Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 4 (1928)
- Issue
- 35 (31.8.1928)
- Date
- 1928-08-31
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
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Seite 3 Anzahl jüdischer Legenden hat ei fast in jüdischem (leiste bearbeitet, Und noch der Achtzigjährige hat die Herausgabe einer Sammlung von Weisheitssprüthen des Talmuds und der Mldraschiffl geplant. Wer Tolstois religiös-ethische und philosophi'c'.i-moralischc Sihrifou mit Aufmerksamkeit liest, wird unschwer herausfinden, daß '•>' der rotstoischen Oed ankenweit so manches jüdische Geistesgut mit enthalten ist. Und schließlich, mit tiner gewissen Einschränkung, darf man wohl sagen: Durch sein Zurückgreifen auf das Urchristentum ,t Leo Tolstoi nach mancher Richtung dem Judentum recht nahe gekommen. ( Leo Tolstoi war einer der „Frommen der Erdenvolker", einer ner Frommen, die, nach dein Ausspruch der talmudischen Weisen, les ewigen Anteils am jenseitigen Leben sicher sind. Im Pantheon der Repräsentanten der Menschheit bleibt sein Ruhm unvergänglich. Männer wie Tolstoi pflegte das Judentum mit den Zedern des Libanon ZU vergleichen. Die Libanon/eder nannten die (iriechen fdros Thaumaste „die wunderbare Zeder" und nennen die I lindu Devadara „Oottesbaum". Mit diesen beiden Epitheta ist der greise Tolstoi nicht selten geschmückt worden; und nicht unverdient. Denn wunderbar erschien er allen denen, die in einem (iottsucher etwas mehr als einen eitlen Phantasten erblicken. Vui Anlali der hundertsten Wiederkehr seines (icburtstages werden viele dem Dichter Tolstoi Ruhmeskränze winden, manche dem I icnker Bewunderung /ollen, die einen werden dem Apostel, die .indem dem Propheten huldigen. Wir aber wollen an seinem Gedenktage des Schülers Hillen), des Predigers der Nächstenliebe, des Frommen Leo Tolstoi in Ehren gedenken. Dank verpflichtet, dali Sie sich an mich in dieser Angelegenheit gewandt haben...." Außerdem schreibt Tolstoi einen Brief an einen bürg, der Folgendermaßen lautet: lerrh in Peters- Tolstoi Uber Kischinew Im Anschluß an die (ireuel von Kischinew hatte der hervorragende russische Gelehrte, Professor Nikolai lljitsch Slaraschcnko in P» tersburg die AbsendnUg einer Adresse an das Komitee zur Unter« Stützung der Juden in Kischinew angelegt. Auch Tolstoi wurde aufgefordert, seine Unterschrift für diese Kundgebung, die bereit! von etwa 350 Oelehrten, Schriftstellern, Künstlern und sonstigen, im öffentlichen Leben stehenden Personen unterzeichne) war. zu geben. Darauf erhielt Professor Starascttenko einen Brief, in dein es heißt: „Von ganzen Herzen stimme ich Ihren Ausführungen bei. Nur lie Worte: „Es ist eine brennende Schmach für die ganze Christen« luit" erregen bei mir Bedenken. Sie können vielleicht wegbleiben oder durch folgende ersetzt weiden: Durch die in den letzten lagen in Kischinew verübten Oreuel aufs tiefste erschüttert, drük« ken wir unter grobem Schmerz den schuldlosen Opfern, die durch (He in den unteren Volksmassen < rregte Bestie gefallen sind, unsere Teilnahme aus und nicht minder unsere Bestürzung über die von Russen verübten Bestialitäten. Unauslöschliche Schmach und Schande über jene, die solchis verursacht, indem sie das Volk gegen die Juden aufgehetzt haben, über alle, die daran