Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 4 (1928)
- Issue
- 40 (5.10.1928)
- Date
- 1928-10-05
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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4. Jab't**i Nr. 40 5. Oktober 1928 wtt»Ml«f dzr Jtrdizl i t i Sehen Amtliches MuhriMmihl* ätr GeHieiMdeverw&lfHH kz l iglongqc mzindz yd CtKiA - "iteM*" racreint •VheMlinh «m Fi Iti;. tfüvitrq d«T Relinionag.'m-n le wird m uii- ' ch die Po it z iqestellt 3ozuttpraia f"ir Nl« in $ ie 1er monat'.ich 60 Pfannige. *nitlg;n»mahme: •'•I h ' Q ^c«-nstraB« 11, Tclephn 14449. Sjim eitum: Ge e c »Lb. QuiUtf Cohn, Li ,• u.hrstr 10, Tetepiou 2»t ll. O'tii« uro Vatlajq; W loi . . _» .. ... üln kern II, Ttlaoron 1444?. An x leniftiefl Dir < g j a' c m-J!eile 2u P!g. ra rn'lirnnJlen: e .,«n IC Pf Umie/Hanaeiten und lexhnisratnach b»i. - urf Fol den fnit- MMMtM f. Kühne, Bajnofstr. 9 (T'eohon 14441) D e Scnnftleituiig nbernimml hl 'lie untei lern NiMH de» VtjrfatMri araettatna d« Betrag« jnJ -1 e v»» eirnnacri';chten nu! rfie praAojMt ■ liehe. VtrtAtwoitvAo, Nachdruck nu* m.t QuV.ienan jar*e tnd Grnf.'-i |4 .. de? Verfasrerx oeate'et Zur Beachjunj! Infolge technischer Schwierigkeiten ist tin großer Te l unserer Leser verspätet in den Besitz der Nr. 39 unseres Blattes gelangt. Nach dem die Behinderung beseitigt ist, tritt mit der vorlieyendenden Nummer wieder die regelmäßige Zustellung des (lemeindeblatlcs in Kralt. Seele und Jenseits im Volksglauben der1 «Juden Von Btajunta Segel. Will man Weh- und Lebensanschauung eines Volkes ergründen, so genügt es nicht, seine hervorragenden Denker und Dichter zu beiragen, man mufl die Oedanken der großen Massen belauschen, ihre Träume, Sehnsüchte yifld Hoffnungen, wie sie eine Generation dir andren im j aule der Jahrhunderte in Sagen und Dichtungen überliefert hat, in denen die innere und kußere Erfahrung der im Kampfe nu Dasein sieh ra immer höheren Kulturstufen emporringenden Menschen aufgespeichert ist. 'Lehrt uns der Volksglaube und die Volksdichtung, wie die Dichtung überhaupt, übrigens so wie auch die Philosophie, nicht wie die Welt ist, so leint sie uns doch, wie die menschlichen Wesen wünschen, daß sie sein soll, damit sie in ihr Mim, kämpfen und gedeihen möchten. i ber keine der I wigkeitsfragen haben die Menschen in unserer •■' H to ernsthaft \ind schmerzlich nachgegrübelt, wie über das Pro- 1 m der Seele und des Jensiiis in unserer Zeit, da es wohl keinen -tischen auf der europäischen Erde gibt, der nicht näher oder feri von dem grausigen sinnlosen Sterben berührt wurde, welches ' i und ein halbes Jahr filier die Kulturwelt dahinraste. Hört mit dem leiblichen Tod alles auf im Weltall, oder gibt es eine Fortdauer ul das <iiab vidlicht das schauerliche Massengrab hinaus? Ist das, was wir Seele nennen, nur die Summe der Lcjbenstätigkeiten, oder bildet es eine unabhängig von diesen bestehende Substanz, die deren Herrin und Meisterin ist .' Oibt es im Jenseits rin Wiedersehen für die Seelen, die sieh hier auf laden geliebt und nach ein |er gesehnt haben - Ist das Jenseits eine höhere, vollkommenere Welt, die aber mit du hieiiieden sichtbaren derart im Zusammenbau steht, daß die entere die Vollendung der letzteren bildet, den n Im sierung