Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- 11 (15.3.1929)
- Date
- 1929-03-15
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/4876568-5968790-5969084--2340-4879939- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
IS März 1929 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG Seite S Literarisches Gericht Von Carl Bach Wie wir hören, hat der Juan-Jüdische Kluh eine Verhandlung des lallcs Ischarioth vorbereitet, die vor einem literarischen (icricht nach Art des nachstehend Geschilderten erteilen wird. Die öffentliche Verhandlung ist auf Sonntag! den 24. Mär/.. is Uhr, angesetzt. Ort der Verhandung: Jüdisches Jagendheim (UnlversitltSStr. 22/24). (Näheres siehe: Vereinsnachrichten.) Hie Schriltl. Alle Welt liest Zeltungen. Im allen Schulen wird Geschichte Belehrt. In dem Hanse steht ein Bücherschrank. Man ist immer und überall von Berichten umgeben. Man wird von Ki lesbelnen an ständig mit gewissen festen Vorstellungen von Gest hnissen der Vergangenheil und der Jetztzeit von Irgend wem versel in. Die Öffentlichkeit, die Meinung des Anderen, die Ansieht von Mi orikern lebt in uns als Bestandteil unserer selbst. Wir prüfen nicht na . uns nicht, die Geschichte nicht, den Literaten nicht. Wir sind allesamt viel konservativer, als wir Klauben. Das kommt de; Besinnlicheren immer dann zu Bewußtsein, wenn die neue Theorie eines Denkers, eines Geschichtsschreibers oder Literaten über Nacht zur Pressesensation wird und Lichter auf Geschehnisse wirft, wie wir g|a ''teil, sie in der Art noch nicht gesehen zu haben. Vergehen dann ein paar Jahre, so nennen wir, automatisch, die lunggeborenen Anscli lUungen unsere eigenen und kommen dann immer in die Versuc UHR, denjenigen rückständig zu nennen, der das verkörpert, was wir ^elbst waren, ehe die betreffende Betrachtungsweise in unsere Welt ges izt worden ist. Es ist vor allem für jüdische Kinder von immer her ein mit Erfolg angewandtes Mittel zur Erhöhung ihrer Aufmerksamkeit in der Schule Keucsen, wenn der Mathematiklchrer, nachdem er einen Lehrsatz auslas rochen hatte, sagte: „Diesen Satz braucht ihr mir nicht zu glauhet zumindest so lange nicht, als ich ihn euch nicht bewiesen habe.*1 Jüdische Junge Menschen sind immer geneigt, auch dem Gcschichtslehrer saßen zu wollen: „Wir wollen bewiesen haben, daß diese ndi r jene Gestalt Hochachtung oder Geringschätzung verdient" — — Das ist etwas anderes als einfache Skepsis. Es ist das Zeichen da: lr, daU der Jude meint: Es geht nicht an, dal) ich über wichtige Dinge ein Urteil habe, ohne daU ich den Prozeß selbst kenne. Am stärksten ist diese Neigung im ostjüdischen hingen Menschen angepr>. Und ihren stärksten Ausdruck findet sie in einer von ihm geschaffenen Einrichtung, dem literarischen Gericht. Das ist eine merkwürdig vernünftige Sache. In einer Kiewer illegalen Versammlung sagt eines schönen Tages ein Student, er sei Raste nlkoff. Er meine aber sicher, er könne sich ruhig dem Gericht Mi len, es müsse ihn freisprechen. Man ruft Zeugen, man sucht lange na Ii dem Typus der getöteten Wucher In; endlich hat man alle bei« u innen. Der Gerichtshof tagt, und eine grolle Reihe Leumundszeugen m rschiert auf. Einer gibt an. er sei ein Jugendfreund des Mörders, er ki ine ihn als einen so und so beschaffenen Menschen. Ein anderer hat Iii i kurz nach dem Mord auf der Straße in die Augen gesehen. Wieder ei er sagt, er hungere und wolle vor (Icricht bezeugen, was Hunger sei. All das ist natürlich nur eine Rekonstruktion der Wirklichkeit. Die V ieherin ist in der Tat eine Studentin, der Jugendfreund ein Wildfr inder, der Hungrige — satt. Aber alle sagen nach bestem Wissen ii I Gewissen aus. Alle haben sich in die von ihnen verkörperten Gesl Ken vollkommen hineingelebt Sie kennen sie so genau, nehmen il cn Tonfall und ihre Bewegungen so ganz und gar an. dall nie eine t richtsverhandlung wahrer hätte sein können, als es die fingierte ist. H iitcr der Barriere sitzt das Publikum und ist gleichfalls Richter. Hier ii d dort meldet sieh einer beim Gerichtsdiener und sagt etwa: Die \ Heilerin mache sieh schlechter als sie sei. er