Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 4 (1928)
- Issue
- 22 (1.6.1928)
- Date
- 1928-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 2 GEMEINDE BLATT DER ISRAELITISCHEN RELIQIONSOEMEINDE, LEIPZIQ Die Kreishauptmannschaften Zw ickau, Chemnitz und Bautzen zeigen eeit 1875 eine größere Anzahl Juden und stehen nach der Volkszählung des Jähret 1025 wie bisher den Krcishauptmannschaftcn Leipzig und Dresden nach Heber die Bewegung der Juden ist folgendes /u sagen: In Sachsen Ist die (i e hu r t en q u ot e der Juden günstiger als im Übrigen Deutschland. ><> trafen auf 1000 Juden im Jahre 1Q11 20,1, 1025 10,2 Geburten, w.ihrend in allen übrigen Lindern die Geburtenzahl Unter 20 liegt Die Ursache liegt in der hohen Zahl ausländischer den. die in Sachsen eine neue Heimat gefunden haben, was man bereits aus der Geschlechts Verteilung ersehen kann, bei dei das männliche Geschlecht überwiegt, das immer an der Wando ung stärker beteiligt ist als das weibliche Geschlecht. Tabelle IV Der Anteil der Geschlechter 1005, 1010 und 1025 männl. weibl. 1905 7886 0811 1910 9408 8119 1925 11919 11333 Bei der nichtjüdischen Bevölkerung bildet das weibliche Geschlecht dagegen die l leberzahl. Tabelle V GehürtigReit der Juden 1010 in Sachsen Im übr. Deutschi. Osterreich m. 1910 m Dil 1910 |l,U IUI Ungarn m. w. m. w. nn tut m in In Prozenten: 27.1« IUI SIN ISN 1 K! IM IX'Jti Rußland m. w. 1701 KHK andere Staaten m, w. <» m 17,99 ls N U9 .1 Jil Im Jahre 1010 stammten 58 Prozent der Juden Sachsens aus nichtdeutschen Ländern. Für 1025 liegen nach Mitteillung iles Sächsischen Statistischen Landesamts keine diesbezüglichen Angaben vor. Der jüdische Geburtenüberschuß betrug 1011: 100, 1012: 321, 1013 : 245, 1020 : 310, 1021: 302, 1022 - 77 Seelen, was, verglichen z. hen werden muß. B. mit Deutschlands größtem Land, Preußen, sehr günstig angese- Die jüdischen Ehen beliefeu sich im Jahre 1010 auf 47, die Mischehen dagegen auf 38, 1011: 57 und 33, 1012: 74 und 39, 1013: 74 und 30, 1020: 320 und 64, 1021: 104 und 57, 1022; 211 und 73, 1023: 200 Und 05, 1024: 107 und 57, 1025: 87 und 64. Die hohe Zahl Mischehen fällt bei dieser Aufzählung sehr auf und demgegenüber die geringe Zahl rein jüdischer Ehen. Die Ursache ergibt sieh daraus, daß viele Eheschließungen allein nach jüdischem Ritus eingegangen werden, ohne also das Standesamt in Anspruch zu nehmen. i)eshalb enthalten die diesbezüglichen Ziffern der amtlichen Statistik nicht den richtigen Tatbestand. Hebräisches im Deutschen Von S. M ei s e 1 s. lt.' Man bat in einigen Wiener Blättern weidlich darüber gespottet, als in einem 1 In eithcleidigungsprozeß der Richter das Wort ..Schuft" vom hebräischen „Schotet" herleitete. Es ist klar, daß Sprachforschung nicht gerade zu dem Metier des Richters gehört, und daß in etymologischen Fragen nicht ein richterliches Urteil entscheiden kann. Interessant ist es allenfalls, daß das deutsche Wort „Schuft", in hebräische Schriftzeichen transkribiert, das gleiche Wortbild ergibt wie das hebräische Wort ,.Schotet"; eine Wortverwandtschaft zwischen beiden Ausdrucken ist indes kaum anzunehmen, da der Bedeutungswandel (ich denn doch nicht von der Bezeichnung des Höchsten zu der des Niedrigsten vollziehen kann Wehr aus Neugierde als um eine Lücke in meinen sprachwissenschaftlichen Kenntnissen auszufüllen, bin ich den etymologischen Spuren dieses Wortes nachgegangen und habe zu meinem Erstaunen gefunden, daß viele bedeutende Sprachforscher „Schuft" als ein Wort hebräischen Ursprungs erklaren, und zw ar soll es vom hebt .tischen „schofel", gemein, niedrig, herstammen. Auch diese Worterklärung ist nicht einleuchtend. (levvisse gewaltsame Schlüsse sind bei ctvmologischen Untersuchungen fast unvermeidlich. Ein deutscher Sprachforscher bat einmal die kühne Behauptung aulgestellt, daß das Wort „Haube" in der Wendung ..unter die Haube kommen" mit dem hebräischen Worte „chuppc" identisch sei. Das klingt sehr plausibel, zumal da man auch im Jüdisch-Deutschen sagt: „unter die Chuppc kommen"; aber sprachgeschichtlich läßt sich die Richtigkeit dieser Ableitung nicht erhärten. Das eine is-, aicher: in der deutschen Sprache ist ein ansehnlich Teil latentes Hebräisch vorbanden. So weist Dr. Emst Wasserziehet, ein Mann, der seit einem Menschenalter mit deutscher Sprachgeschichte emsig beschäftigt ist. in seinem etymologischen Wörterbuch „Woher?" an der Hand ahlreicher Beispiele nach, daß der lu-l>- räische Einfluß auf die deutsche Sprache weit stärker ist, als man bisher geglaubt bat. „Sind die Indogerinaneii", schreibt Wasser- „wirklich von Hochasien nach Europa gewandert, so haben sie den semitischen Gürtel passiert oder gestreift. Da müssen sprachliche und kulturelle Einflüsse stattgefunden haben, von denen wir heute noch keine Kenntnis haben." Bei vielen deutschen Wortern ist der hebräische Ursprung sofort zu ei kennen, ,s.» die Wörter Anfn, Hisam, Hosianna, Jubel, kr.scher. KrethJ und Plethi; Mammon; .Wanna Mene Tekel, Philister, pleite, Sabbath, Sack: Satan; schichten; 8chiholetb. Sorapb. 