Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 4 (1928)
- Issue
- 15 (13.4.1928)
- Date
- 1928-04-13
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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4. Jahrgang Nr. 15 13. April 1928 nttaiflM JchJsr&elitiscken Ani-McKeS Hdxhr ichien iö *cier GenieiMcleverw*ltHff kz l iqiongqz ntzindz \* ütnfa (tKKAKV tf K » e-rii-deblatt «ischeint wöchentlich am Freitag De« Jt tgllodem der Religionagemeinde wird ea uneartga'tllch durch die Post zugestellt. Bezug ipraia 'flr Nlehtmitglicder monatlich 60 Pfennige. * nzeigenannahme: W. Teichel. GlockenstraBe 11. Telephon 14449. bcnnftleitung: Gemeinderabb. Gustav Cohn, Leipzig, Löhrstr, 10, Telephon 29641. Druck und Verlag; W Teicher, Leipzig, Glackenstr II, Telephon 14449 Ar. zeiaenpreiae; Die 4 gespaltont mm-Zeile Ä> "'g. Familien- und kleine Anzeigen '0 Pfg. U-nichlags*".en und Te'.t.njerate nach beaond. Tarif. - Für den nseratenteil: J. Kühne, Bauhofs»:. 9 (Telephon 144-19). Die Schr.ftlettung übernimmt (ü: .le ur.tcr dem Namen dea Vtrf&llen erscheinenden Beitrüge und die Vereinanachrichten nur die pteBgesetzliche Verantwortung. Nachdruck nur mit Quellenangabe cml Genehmigung des Verfassers gestattet. Zedakah und Wohlfahrtspflege Von Gemeinderabbiucr Dr. Jakob Horovitz, Frankfurt a. Main (Schluß.) Sie wünschen TO wissen, ob die Entwicklung der Wohlfahrtspflege von der reinen Armenfürsorge zur produktiven Arhciisiürsorge mit starkem sozialpolitischem Einschlag dem Sinn der alten Zedakah entspreche. Ich beantworte die Frage mit einem entschiedenen Ja. Ich habe noch nicht die im Sinne des Judentums höchste Stufe der Wohltätigkeit genannt. Diejenige ist 'S. die sich bemüht, den Verarmten durch ein Darlehen oder in Irgendeiner anderen Form so tu stützen, daß sie ihn von der entwürdigenden Notwendigkeit befreit, auf die Hilfe der Nebenmenschen angewiesen zu sein. Nur. wer so handelt, ineint Maimonides, erfüllt das Wort der Schrift: „So dein Bruder verarmt und seine Hand wankt neben Dir, stütze ihn, damit er mit Dir lebe.*' Das will - der Meister folgt hier einer alten UeberUeferung der Oesetzesquellen sagen: stutze ihn so, dal) er nicht sinke'. Man sieht auch hier wieder einmal, daB der gepriesene Fortschritt unserer Zeit längst von der Forderung lies jüdischen Rcligionsgcsclzes vorweggenommen ist. Das letzte Ziel aller Wohlfahrtspflege muH sein und bleiben, jeden einzelnen sittlich und in der Entfaltung der ihm gegebenen Fähigkeiten und Möglichkelten so stark zu machen, daß er in die Reihe der Schaffenden eintritt. Nur wer gemäß seinen Gaben und dem Besonderen, das er darzubringen vermag, in BeinerWeise und sei es auch au der bescheidensten Stelle, mitarbeitet an einer der vielfältigen Aufgaben der Gesamtheit, erlangt seine Ehre und Würde als ein im EbenUlde des Schöpfers geschaffenes Wesen. Er erst lebt mit dein ganzen und an der Seite seines Nebenmenschen in dem einzigen Sinn, den der Begriff des Lebens für den Menschen haben kann. El gibt kaum ein Wort, das mehr mißbraucht wird und in das Gegenteil von dem umgewandelt worden ist. was es bedeutet, als dal Wort Unterstützung. Sein eigentlicher Sinn ist mit unvergänglichen Lettern in der genannten Schriftstelle zum Ausdruck gebracht. Sie sollte die leuchtende Inschrift der jüdischen Zedakah in ihrer heutigen Ausgestaltung sein. Alle grollen sozialpolitischen Versuche <*•- Neuzeit sind nur ein Tasten und Stammeln gegenüber den Idealen, die daS jüdische tiesetz im Jobel und in anderen Institutionen ausgeprägt hat. In manchen Kreisen des Christentums wird der Bettel in der Theorie verherrlicht, während er in der Praxis bekämpft wird. Bei uns ist das Umgekehrte der Fall. Wir bekämpfen ihn in der Theorie und fördern ihn in der Wirklichkeit. Eben darum aber ist es umscrmehr notwendig, die wahre Auffassung des Judentums mit allem Nachdruck zu vertreten. „Verrichte auch die niedrigst scheinende