selbst habe von ihr einn d eine Gefälligkeit erwiesen bekommen. Verteidiger und Ankläger ringen um ein Urteil, das nie vollstreckt i rden kann und vielleicht deshalb am wirksamsten ist. Denn im \ rhandlungssaal geht es nicht um das Wohl eines Menschen und Ii aCentral- Theater ■BETRIEBE LEIPZIG Anton Schneider / Dittrichring 19 nicht um die Anwendung eines Paragraphen, sondern um die Wahrheit. Um die menschliche Wahrheit. Jeder, der einem solchen Gericht beiwohnt, der bis heute eine feststellende Ansicht hatte, sagen wir, über Napoleon, fragt sich, wenn dei Eroberer auf der Anklagebank sitzt: Wie hä,te icli gehandelt, wozu wäre ich gleichfalls fällig gewesen, was ist hier "Genie und w as Glück, wie stehe ich zu Napoleon? Die Dinge wachsen so aus dein Käfig, in den sie ein Überkommener, gedruckter, toter Bericht gesperrt hat. hinaus. Sic wachsen in uns alle hinein, die wir dem Prozeß beiwohnen. So wird Geschichte verlebendigt, und nur so können wir von iIir lernen: denn lehren kann nur ein Lebendes. Oder aber, es wird nicht eine vergangene, sondern eine gegenwärtige Umgebung beurteilt. Und man fragt dann: Was ist jene Umgebung? Wodurch unterscheidet sie sich von meiner eigenen? Wieso erscheint also diese Tat und dieser Mensch dort anders als ich und mein Tun Iiier? Man sieht, es wird ein Verfahren aufgerollt, es werden Scheinwerfer auf eine im konkreten oder abstrakten Leben stehende Gestalt eingestellt, die bisher als Tatsache, als Symbol oder als Typ von einer grollen Masse gekannt und als bestehend hingenommen wurde. Da kann die Wahrheit gefunden werden! Der Judaskuß ist eine Vokabel aller Sprachen geworden. Judas geht als Verräter, ewig verflucht, durch die Länder ganz Europas. In Rußland ist es ein allgemeines Volksfest, au dem man eine ludaspuppe, mit Hart und Schläfenlocken, prügelt und zertritt und sich so an dem alten Verrat rächt. Und manchmal prügelt man nicht nur die Puppe seinetwegen. . . . Und wie war die Geschichte noch? Da war unter den Jüngern einer, der ging hin und sagte zu den Ältesten: Ich will ihn euch ausliefern, an dem und dem Orte. Wenn der Häscher kommt, dann will ich an ihn herantreten und ihn küssen. Daran soll der Häscher erkennen, dal! dieser der Nazarener ist. den ihr such«. Und am Abend kamen die Römer, und Judas küBte ihn. da nahmen sie ihn gefangen und richteten ihn hin am Rüsttage des Osterfestes. Judas aber bekam .¥) Silherlingc. Nun wird Judas Ischarioth auf die Anklagebank gesetzt. Der Gerichtsdlener ruft die geladenen Zeugen auf: und es erscheint ein alter Vater des Angeklagten, einer, der sein Jugendlehrer war. und einer, der sein Gespiele war. ein Hohepriester tritt auf. Älteste. Jünger, einer, der den Eindruck etwa eines bejahrten Ministerialdirektors macht und Pilatus ist. ein geistvoller Reformator, der Paulus heißt, und die Mutler des Nazareners. Maria. Es sind alles junge Menschen, die wir gut kennen. Sie haben da keine Rollen übernommen, sondern eine Arbeit. Sie bestand darin, die Literatur und die Berichte jener Zeit gründlich und eingehend durchzuarbeiten. Jeder mußte das Land, sein Volk, seine Denkweise, seine Herren und seine Diener sich so gegenwärtig werden lassen, wie er selbst und seine Umgebung ihm gegenwärtig ist. Dann haben sie gesagt, ich kenne nun die Psyche beispielsweise - eines Talmudjüngers so genau, daß sie aus mir sprechen kann, wenn ich gefragt werde. So ist eine Zeugenliste zusammengestellt worden. Wenn die Namen bei der Verhandlung aufgerufen werden, und sie mögen merkwürdig genug klingen, weiß niemand, nicht das Publikum, nicht der Gerichtshof und Ankläger und Verteidiger, was diese Zeugen zu sagen haben werden. Ks wird von ihren Aussagen und von der Art der Fragen, die. nach amerikanischem Muster, hauptsächlich Verteidiger und Ankläger an sie stellen sollen, abhängen, was der Gerichtshof über Judas beschließen wird. Und man darf sehr gespannt sein: auf die Richter, die Zeugen, die Plaidoyers und das Urteil . . . CT-KAFFEE-RESTAURANT Kapelle Valencia Kapellmeister Amstel CT-CASINO-TANZCABARET Täglich 5-Uhr-TEE bei freiem Eintritt Kein Gedeckzwang