Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 4 (1928)
- Issue
- 16 (20.4.1928)
- Date
- 1928-04-20
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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4. Jahrgang, Nr. 16 20. April 1928 J ™y.tkkf '. *r-- y ü ~*itiP7sr&enti$cken AmUichzz N^chnchiehbl hier GeHieiiideverw<Hrt Äe l iqionZqz fnzvfidz $u ^ti^tg ClKItA ¥ v Dm <-ie*i»i ^„irtt e scheint wöchentlich am Freitag . *» rt'.'.j.'ndem der Relignrsgemeinde wird et un MtMttUB durch die Fost 7uqeMellt. Bezug^r«» für f llchtwr'c l;.;der monatlich 60 Pfennige. An; Ilgen innahme: W Tttefetl. 0 ocnenstraSe .1. Telephon!4449 Scnr ttleiturq: Gemerndo,a~,c o . »ia* 0*: *n, Leip. >g, Löhratr, lO. Tcleph ... :; Druck und Verlag; W Te.chrr. Leipzig,, C.\ -iensti. II, Te'tchr.n 14449" An jeiienpi-ise; D:e 4 qespal'*n.* nv &s!!a .0 Pfg. F«- mi.isfi nd »leine Anzeigen if. P|j In chlagMlMn und T»> '-rerate naclomsicI. Tarif.- r i den ''iseratenleil J, Kühne, Bauhofstr 9 (Tfleoh ,n 14449). Die Schriftleitung übemimmMQr die unter dem Name:, des Verfassers ericheinenden Beiträge und die Ver einsnschrichten nur die preogerretzUche Verantwortung. Nac'idru'k nur mit Quellenangabe und Genehm'gung drs Verfassers gestattet. Gab es ursprünglich :ififcn-jüdifche Märchen Von J. Herzberg : Kassel (früher Bromberg). Einen Hauptbestandteil der Jugendliteratur bilden die Märchen in ihren mannigfachen Formell und Darstellungen. Sie sind in der Hauptsache für die zartere Jugend bestimmt, der sie entweder auf dem Wege des Vorerzalllens oder der eigenen Lektüre übermittelt werden. Es ist nun aber eine eigentümliche Tatsache, dali es Ursprünglich spezifisch jüdische Märchen garnicht gegeben hat, obwohl jedes Volk auf seiner Kindheitsstufe Märchen erzeugt hat. Das jüdische Schrifttum ist so Überaus reich an den mannigfachsten poetischen Kunstschöpfungcii sowohl in gebundener, als auch ungebundener Sprache. Das biblische und t hündische Zeitalter nicht nur, sondern auch spätere Perioden haben uns (ieistesprodukle dieser Art geliefert. Zahlreiche Denker und Dichter jüdischer Nation haben ihre Lehren und Mahnungen in ein dichterisches Oewand gekleidet. Sie schufen nicht nur Fabeln und Parabeln, Sagen und Legenden, Gleichnisse und Denksprüche, sondern sogar auch Liebes- und lloehzeitslicder, lisch- und Trinklieder, Dauer- und Klagelieder, Sabbat- und b'cstlicdcr. Selbst Rätsel und Widmungen bildeten die Produkte ihres geistigen Schaffens. Zu keiner Zeit aber hat sich der judische Dichter der Märchcndiclitung zugewandt. Man bot alles auf, um den dem Volke /u übermittelnden Unterweisungen und Belehrungen die ansprechendsten Formen KU verleihen, umgab den Kern mit einer verlockenden I lulle, um ihn annehmbar erscheinen zu lassen. Ja, mau wandte da, wo das Interesse zu erlahmen drohte, gar oft recht drastische Mittel an. Nimmer aber verstieg mau sich dazu, sich eines eigentlichen Märchens, insbesondere Zaubermirchens tu bedienen, obwohl die in den frühesten Zeiten scholl überall, namentlich im Orient, mit verbreiteten Minhendiehtungen hierzu bitten verleiten können, und sie später in Uebersetz.ungen im jüdischen Schrifttum Eingang gefunden haben. Iis wird daher wohl schon vielfach die Frage aulgeworfen worden sein, warum es denn eigentlich ursprünglich keine spezifisch jüdische Märchen gebe, nicht geben kann. Um diese Trage beantworten zu können, ist es erforderlich, das Wesen des eigentlichen, ursprünglichen Märchens an sich klarzulegen. Ilaben wir dieses erfaßt, so wird auch die Tatsache nicht mehr so ganz befremdend erscheinen, dall das Judentum sich dein Märchen, insbesondere dem Zaiibermärchen, gegenüber gar so ablehnend verhält. Das Wesentliche der Märchendichtung ist nun, dali sie den ("Dauben an zauberische Mächte kultiviert, die in das Walten der ewigen Gottheit eingreifen. Sie erzählt von übernatürlichen Kräften, die, außerhalb des göttlichen Machtbereiches stehend, hier zum Guten, dort zum Bösen in