Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- 10 (9.3.1929)
- Date
- 1929-03-09
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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(BemcittöcbXatt DER ISRAELITISCHEN REUGIONSGfcM&INDE- ZU I \Cwm AMTLICHES NACH RICHTEN BLATT UL I■ mmIV7DER GEMEINDEVERWALTUNGB |V. (inm'inrirbluU crsdu'lnt Jeden Ire II an und wird 1 (|, Mitgliedern der HrllfflonsKcmcInde unentgeltlich «In ih die Post zugestellt — Srhrlftlcltung: i .'indcrahhhtrr Gustav Cohn, Leipzig, Löhrslraße IO NUMMER IO / JAHRGANG $ FREITAG 8» MARZ 10 29 AnMlmrorwakwu und Drudi: Budutaidccicl tunwl Mm, Leipzig, BriuliTMr. S'> - Fcrnrul "oooo - roati>(ht'(k Leipzig 53QJO - Niididruck nur mit Quellenangabe und mit (Genehmigung des \ erlassers gestattet VOM SINN EINER JÜDISCHEN KUNSTSAMMLUNG Von Or. I. Heinemann, Bres!;iu /Ii Am .i Februar wurde in Breslau eine Ausstellung des Vereins »JOdisches Museum in Breslau" eröffnet. Wir sind in der Laue, die Ansprache zu veröffentlichen, die bei der Eröffnung vor einem aus .luden und NichtJuden bestehenden Kreise gehalten wurde. Die Ansprache verdient um so mehr allgemeines Interesse, weil der Gedanke indischer Kunstsammlungen, worauf wir schon vor kurzem hingewiesen haben, hei den Juden in Deutschland in zunehmendem Umfange Wurzel schlagt. ,,ic Schriftleitung. Die Ausstellung, die Sachkunde und Fleiß geschaffen, „anhauen" sind wir geladen. Wir wollen es tun im Sinne des :hterworts: Anschaun wenn es dir kc-Miiki. Daß es erst ins Innre dringt, Dann nach außen wiederkehrt, lüst aufs herrlichste belehrt. 1 Iches aber ist dies Innere? Unsere Ausstellung ist keine sehe Im strengen Sinne, schon deshalb, weil von den Gegeniden, die sie umfallt, auch von den Kultgeräten, nur ein klei- Tell von jüdischer Hand gefertigt ist. Aber allerdings bildet Judentum ihren Gegenstand. Welches aber ist ihre nähere iehung zum Judentum und w as kann sie uns über es sagen.-1 Sie gliedert sich in drei Abteilungen. Die erste umfaßt Llr- Jen und Denkmäler zur jüdischen Geschichte, /weite Handschriften und seltene oder l>edeuide Drucke, die dritte Gegenstände für den islichen und synagogalen Gottesdienst. Die le stellt, wie ich glaube, eine Frage die Site und dritte geben die Antwort. I He erste Abteilung gibt ein treues Bild vom chsel des Schicksals der Juden. Wir sehen in ten hinein, da ihnen selbst der Ikruf des tsbesitzers offenstand; wir sehen das Dild er Männer, die sie schützen. Aber neben dem tlgesinnten Herzog Heinrich IV. steht das chtbare Kreuz des Capistrano; neben dem hutzbrief Ferdinands II. die Verfügung Walsteins, die die luden ihres Schutzes beraubt, s Furchtbare am Schicksal unserer Väter reu also nicht nur die Verfolgungen selbst, 'ichsam als akute Leiden; auch in Verhältnisßig ruhigen Zeiten schwebte ständig das Daiklesschwert der Verfolgung über ihnen. Wie ch Hamacks richtiger Bemerkung die Chri- Kidduschbechcr der ehemal gen Gemeinde Zülz (Schlesien) sten der ersten beiden Jahrhunderte durch die ständige Sorge vor staatlichen Gewaltmaßregeln nicht zur Ruhe kamen, so die .luden auf deutschem Boden etwa ein Jahrtausend lang. Wie kam es also — das ist die F'rage, die diese erste Abteilung an uns stellt —, dall trotzdem der jüdische Geist seine Schärfe, das jüdische Herz seine Treue, die jüdische Seele ihre Frische nicht eingebüßt hat? Die Antwort erteilen die beiden anderen Abteilungen, wenn w ir die kostbaren Gegenstände, die sie enthalten, nicht in musealer Starrheit sehen, sondern aus dein Leben begreifen, das sie erzeugt hat und das sich an ihnen wieder entzünden konnte. Die jüdischen Bücher, die Sie hier ausgestellt sehen, sind zum grollen Teil Druckschriften, namentlich in Dyhernfurt hergestellt. Sie zeigen uns, wie früh und wie geschickt man kaum entdeckte .schwarze Knust" in den Dienst der Volksbildungsarbelt zu stellen wußte. Und w enn w ir uns diese Votksbildungsarbeit des Näheren vergegenwärtigen, wenn wir bedenken, daß sie in einem selbst von den Griechen nicht erreichtem Malle alle Stände in gleicher Weise umfaßte und zugleich dem Geist seine Schärfe erhielt, zugleich der gottsuchenden Seele Nahrung spendete, dann ahnen wir den unversiegbaren Duell der Kcist:gen Frische des Judentums. Aber noch tiefere Micke erlaubt die dritte Abteilung. Denn sie führt uns hinein in das religiöse Erlebnis des Juden des Mittelalters und der beginnenden Neuzeit, das vielfach, nicht nur von Nichtjuden, mißverstanden worden ist. Nicht ganz seilen hat mau geglaubt, der Jude habe die Gesetze seiner Thora nur als eine Last empfunden, die er aus Gewohnheit oder gar aus kluger Lohnerwartung unwillig getragen habe. Die l iebe und die Freudigkeit, mit weichet man diese Thora ausschmückte, zeugt von ganz anderen Empfindungen. Und wenn Sie auch hier die Gegenstände unserer Sammlung im (leiste einstellen ins Leben. wenn Sie die kostbar gestickten Vorhänge zurückgeschoben sehen, die Laden sich Offnen, die Thora unter dem Klingen ihres Silberschmucks den Schrein verlassen sehen, auf dem Wege /um Ahnemor begrüßt, ja. umarmt von Jung und Alt, dann empfinden Sie deutlicher, als Worte es Ihnen zeigen können, was der Dichter der Verfolgungszeit fühlte, da er die Worte schrieb: „Was wir als heilig lieben.