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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1929-03-22 · 12 (22.3.1929) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
5 (1929)
Issue
12 (22.3.1929)
Date
1929-03-22
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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hwmb cblatt DiR ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU I E"ID7|fLAMTLICHES NACHRICHTENBLATT LLi 11 MlWDtR GEMEINDEVERWALTUNG! Ii,,. ..melndeblatt erscheint |r<U>n Freitag und wird ,|n UtgUedern der Hellglonsgemelmle unentgeltlich <|ih »In- Post zugestellt — Sthrlftleltung: (,, [ mlrrabbiner Custav Cohn, Leipzig, Löhrstraße IO L — NUMMER 12 / JAHR6AN6 5 FREITAG 22* MARZ 1929 Anzelgetiverttaltung und Drink: Budidruikerei August Pries, Leipzig, llrüderstr. 90 - IVrnruf ~(>OO0 — INist- Kuhi tk Leipzig 53990 - Nachdruck nur mit (,>uellenangabt* und mit Uenebmigung des VfirflMfllI gestattet JÜDISCHE WITZE Zum Purimfeste Von Dr. Felix Goldmann ZU keiner anderen Zeit des Jahres ziemt es sich mehr, vom jüdischen Witz zu reden als zu Pur im. Freilich nicht etwa aus dem oberflächlichen Grunde, an den man zuerst denkt, weil 'iirim in den Augen der Masse das Fest der Freude und des leichten Scherzes ist! In der Gedankenwelt von Purim uns. cii sich nämlich zwei Elemente: Tiefste Not und Todesfurcht steht neben der ausgelassenen, übermütigen Freude. Und die Seele des jüdischen Witzes verrät ein gleiches. I 'er echte jüdische Witz ergibt sich aus dem schrillen MilJ klair. zwischen jüdischem Schicksal und innerer jüdischer Kraft. Das Volk des Geistes, dem die unvergängliche Gabe eines nicht zu unterdrückenden Optimismus verliehen war, das immer eine rosige Zukunft vor sich sah, hatte keine Gegenwart! Iis war der Prügelknabe der Geschichte, und sein Leib blutete stets aus taus< ud Wunden. Aus der herben Kraft, über seinem eigenen Sch ksal stehen zu können, erwuchs die Kunst der Selbstverspottung. Und sie ist die Grundlage des ecli n jüdischen Humors. Fr sucht die Schattenseite der Tugen len Israels auf, er illustriert den Nachteil eines Vorzugs. Kr «deutet die Übertreibung einer Eigenschaft, auf die Im Gn de der Jude so stolz ist. Der jüdische Witz erzählt vom Sei «irrer, vom zudringlichen, unzufriedenen und frechen Sei orrer. Und doch klinnt aus ihm das Wohlbehagen und die reude heraus, dali der Schnorrer echtestes Judentum, sozial s Judentum vertritt, wenn er so energisch, statt demütig zu itten, Rechte Reitend macht. Und der jüdische Witz lllu- Str rt in dieser Art jüdische Lehre und jüdische Geschichte. Kr ist eitlos wie die Lehre selber; in immer neuen Formen, die de: stets wechselnden Bedingungen der Zeit und der Umgebung enl ainmen, tritt er auf, nie veraltend, stets mit seinem mitral gen Spotte auch echtes Selbstbewußtsein verratend. Der jüdische Witz bedeutet für das jüdische Leben positive Sc stkritik. Kr stammt meist aus dem Osten, wo die Massen Sk ungen jüdisches Gemeinschaftsleben noch kennen. Dieser jfl( che Witz verletzt nie! Ganz anders aber wirkt der angeb 1k jüdische Witz, der im Westen die Runde durch die jüdische im nichtjOdische Welt macht. Kr sticht und brennt! Und da er ir unsere Tage so charakteristisch ist, müssen wir uns mit iln auseinandersetzen. Sein Ursprung ist klar. Fr geht von den Judenfeinden aus! I»i Fülle dessen, was seichte Witzblattweisheit und der Geistes reiehtum der Conferenciers im Kabarett schaffen mögen diese Juden, Täuflinge oder Christen sein - - ist antisemitisch! Die „Witze" über jüdische Schwindler, Schieber. Ehebrecher, Feiglinge, Drückeberger, Materialisten die Liste ist fraglos nicht vollständig kommen ursprünglich von außen, denn aus ihnen spricht Verachtung, Bosheit, Überheblichkeit und Haß! Jeder Mensch, der auch nur einen Funken jüdischen Sinnes mit einem feineren Ehrgefühl verbindet, kann auf den ersten Annen blick zwischen einem solchen Produkte der Gemeinheit und einem wirklichen jüdischen Witz unterscheiden! Darum braucht man sich mit solchen widerlichen Auswüchsen au sich nicht zu beschäftigen. Das Problem liegt viel tiefer! Es offenbart sich in der Stellung der Juden von heute zu diesem „Humor", seinen Produkten und ihren Urhebern! Wie nehmen wir diese jüdischen „Witze" auf'.'1 Wir lächeln gequält, wenn wir sie hören. Wir fürchten ja, daß man uns Uberempfindlichkeit vorwerfen könnte, und darum protestieren wir nicht. Aber wir ärgern uns. dal! man uns bloßgestellt hat. und dann erzählen wir sie das nächste Mal weiter! Natiir lieh nur einem Juden, denn man will doch keinen „Risches" machen! Und wenn wir sie das drittemal erzählen, so geschieht es mit einem gewissen Behagen. Wir trösten uns mit Goethes geistreichem Satz, daß jeder, der sich nicht selbst zum Besten halten kann, nicht zu den Besten gehöre, und merken nicht, daß wir in Wirklichkeit uns beschmutzen. Wir glauben am Fnde, daß ihnen die Kraft der Wahrheit innewohnt. In der W irkuiitf der jüdischen Witze auf die jüdische Seele offenbart sieh das Bewußtsein unserer Schwäche. Wir sind unsicher! Wir wissen nicht, wo eine berechtigte Kritik aufhört, und wo die Beschimpfung beginnt l ud wie so oft im Kampfe mit dem Antisemitismus schwanken w ir zw ischen übertriebener Empfindlichkeit und einer vornehm sein wollenden, in Wahrheit feigen Zurückhaltung. Daneben aber ist das Verhalten SO vieler nur aus offenbaren Minderwertigkeitsgefühlen zu erklären. Denn wer noch au solchen Witzen Gefallen findet, wer in ihnen Kar die Wiedergabe einer Wirklichkeit sieht, verachtet sein Judentum in sich und ist minderwertig. Und das ist ja die schlimmste Folge des Antisemitismus. Nicht darin liegt das W eh. daß er uns von ein paar Richter oder Offiziersstellen ausschließt, sondern darin, daß er uns innerlich unsicher, unfrei und freudlos gemacht, daß er so manchen von uns dazu gebracht hat, daß er sein Judentum in sich und damit sich selber verachtet. Und der Judenhaß, der an sich feige ist. hat im jüdischen Witz einen her

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