das Leben des Mensehen und dessen Geschick eingreifen. Ja, sie stellt gar oft Begebenheiten In einer Weise dar, als ob alle Bande der Natur gerissen, alle Schranken einer ewigen, vom allmächtigen Weltensehöpfer eingesetzten Ordnung niedergelegt seien. Nun soll das Märehen in erster Reihe, wie schon angedeutet wurde, der zarten Jugend dienen. Auf die Urteilsunfähigkeit unserer Kleinen bauend, wähnt man, die Phantasie derselben nicht auf falsche Bahnen zu leiten, wenn man an sieh unwahre, ja, Unmögliche Tatsachen als wirklich geschehene darstellt. Man glaubt, d :s Gefühl für Wahrheit und Aufrichtigkeit nicht zu verletzen, wenn man Naturwidriges als naturgemäß und Unmögliches als möglich bezeichnet. Man meint eben, dall für das Kind noch kein Unterschied zwischen „wahr" und „falsch", zwischen möglich'' und unmöglich bestehen, und dall es in seinem Vertrauen auf unsere Autorität alles, was wir behaupten, für glaubhaft hält. Es ist dies ein gefährlicher Weg. der!;ar zu oft ins Verderben führt und verhängnisvoll für die Jugend werden kann, die vertrauensvoll von uns sich leiten lallt. Wehe uns, wenn wir nicht bestrebt sind, diesekindliche Vertrauen tu rechtfertigen! Das Judentum verdammt daher auch diesen Weg. Iis will auch der Jugend gegenüber und unter allen Umständen die lautere Wahrheit walten lassen. Sie, die gar sinnig von unseren Alten als das ,,Siegel Oottes" bezeichnet wurde, soll durih nichts, auch nicht in laut', rer Absicht, ge:rübt werden. Sie soll durch alle Zeiten in Ihrem vollen Olanze und ihrer ganzen Wärme auf die Jugend wirken. Und der oben gekennzeichnete Weg ist um so gefährlicher, wenn das, was tlie II. Schrift in ihren Blättern als verpönt hinstellt, als „Oreuel" bezeichnet, und mit Todesstrafe bedroht, geradezu gutgeheißen wird, und wenn Menschen, die - piche „Greueltaten'' begehen, Beifall gezollt werden soll. Wohl soll die Phantasie der Kleinen angeregt werden; Verstand und Gemüt sollen wohl genährt werden, ilie geistige Nahrung, die wir bieten, braucht auch nicht immer tler Wlrklichke'l entnommen zu werden, im Qrtuide alter muß sie sich aus Tatsächlichem zusammensetzen und darf sich nicht mit den elementaren Oesetzen der Vernunft und des Verstandes in Widerspruch stellen, darf das nicht Sanktionieren, was die Religion verdammt und als entsittlichend bezeichnet. All die hier hervorgehobenen schädigenden Einflüsse haben wir hei keiner anderen der Jugcndlckvürc dienenden Dichtungsform zu befürchten. Weder die Fabel noch die Parabel, weder die Sage noch die l egende sind geeignet, irgendwelche Bedenken in der schon bezeichneten Art zu wecken. Wer wollte es auch bedenklich finden, dem Kinde eine harmlose Fabel tu übermitteln, in ihr beispielsweise ein Wolf und ein Lamm, oder ein Löwe und eine Maus afs miteinander redend vorgeführt werden. Mit welchem Vergnügen lauscht das Kind den Worten der zueinander sprechenden Tiere! Und wenn da- Kind wirklieh einmal fragt: „Können denn die Tiere sprechen?" — so versündigen wir uns wahrlich keineswegs gegen die Wahrhaftigkeit, wenn wir antworten, daß die Tiere wohl nicht sprechen können, dall sie sich im gegebenen Falle aber also äuftern würden. Ganz so verhält es sieh mit de; Sage und der Legende. Beide poetische Schöpfungen Itaben in erster Linie einen realen Kern, um den spätere Oeschlechter eine immer dichter gewordene Mülle von weiteren Zügen und Tatsachen gesponnen haben. Sie führen uns in eine reale Welt und versündigen sich nicht gegen Vernunft. Verstand und Religion, sie lehnen sich nicht ^cgin Gott und sein Gesetz auf. Darum ist ehemals für das Zaiibermärchen durchaus kein Platz im jüdischen Schrifttum gewesen, es sollte und durfte keine belehrende und unterhaltende Lektüre bilden. War nun das Märchen überhaupt aus der jüdischen Literatur verbannt, so kann von einem eigentlichen „jüdischen Märehen, d. h. Märchen mit jüdischem Milieu, gar keine Rede sein. Ein wirklich „jüdisches Märchen'' wäre geradezu widersinnig!