Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 4 (1928)
- Issue
- 12 (23.3.1928)
- Date
- 1928-03-23
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
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GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE, LEIPZIG S«i»e 3 Die Kownoer Moralisten Eine absterbende jüdische Sekte Von Bar-Ami. (Schluß.) Als Israel Salant sich seinem dreißigsten Lebensjahre näherte, brach über die Juden in Rullland die Nikolaische „Aufklärungscpochc" herein (1843). Israel Salant sah das Judentum von außen wie von innen bedroht und beschloß, es vor dem Unterging ZU retten. Als llauptmittel da/u sollte seine Idee dienen: Die Versenkung in das Studium der Moralliteratur und das QrÜbein über die ethischen Probleme. Er war fest überzeugt, daß wenn nur jeder Jude sich aller moralischen Pflichten bewußt und an der Ausbildung seiner Persönlichkeit in dieser Richtung arbeiten winde, alle Gefahren der Verlokkung zur Abtrünnigkeil und zur weltlichen Aufklärung an ihm abprallen würden. Er bildete allmählich sogar eine Art ethischen Systems heraus, dessen zwei Hauptsätze sich etwa folgendermaßen formulieren lassen: Der Mensch muH darnach trachten, daß die Tugend ihm zur /w eiten Natur werde und daß er sie übe, nicht weil (iott es so befiehlt, sondern weil er garnicht anders kann. Jeder Mensch kann diese Stufe erreichen, lehrte Israel Salant, nur muH er darnach streben, mit Bewulitsein, ,.durch Nachsinnen, Betrachtung der Nichtigkeit dieser Welt, Selbstkritik und praktische Hebung". Letztere beruht darauf, dali der Mensch seine Affekte bezähmt Doch genügt es nicht, wenn jedermann das für sich allein tut; jedermann ist verpflichtet, den Nächsten dazu anzahlten. Am besten dient dazu das ,,Musar-l laus", wo alle gemeinsam an der Besserung jedes Einzelnen arbeiten. Je mehr Israel aber dieses System der Einwirkung auf die Menge ausbaute, desto mehr vergröberten sich die Mittel. Lines der wirksamsten Mittel, um die Masse vom Bösen abzuhalten, ist die Strafandrohung. Israel Salant erschöpfte sich also in der Ausmalung der Strafen, die den Bösewicht in der Hölle erwarten. Der ursprünglich so hohe dedanke, das (inte sei uneigennützig, rein um seinetwillen allein zu erstreben, stieg allgemach in die Niederungen herab und verwandelte sich fast in das Gegenteil: der Mensch muH das Böse meiden, aus Angst vor der Strate, die ihn dafür treffen wird. Und da diese Welt nur ein vergänglicher, kurzlebiger Traum ist, so wiegen alle Leiden, die der Mensch hienieden erdulden kann, iederleicht und sind garnicht der Rede wert, im Vergleich mit den Qualen, die ihm in der Holle für seine Sunden aulerlegt werden. Diesen Qualen zu entgehen, muß das einzige Trachten des Menschen auf Erden sein. Es ist selbstverständlich, dal! für „diese Welt", für das politische, kulturelle und wirtschaftliche Leben des jüdischen Volkes in dem System des Meisters Israel kein Raum war. Ihm persönlich waren alle Dinge dieser Welt vollkommen gleichgültig. Für das Wohl, oder gar für die Rechte der Masse ZU kämpfen, ihre wirtschaftliche und kulturelle Lage zu heben, welche Torheit! Was konnte >s nutzen:' (iott führte ja am Ende;Iio Welt, ganz wie es ihm gefiel. Die Hauptsache war die Versenkung in die Moral. Jede intimere Berührung mit der Außenwell war vom Hebel. Schon eine andere Sprache zu verstehen als Jiddisch, war verdachtig Wer hebräische Grammatik studierte und darnach die Bibel auslegte, war ein arger Ketzer. Line schwere Erkrankung notigte Rabbi Israel Salant im Jahre 1857 nach Preußen ZU gehen, WO er in llalbcrstadt die Acrztc befragte. Von dort ging er über Berlin nach Frankfurt a. M. und dann nach Königsberg, Memel und Tilsit. In Deutschland, das ihm als der Urquell aller so gefürchteten Ketzerei und Aufklärung erscheinen mußte, fand er zu seinem Erstaunen Stimmungen, die der seinigen ähnlich waren. Auch hier kämpfte mau gegen einen gefährlichen Feind, die Reform; auch hier suchte man nach dem Ausdruck einer neuen Frömmigkeit. Israel Salant scheint um diese Zeit eine Wendung zum Talmud zurück gemacht zu haben: er s;nin jetzt auf Mittel, ihm unter den Juden die alte