Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- 11 (15.3.1929)
- Date
- 1929-03-15
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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($emeinöeblat C&R ISRAELITISCHEN RELIGION SGEM&IN DE- ZU I £-1 D7|fL AMTLICHES NACHRICHTENBLATT libli ^IVDER GEMEINDEVERWALTUNG! Di Oemelndeblatt erscheint Jeden Freitag und wird iL Mitgliedern der Rcllglonsgemelnde unentgeltlich durch die INist zugestellt - Schriftleitung: Gl mclnderabblner Gustav Cohn, Leipzig, Lohrstrafie IO NUMMER 11 / JAHRGANG 5 FREITAG IS* MARZ 1020 Anzrlgenvcrwaltung tnd Druck: Buchdruckcrel Auguat l'rlcs, Leipzig, BrOderstr. 5Q - Fernruf " (><>(><> - Postscheck Leipzig 539 20 — Nachdruck nur mit Quellenangabe und mit Genehmigung des Verfassers gestattet Das jüdische Buch DIE JUDEN UND DAS BUCH Man nennt die Juden Kerne „das Volk des Buches". Und denkt dabei im besonderen an das Buch, das vom Judentum der Menschheit geschenkt wurde: die Bibel. Ks bedarf keines Wortes, um diese gewaltige Schöpfung in ihrer Bedeutung für den Fortschritt der menschlichen Kultur zu kennleichnen. Fs genügt der Hinweis, daß kein Buch der Welt in [leich vielen Sprachen, in allen Teilen der Frde gelesen wird. Die Juden heißen das Volk des Buches nicht allein um des einen willen, das sie den Menschen gegeben haben. Weit mehr noch um deswillen, was ihnen das Buch gegeben hat. Sie haben oftmals ihr Land verloren, haben immer wieder, wenn sie den W.iiiderstab ergreifen, Länder und Städte verlassen mußten, ihr Hab und Out preisgeben müssen. Aber ein Land ist ihnen geblieben, ein Schatz hat sie überallhin begleitet, hat ihnen allezeit die Kraft gegeben, Verlorenes neu aufzubauen: das Buch. Ks gibt kein Volk auf dem Erdenrund, in dem das Buch in gli ehern Ausmalt Hingang in die weitesten Schichten fand, wie Ix den Juden. In ihm besaßen sie das Mittel zur Pflege geschieht- U( er Kontinuität, die den anderen ihr Land gewährt; in ihm v. irtetl sie den Reichtum, der allein stark macht. Das gilt vor allem von der Bibel, dem ünell steter sitt- Ik er Erneuerung und seelischer Festigung. Sie ist früh zu eil em Volksbuch geworden. Auch andere Völker des Altertums Ii ten ihren (iesetzeskodex; aber er blieb den Priestern Oi sr den rechtsprechenden Fürsten vorbehalten. Die (irunds ritten der Juden wurden seit dem Zeitalter der Soferim Gell mgut aller. Jahr für Jahr wurde die Thora verlesen; Gev lecht für Geschlecht erlebte sie von neuem, wandte sie um u I um in ihren Deutungen, spiegelte sich selbst und die sich V ndelnden Zeiten in ihr und entrang ihr immer neue Werte. I hlte sich immer wieder von dem stolzen Bewußtsein erhoben, v ehfahreu einer großen Vergangenheit zu sein, an deren An- I lg die Erzväter mit ihrer reinen Ootteserkenntnis und ihrer ( len Lebensgestaltung stehen. Suchte sittlichen Aufstieg nach i i Mahnreden der Propheten. Jubelte der göttlichen Schöp- I ng entgegen in den begeisterten Sängen der Psalmdichter i J fand aufrichtigen Trost und seelische Beruhigung mit den! edern der gleichen begnadeten Sänger. Fs ist bezeichnend für die Schätzung des Buches bei den den, daß in demselben Augenblick, in dem der letzte Versuch t ner Wiederaufrichtung seiner Selbständigkeit fehlgeschlagen ir, die Führer an die Schaffung eines neuen Buches gingen: n kachln mochte der Übermacht erlegen sein, aber das Buch könnte nicht überwunden werden. Fs entstand die M i s c h n a, die Sammlung all dessen, was die kulturelle Eigenart des Judentums bedeutet hatte; sie sollte die geistige Bindung aller Juden sichern, wo immer sie auch leben mochten. Der wohldurchdachte Plan des römischen Kaisers Hadrian suchte das Fortschreiten des Werkes zu hemmen; der todesmutige Feuereifer der klugen Meister durchkreuzte die Absichten: Akiba ließ sich foltern und martern, aber er starb in dem Bewußtsein, daß die Überlieferung, zu deren schriftlicher Bewahrung er den Grund gelegt hatte, nie vergessen würde. Und nun begann die Schaffung einer Literatur, die nicht Buchweisheit blieb; deren Inhalt vielmehr, wie er aus dem Leben geschöpft war, aus den Büchern in die breiten Volksmassen hinaustrat. Die Mischnah wuchs zum 'Talmud, zum 'Talmud nicht allein in dem engeren Sinne der Gemara, die das Gesetz klären und festigen will, sondern in dem weiteren einer ganzen Literatur, Boraitha, Tosephtlia, Midraschim und im Gefolge alle jene Schriften, die nicht müde werden, zusammenzufassen, zu läutern und zu erläutern, immer wieder mit dem einen Ziele, das Alte zu halten, damit es unvergänglich werde. Nebenher geht die Entwicklung einer anderen Gattung Buch: Tefillah und Machsor, die Aufzeichnung der (lebete für alle Tage des Jahres, Werktage, Sabbate und Feste. Und als Besonderheit des Gebetbuches die P e s s a c h - H a g - gada für die häusliche Feier der ersten Pessachabende. Schneller als andere bemächtigten sich die Juden beim Ausgange des Mittelalters der Kunst des Buchdrucks. So ist es zu erklären, daß auf die Erhaltung der Handschriften, älterer und jüngerer Schriften des Judentums, kein sonderlicher Wert gelegt worden ist. Verfolgungen, die sich auch auf das jüdische Buch erstreckten, haben das Ihre dazu getan, daß die Zahl der erhaltengebliebcnen noch um ein weiteres gemindert wurde. Aber auch diese wenigen bezeugen, daß es in der Zeit vor dem Buchdruck eine hochentwickelte jüdische Buchkultur gegeben hat: so wurde nicht nur das Buch als Inhalt gewertet, es wurde auch der Form liebevolle Würdigung zuteil. Frst In den letzten Jahren ist durch die kunstgeschichtliche Behandlung solcher Handschriften das Interesse auf sie gelenkt und dadurch einer breiteren Leserschaft Kenntnis von einer ganzen Anzahl ungemein schöner illuminierter Schriften vermittelt worden. Hervorgehoben zu werden verdienen u. v. a.: D'e Haggada von Serajewo, die Darmstädter Haggada (auf die wir im ..(ienicindeblatt" 1027. Nr. 15 hingewiesen haben), die 1382 von EUscha