineKrankheit der jüdischen Seele Das Hurinifest deutet den Weg zur Heilung an. Mor chai der klar und sicher handelnde Führer, gab seinen Zeitgt das Heispiel der Selbstbesinnung, des Bewußtseins vom i;ene« Werte. Inmitten einer Welt von Abfall und Gleichgültigke hielt er zu seinem Glauben. Und erst an einem gläubigen, gv njffl Judentum, das sicher und unbeirrt seinen Weg geht, w | j, Gemeinheit zerschellen. Hrst dann wird der „jüdische" \ u j„ den schmutzigen Tiefen wieder versinken, aus denen er rauj. geholt wurde. Max Graf ■-m .in des seligen Rabbiner Hr. und nach kurzer zweijähriger Leipzig berufen. Seit dein 1. April hat er an der Religionsschule der Zu Ostern l(>2y leiert der Lehrer an der Religionsschule I M a x (i r a f das ungemein seltene Fest seines fünfzigjährigen Dienst- | u b i I ä u in s. Zu Deutsch-Krone in Westpreußen am 11. Dezember 1S5S geboren, trat er zu Ostern 1 H7.i als vierzehnjähriger Knabe in das Lehrerseminar zu Merlin ein, das von dem bekannten Pädagogen Aron Horwltz geleitet wurde. Hier bildete er sich zum Volksschullehrer und zum Religionslehrer aus, trat zu Ostern 1879 in den Schuldienst, und nachdem er als Junglehrer au verschiedenen Orten provisorisch beschäftigt worden war, ging er im .lahre ISS,? als Lehrer nach Dandieb in Böhmen, wo er bis 1SN7 blieb. Hin Jahrzehnt wirkte er Benjamin Rippner Seite in Qlogau, Tätigkeit in Breslau wurde er nach 1S99 drei volle Jahrzehnte Israelitischen Religionsgemelnde unterrichtet, und mit seinem fünfzigjährigen Dienstjubiläum tritt er nunmehr in den Ruhestand. Ich weil! wohl, daB es unserem Freunde Qral ganz und gar wider den Strich geht, wenn von ihm und seinen Verdiensten des längeren die Rede ist. und wenn er gefeiert wird. Kr liebt so etwas nun einmal nicht, und am liebsten wäre er an seinem Ehrentage ausgerissen! Er hat e>- nie für angenehm gehalten, im Mittelpunkte der Aufmerksamkeiten und der Ehrungen seiner Mitmenschen zu stehen, aber dieses eine Mal miili er es uns verteilten, wenn seinem Willen zuwidergehandelt wird. "-eines Wesens (irundzug ist stets die 'reueste Pflichterfüllung gewesen! Den heiligen Aufgaben seines Amtes ist er stets gewissenhaft nachgekommen, und er konnte sich rühmen, daB er sein ganzes Leben hindurch bis in die letzten Tage hinein kaum jcin eil* Schulstunde versäumt habe. Welche Mühe es gekostet hat, i n davon zu überzeugen, daB er auch einmal etwas für seine lies dheii tun müsse, ist schwer zu beschreiben. Selbst wenn er siel nicht wohl fühlte, trat er den Wey zur Schule an. Eine Selbstvers..i dlicbkeit war es für ihn, daß er sich nicht beim Hintritt in das i j, Pensionierung vorgeschriebene Alter zur Ruhe setzte. Stets ( klär« er, er wolle arbeiten, solange üott ihm die Kraft gebe. Und Acnes nach ihm ginge, würde er auch über das siebenzigste Lcbi hinaus unterrichten. Zu echter Pflichttreue gehört Bescheidenheit! Nie hat . siel nach Ehrenämtern, nach öffentlichen Ehren gedrängt. Sein Sc ilanii war seine Welt, in der er sich zu Hause fühlte, in der er in ZidbewuBtsein und Energie waltete, in der er einem Geschlechte nact dem anderen die Kenntnis unserer heiligen Religion und ihrer S vermittelte. Und wie seine Schüler, die ehemaligen wie di va heute, ihm dankbare Gesinnung beweisen, so wissen alle Selm k'!- legen an ihm zu rühmen, daß er sich ihnen stets gefällig und hilfsbereit erwies, in wahrer Zuneigung und Freundschaft! Freilich besitzt er noch eine andere Welt: Seine l\ nilie! Seine Gattin und seine Kinder wissen, was sie seiner som idei Liebe, seinem zielbewußten Denken und Handeln zu danken bei. Statt langer Erörterungen nur eine schlichte Tatsache: An d I folge seiner Erziehungskunst bei seinen Kindern darf er um statu besonderem Stolze denken! Sein Vorbild der Pflichttreue Ii n> wirkt, die Liebe, die ausgesäte, hat er hundertfältig geerntet. Im Namen der Schule, des Lehrerkollegiums, der Schuh und der Schülerinnen, der früheren und der heutigen, sei ihm hei/ Gratulation zu seinem Jubiläum dargebracht! Der allmächtig! Qotl segne ihn mit langen Jahrzehnten der Gesundheit und der Ki erhalte ihm seine Energie und seinen Lebensmut! Qotl las-- Ilm noch viele Freude au Kindern und Kindeskindern erleben. Ul mfl unserem Kreise eint sich die ganze große Leipziger Gerne! dem innigen Wunsche: 0,*UPjn HNO 15?! Bis zu Inindc zwanzig Jahren! I ir. Felix Goldm: Unsere Gemeinde Betrifft Redaktionsschluß Mit Rücksicht auf die bürgerlichen Festtage bitten wir. uns die Manuskripte für die am 5. April erscheinende Nr. H des Gemeindeblattes bis zum?0. März zu iil)ergelx:n. Am Dienstag, dem 2. April, können nur noch kurze Nachrichten, die bis 9 Uhr bei uns vorliegen, zur Veröffentlichung gelangen. Die SchriltleitlUlg. Üas Volksfest am 23. März 1929 Eigentlich würde schon die Tatsache allein, daß der Reinertrag dieses Festes zur Erhaltung der Tee- und Lesehalle „Borochow-Heim" geht, genügen, um die Sympathien breitester Kreise der jüdischen Bevölkerung in Leipzig für das Volksfest beanspruchen zu können. Aber anscheinend wollten die Veranstalter mit dein edlen Zweck allein sich nicht begnügen und scheuten keine Mühe und keine Kosten, in einem auserlesenen Programm von gutem künstlerischen Gesell aufzuwarten und das l est zu einem wahren Volksfest / stalten. So werden die Mitglieder des Städtischen Theaters, Lina < s t e n s und Robert Meyn verschiedene Chansons U, a. auch e aus der letztens so populär und berühmt gewordenen ..11 grosehenoper" zum Vortrag bringen. Die sehr beachtenswerte II jährige Künstlerin Uli Schci lowsky wird sich am Klavier produzieren und dem Charakti Festes entsprechend wird Frau Baumholz, die Absolvcnti Warschauer Konservatoriums, eine Reihe von jüdischen (und russischen) Volksliedern singen. Für die Beredsamkeit der tanzenden Heine wird die In Sportkapelle Merrv-Herry-Hand sorgen. Fürwahr; ein Volksie besten Sinne des Wortes!! Also! mit ack