allbeherrschende Stellung wieder zu erobern, die er einst unumstritten besaß. Zuerst wollte er ihn ganz in ein populäres I iebräisch übertragen lassen; dann aber verfiel er auf den Oedanken, eine Petition an die Regierungen zu richten, dali sie den Talmud in eine europäische Sprache übertragen lassen sollten, gleichviel in welche. Er versprach sich davon zunächst, daß das Ansehen des Talmud in den Augen der Europäer steigen werde, sobald sie sich nur mit seinem Inhalt vertraut gemacht haben; daran würden sich die Juden ein Beispiel nehmen, würden reuig und beschämt ganz zu ihm zurückkeh- *en und ihn wieder in allen Ehren einsetzen, die er noch vor zwei Menschenaltern besaß; die Juden würden streng seine Lehren be- Menschenaltern besaß; die Juden würden streng seine Lehren befolgen und nach ihm leben. Ueber allen diesen Plänen und Arbeiten vergaß er nicht seine Gründungen in Litauen, die Musar-Häuser, ebensowenig die in der Heimat zurückgebliebenen Jünger und Anhänger und richtete aus der Lerne an sie Sendschreiben und Belehrungen und ermalmte sie, der Lahne treu zu bleiben. Die Rabbiner alter Gbservanz witterten in dieser ganzen Bewegung zwar etwas Störendes, Neuartiges, das vielleicht zu tiefgehenden Spal* hingen fuhren konnte. Sie traten auch gegen Israel Salant auf um! wiesen auf das Sektiererische seiner Bestrebungen hin Wenn es nicht zu einem so heftigen Kampfe kam, wie er sechzig oder achtzig Jahre vorher gegen den ( hassidismus entbrannte, so lag es an zwei Umständen: Israel Salant entwaffnete durch die Makellosigkeit seines Wandels, dir absloute Uneigennützigkeil seines Strebens und d'e Milde und Gute seines Wisens jede heftige Gegnerschaft, '■seine große I iclehrsamkeit flößte überdies allen, denen senic Lehre Übertrieben und verdächtig scheinen mochte, tiefen Respekt ein. Wichtiger jedoch war der Umstand, daß die Zeit für Religionskriege nicht mehr geeignet war. Die Haskalah hatte ihr Werk ge an. die politische und ökonomische Entwicklung war weiter gegangen, ilie Geister hatten sich anderen Aufgaben und Problemen zugewendet. Im Jahre ISStl finden wir Rabbi Israel Salant in Paris, wo er Unter dem damals kleinen Häuflein von eingewanderten russischen Jude» seine Lehre predigt und Musar-I läuser gründet, dabei sich bemüht, einen Uebe/setzer für den Talmud zu linden, docii ohne Erfolg. Michael Rabinowitz war ihm zuvorgekommen und hatte ganze Teile ins Französische übersetzt und mit einem Kommentar versehen. Es ist indessen nicht bekannt geworden, daß diese Werke dm von Israel Salant erhofften Erfolg gehabt hätten. Auf der Heimreise aus Paris nach zweijährigem Aufenthalt verstarb Rabbi Irsacl Salanl in Königsberg (1883). Sein Werk dauerte in der Heimai fort, aber noch zu Lebzeiten des Schöpfers war der Keim des Unterganges in das Wei l, gelegt worden. Anfangs 1S7I schritt der bedeutendste Jünger des Stiftes, Rabbi Simcha Süßet in Keim unweit Kowno an die Gründung einer richtigen Musargemdnde, womit er eine Jeschiba nach altem Musur verband. Hier nahm die Bewegung zum erstenmal ilie Gestüt einer regelrechten, kristallisierten Gemeinde (Kehilla) an, die sich bewußt in einen bestimmten Gegensatz zu den anderen Glaubensgenossen stellte. Sogar gewisse, natürlich ganz unbedeutende und im Grunde lächerliche Aenderungen im Gebetritual wurden eingeführt; \o» Kehn aus, verbreitete sich die Bewegung über andere Städtchen teils automatisch, teils durch bew ußte, rührige Propaganda. Die Sektenbifdüng machte wirkliche Fortschritte. Im Jahre 1877 und 1S7S stiftete ein reicher frommer Mann in Berlin, der Geheime Kommerzie nrai l ach mann, die Summe zehntausend Mk. als Stipendium für junge Leute, die sich an denjeschiboth in 1 itatien für den Rabbiner-Beruf heranbilden wollten. Die Kandidaten sollten aber nicht etwa ZU modernen Rabbinern, wie die Zöglinge des Hildesheimerschen Seminars in Berlin herangebildet werden. Sie sollten \iehnehr Rabbiner alten Schlages bleiben, fem von jeglicher Berührung mit der profanen Welt und deren Wittes* schaffen. Das war der ausdrückliche Wunsch des Spen- KÄBSCHÜTZ hervor nujendu Quölflatsmqbel Ol IS eigem-r Fnbrik. Leipzig Körnersir. 54"56