1 oliuwabohu und andere. Weniger bekannt ist es, daß „Ebenholz" (ein schwarzes, st einschwer es Holz) vom hebräischen hohnim (Ezech. 27,15) und „eben" (Stein) abstammt. Das Fremdwort „genieren", VomFranzfiaischefl gene. Zwang, Qual; leite! sich vom kirchenlatcinischen gehenna, somit von dem hebräischen fehinnom ab. „Ghetto" fuhrt Was-crzichcr auf das hebräische Wort ßhet, Absonderung, zurück. „Kabale", List; Ranke; stammt vom rabbinischen Kabbala, Geheimlehre, vom hebräischen Kabal, empfangen,;tlso eigentlich empfangene Geheimlehre; der Bedeutungswandel ist hier freilich sehr stark. „Kümmelblättcheu", das bekannte Glücksspiel mit drei Karten, heißt eigentlich gimel, Zahlbuchstabe für drei. „Kaffer", ein einfältiger, '..•ngchildeter Mensch, stammt von kaphar, Dorf, und heißt so viel wie Dörfler. „Maske", Gesichtsverhüllung, stammt von maßwe, Hülle. Schleier. Auch viele deutsche Familiennamen sind hebräischen Ursprungs: Ascher =— der Glückliche, Füssen — ben Elia, Elissohn; Hahn ist kein Hahn, sondern eine Zusammensetzung aus Elhanan, Katz. kommt aus Cohen Zedek, Kaufmann ist kein Kaufmann, sondern Kopmann, eine Verkürzung von Jakobmann, Mayer (in verschiedenen Schreibungen), heißt eigentlich meir, leuchtend, glänzend. Zahlreich sind/auch (die dem;|thebi äisehen Schrifttum entnommenen sprichwörtlichen Redensarten, die dun deutsehen Sprachschatz einverleibt worden sind; da ist natürlich der Einfluß der hehräisebej» Bibel auf den (ieist der deutschen Sprache das Entscheidende. Viele deutsche Kernsprüehe, die heute noch der Volksmund gern und häufig gebraucht, sind Bibelworte. Friedrich Kluge gibt in seiner Deutschen Sprachgeschichte ein interessantes Verzeichnis von deutschen Kernworten, die der hebräischen Bibel entnommen sind. Folgende kerndeutsche Sprüche sind BibelsprücheI Bleibe im Lande und nähre dich redlich (Ps. 37); Recht muß doch Recht bleiben (Ps. 04); Wer andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein (Spr. 26); Unrecht Out gedeiht nicht (Spr. 10); Hochmut kommt vor dem Fall (Spr. 16); Wer sich in (iefahr begibt, kommt darin um (Sirach 3); Das Werk lobt den Meister (Siracii 0); Wer Pech angreift, besudelt sieh dSJJ (Sirach 13); Gewalt geht vor Recht (Hab. 1); Bis hierher und nicht weiter (Hiob JS); Mit fremdem Kalbe pflügen (Rieht. 14); Im Schwei-« ße seines Angesichts sein Brot essen (1. Moses 3); Seinen Mut an jemand kühlen (2. Moses 15); Ein Dorn im Auge (4. Moses 35); Sein Herz ausschütten (1. Sam. I); Ein Kind des Todes (I. Sam. 20); Willer den Strom schwimmen (Sir. 4). Diese von Kluge angeführtem Kernworte und sprich»'örtlichen Redensarten könnten noch vielfach vermehrt werden. Nicht jeder, der den Auadruck „himmelschreiend'' gebraucht, weiß es. daß d'esem Ausdruck d e Stelle 1. Moses 4, 10 zugrunde liegt. Wer Aufwiegler und Marktschreier eine „Rotte Korah" nennt, hat ihnen eine biblische Bezeichnung all! I. Mos. 16 gegeben, und wer „das goldene Kalb anbetet", macht sich nach 2. Mos. 32 des Götzendienstes schuldig. Wer von einem „wunderlichen Heiligen'' spricht, hat ein Psalmwort zitiert, und wer da sagt „Gott gibt's den Seinen im Schlafe", hat einen Psalmvers in ein Sprichwort umgewandelt. Wir sprechen mit dein Propheten Jesaias, wenn wir einen, der in den Wind spricht, einen „Prediger in der Wüste*4 nennen, und gleichviel, ob wir den Psalm 26 im Qedächtnil haben oder nicht, nach jeder Uebeltat verfehlen wir es nie, unsere „Hände in Unschuld zu waschen". Aber nicht mir Kern Worte und Sprüche, auch viele Finzelw öi ter sind der Bibel entnommen. Das Wort „Feuereifer" hat Luther geprägt; es ist eine wörtliche Verdeutschung des hebräischen Ausdrucks „esch klnah" (Zephanja 1, 18). Das kräftige Wort „Lästermaul" ist nach Spr. 3. 4 gebildet, ebenso ,;Mördergrube" nach Jeremias 7, 11. Luluhers Wortbildung , Sündeu- | bock" lehnt a n 3. Mos. 16 an.