Arbeit vor den Augen der Öffentlichkeit, damit Du nicht die Hilfe Deiner Nebenmenschen in Anspruch zu nehmen brauchst. Sprich nie, ich bin ein angesehener Mann, diese und jene Arbeit schickt sich nicht für mich", lehrt der Talmud. „Groß und beilig ist die Arbeit'', meinen die Alten. Auch der erste Mensch konnte im Paradies erst nach getaner Arbeit einen Genuß finden. Darum beißt es zuvor in der Schrift: „Gott führte ihn in den Garten Eden, damit er ihn bearbeite und behüte", während dann erst gesagt ist: „Von allen Bäumen des Gartens genieße!" Lin berühmter Rabbi meint an einer anderen Stehe: „Da ÜOtl zu Adam sprach: ,Dornen und Disteln wird Dir der Ackerboden aufsprossen lassen, und des Feldes Kraut sollst Du essen', entströmten seinen Augen Tränen, und er sprach: .Herr der Welt! Soll ich und mein Esel aus der Krippe essen?4. Als aber Gott fortfuhr; ,lm Schweiße Deines Ancgsichtes sollst Du Dein Brot essen', war Adain befriedet." Was wir diesen Sätzen entnehmen? Der Schweiß der Arbeit ist kein Fluch, sondern höchster Segen im Sinne unserer Lehre. Wird das Paradies erst zum Paradies durch die Arbeit, so kann erst recht diese Erde nur durch die Arbeit zu einem Segen werden für den Menschen. Alle Mittel sind darum seitens der jüdischen Organisationen zu erschöpfen, um den vielen, die Arbeit suchen und nicht finden. Arbeittmögtichkeiten zu verschaffen und diejenigen, die nicht arbeiten wollen, zur Arbeit tu erziehen, lieber die Wege zu sprechen, die in dieser Hinsicht zu gehen sind, liegt nicht im Rahmen meiner Aufgabe. Aber eines zu sagen, ist mir Pflicht und Bedürfnis: es müßte die \ornehmste Sorge aller berufenen jüdischen Vereinigungen und Per« sönlichkeiten sein, eben denjenigen, denen man zur Arbeil verhilft, auch zugleich den Tag zu bringen und neu zu schenken, der die besten Kräfte des jüdischen Stammes durch die Jahrtausende in den einzelnen und in den Familien geweckt und erhalten hat. Nie Wullen wir vergessen, daß dasselbe göttliche Gesetz, das der Welt den Sabbat gab, im gleichen Augenblick verkündet hat: .Sechs Tage sollst Du arbeiten " Ein jeder von uns kennt d.:~ ei reifende Wort dd Propheten, das am Sabbat der Sabbate In den Gotteshäusern Israeli verlesen wird: ..VX'cnn du vom Sabbat fernhältst deinen Fuß, deine Arbeit nicht tust an meinem heiligen Tag. ...dann trage Ich dich hoch empor über die Höhen der Erde, dann lasse ich dich genießen das Erbe Jakobs." Der Sabbat ist nie und nimmer ein rechter Sabbat ohne die Arbeit der Woche. Aber die Arbeit schenkt nicht ihren letzten Und höchsten Segen, bringt nicht Frieden und Weihe ohne die Ruhe des siebenten Tages. Erst, wer sie kennt, „genießt das Erbe Jakobs" und schöpft das Schönste und Tiefste aus. was das Ootteswoii Israel gegeben hat. Arbeit und Sabbat im Bunde machen die Erde zu einen Garten Eden. Eine Nebenfrage ist noch zu beantworten. Selbst wenn die Wohlfahrtspflege immer mehr im Geiste des Judentums systematisch ausgebaut sein wird, bleibt Raum genug auch für die persönliche Betätigung aller derer, die sieh nicht unmittelbar mit ihr im großen Stile befassen, zumal bei der Unvollkommenhelt aller menschlichen Einrichtungen wohl niemals restlos alle erreicht werden, die der Hilfe und Betreuung bedürfen. Dabei sehe ich ganz davon ab. dafl heutigen Tages fast ausnahmslos jedem mannigfache Pflichten In dieser Hinsicht Freunden und Verwandten gegenüber obliegen, und daß sich Tag um Tag neue Möglichkeiten und Notwendigkeiten ergeben, um Oemiluth Chassodim, die Vollenderin und Ergänzeriii der Zedakah. nach den verschiedensten Richtungen hif auszustreuen. Flier nur einige ganz wenige Beispiele! Der übt nach talmudischer Anischt stets Zedakah, der ein Waisenkind bei sieb aufnimmt. Groß ist die Zahl der Kinder, die heute der rechten Erziehung und Pflege entraten. Was gibt es Schöneres, als bei ihnen Vater- und Mutterstelle zu vertreten! Sodann gilt es, die alte jüdische Gast-