mitschuldig sind. Jedenfalls wenn nur jene Worte weggelassen werden, unterschreibe ich alles recht gern, und ich fühle mich Ihnen dafür EU „Lieber J.N.! Ihren Brief habe ich erhallen. Ich habe schon einig, ähnliche Briefe zugeschickt bekommen. Alle Korrespondenten, ebenso wie Sic, verlangten von mir, daß ich meine Meinung Über die Kischlnewer Vorgänge äußern soll. Mir scheint, dali in diesen Auffor« derungen ein Mißverständnis enthalten ist. Es wird vorausgesetzt, dali meine Stimme Gewicht besitzt und deshalb wird von mir verlangt, ich möge meine Meinung über einen solchen wichtigen und nach seinen Ursachen s.> komplizierten Vorfall, wie die Kischincwcr Greueltat es ist, abgeben. Das Mißverständnis besieht darin, daß von mir die Tätigkeit eines Publizisten verlangt wird, während ich) ein Mensch bin, der sich mit einer ganz bestimmten I rage, die nichts Gemeinsames mit den gegenwärtigen Vorfällen hat, beschäftigt: nämlich mit der religiösen Frage und ihrer Anwendung auf d;is Legegenwärtige Geschehnisse zu verlangen, ist ebenso grundlos wie ben. Von mir eine öffentliche Aeußerung meiner Meinung über wenn man dies von irgend einem Spezialisten verlangen wollte, der ein gegenwärtiges Ereignis zur Illustration des von mir unterstützten Gedankens gebraucht; aber über alle gegenwärtigen, wenn auch sehr wichtigen Vorkommnisse ein Urteil abzugeben, wie dies di - Publizisten tun, isl mir durchaus unmöglich, wenn ich es auch lür noch so notwendig hielte. Wenn ich so handeln wurde, bitte ich längst von anderen Gesagtes wiederholen müssen, und dann v. Irde wahrscheinlich auch jene „Bedeutung" meiner Meinung nicht existieren, auf Grund deren man von mir ihren Ausdruck verlangt. Was mein Verhältnis zu den Juden und zu den schrecklichen Vorladen von Kischinew betrifft, so mÜBSte es, glaube ich. für alle kiar sein, die sich für meine Weltanschauung interessiert hallen. Mein Verhältnis zu den Juden kann kein anderes als das zu Brüdern sein, die ich liebe, und zwar nicht deshalb, weil sie Juden sind, s indem weil wir und sie, wie alle Menschen, Söhne eines Vaters und Gottes sind, und diese I iebe fordert keine Anstrengungen in einerseits, weil ich vorzüglichen Judenmenschen begegnet bin und sie kenne. Mein Verhältnis zu dem Kischinewer Verbrechen wird auch durch meine religiöse Weltanschauung von selbst bestimmt. Noch bevor ich alle I inzeheiten, die nachhei publiziert wurden, kannte, bald nach dem ersten Zeitungsbericht, begriff ich all das Entsetzen des Geschehenen und empfand ein schweres und >;cniis,iH s Gefühl des Mitleids gegenüber den schuldlosen Opfern der Bestialität der Masse, der Verwunderung über die Vertiertheit dieser Leute, dieser Scheinchristen, ein Oefühl des Abscheus und des tiefsten Ekels vor denjenigen, den sogenannten „gebildeten" Leuten, die die Mass»- aufhetzten und sie in ihren < iexv alttatcu unterstützten, und hauptsächlich vor dem eigentlichen Anstifter des Blutbades, vor unserer Regierung mit ihrer die I eute betörenden und fanatisierenden (keistlichkeit und ihrer raubsüchtigen Bande der rschinowniki. Die Kischinewer Gewalt- Ontral-Theater ■Betriebe Anton Schneider C.T-Casino das eleganteste Tanz-Cabarett Der größte ErOffnungs-Spielplan ^J*»X+f\S+»J**S\S+~f*f\Ss**sf\S+*j Künstlerische Leitung; Direktor Kurt Kaiser I I 0