und letztes Ziel, daß iti ihr alle widerspräche des ir- ■ Lebens ausgeglichen, alle Ungerechtigkeit gesühnt, jeg- Wler Kummer getröstet, alles unverdiente leiden belohnt, alle Qewalttat bestraft, das Böse gedemütigl und vertilgt wird, und das Oute triumphiert? Alle diese schwersten und „letzten" Fragen, die den Menschen seit jeher keine Ruhe lassen, tauchen in unseren Tag:n aus den Tiefen der Seele von zahll fsen ernsten und sinnenden Menschen auf und heischen Antwort. Es ist nun äußerst lehrreich, /u ersehen, welche Antwort das judische Volk itit Verlaufe der Zeiten auf alle diese Fragen sich igab. Treffend malt die Anschauungen des jüdischen Volkes über das; Verhältnis des Einzelmemfchen /um Diesseits und Jenseits folgende Sage: Als der Rabbi auf dem Totenbette lag, kamen die Jünger hinein, um ein letztes Mal sein Antlitz /ff schauen, seinen Segen zu empfangen und Abschied von ihm /u in Innen. Wie groß w ar ihre Verwunderung, als sie das Lager des Meisters umgaben und bemerkten, daß sein Antlitz mit Tränen Übergossen war. Er weinte! Ein Staunen erfaßte sie und eine Angst, da si.- sich nicht erklären konnten, woher dieser Ausbruch der I raner in solch feierlicher Stunde k uue, da ihr I einer vor ti.itics Angesicht erscheinen sollte. Sie standen ratlos und verzweifelt da. Schließlich faßte sich der jungslc unter ihnen, der der Liebling des Rabbi war. ein Herz, trat an den Sterbenden heran und redete ihn folgendermaßen au: „Rabbi, weshalb weinst du? I'ut es dir leid, diese eitle, irdische Welt zu verlassen und diesen Körper von Staub, in den du gefesselt bist? Mast du nicht selber bei Lebzeiten dich nach der Vereinigung mit Gott gesehnt und uns gelehrt, dieses flüchtige, irdische Dasein zu verachten? Oder hast du etwa an der Qnade Gottes verzweifelt und es uberkommt dich eine Angst bei dem Qvtlanken an das himmlische Gericht? Oder hast du noch etwas in diesem l eben zu vollbringen, was du keinem übertragen kannst, und darum beschleicht dich eine solch«; Trauer, da Gott dich zu sich ruft? Antworte, belehre uns und kläre mts auf, denn wir sind durch dein Weinen in der Seele gerührt find wissen nicht, was wir anfangen und wie wir fortleben sollen." Der Meister wischte sich die Tränen aus den Augen und antwortete wie folgt: „Ich w eine nicht, als ob es mir leid t de, die Wonnen dieser irdischen Niederungen zu verlassen, die ja nur die Vorhalle der künftiges WeH sind, wo erst das wahre und echte Uebeu beginnt Auch die Strafen, die mich fiu meine Sünden in der anderen Welt erwarten, furchte ich nicht, denn so groß der Zorn Gottes wegen meiner Sünden auch sein mag. seine Gnade ist noch größer. Audi lasse ich Iiier kein unvollendetes Werk zurück. Was ich /u vollbringen hatte, habe ich vollbracht. Ich könnte in Ruhe von daiineii gehen. Aber web tut es mir, Qottes Welt verlassen zu müssen, die so schön ist, dal! man in einem kurzen Augenblick durch eine einzige Tat, durch einen ein/igen (iedauken, wenn nan einem Hungernden einen Hissen Brot reicht, einem Unglücklichen Hilfe und Ir is; spendet, oder ccin einziges Mal sieh nach Gott sehnt — sich die eauze Seligkeit jener Welt verdienen kann. Ihr wissl ja. wie es;;>sagt winde: Schöner ist ein einziger Augenblick in der Seligkeit jener Welt, als