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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1928-03-16 · 11 (16.3.1928) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
4 (1928)
Issue
11 (16.3.1928)
Date
1928-03-16
Page
[Seite] (sequence 10)
Language
German
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Saite 8 sich mit irgendeiner Qabe von ihnen loskauft. Schnorrer vom Heiligen Dutzend, ilas sind „fcmptänger", fromme Mü- Biggänger in jeder Betklau«e, die I almudt raktate schlingen und die rotenfürbitt' bei einer Leiche sprechen und aui dem Uottesakker zur Jahrzeit. Man dar! zu ihnen auch die Schofarbläser, Mesusoth-Durchseher und dai ganze Kapitel so» her Leute zahlen. — Thora- und Mizwahschnorrer, wie beispielsweise Keuschbeitsasketen, die Ihre l rauen und Kinder vertanen, aich in einer Betklauae irgendwo in der i remde vergraben und aui Kosten der Leute den Talmudtraktat „Vom I i" studieren. Jeschiwah-Zögünge, die müßig herumbummelo, hintei dem Ofen hocken und sieh krat/en und Freitisch essen. Ehrwürdige Juden mit dem Schnupftuch in der Hand, oder so 'ne Art „Vorsteher'. wie sieh das nennt, die Almosen Ummeln, angeblich für irgendeine wohltitige Sache. — Verschämte Schnorrer, die von Bürgern ihre Wochenuntcratützung und Almosen im Stillen empfangen. Halbe Schnorrer, wie zum Beispiel Talmudthoralehrer in vielen Städten, die halb Lehrer, halb Schnoner -iud. desgleichen auch Synagogeisdiener, Hilfsrabbiner und Rabbiner oft. Jeder von diesen ist halb das, was er ist und halh »las, was alle anderen Juden mit dem Heitelsack sind. — Fetttagsschnorrer, solche, die gewöhnlich Purim schnorren, dann, wenn Juden überhaupt sich Her/ machen und vor lauter Fröhlichkeit sich bandenweise zum Betteln in die Häuser aufmachen, oder auch mal zum Feiertag sonst, und heißen tut's dann, sie schnorren angeblich fur andere, leide; QotteS. I > a r I e h e n s s e h n 0 r r e r . solche, die ihr ganzes Leben lang inner dem Vorwand Almosen nehmen; ein Gefälllgkeitsdarlehen angeblich nur, heute, morgen gehen sic's mit Dank zurück. — I rinnerl mich, ich bitte euch, spreche ich, gibt's vielleicht sonst noch Schnorrer, die ich behüte vergessen haue, in der Liste aufzuführen? — Mein liott, was iiegt dran? — verzieht Alter mißbilligend das Oesichl wie ein gesetzter Mann über einen losen Jungen schrecklich: lr hat behüte was vergessen!...Was ihr eine wichtige Sache: die Liste! I nd wenn man weht in der Liste stellt, kann man behüte kein Schnorrer sein!... — Sagt das nicht, Rcb Alter! — widerspreche ich eifrig. Unsere Schnorrer tragen die Nase recht hoch, sind schrecklich aui ein Häppchen Ehre aus. Linem braucht bioß was von Lc.iiuigung vor/uschwancn. gleich ist er bereit, euch ans Leben zu gehn. Ootl bewahr vor einem Schnorrer-QenUeman! ...Hait, seht Ihr, da isfs mir auch richtig eingefaUen! I B berufen noch eine Menge Schnorrer! „Lnkcl" (von hjnligen Rabbis angeblich), „Jerusalem- und Paläatinajudcn", „Ahhr.ind.cr". Kranke mit ärztlichen Attesten, verlassene l.heweiber, allerlei Witwen, Buclncrlasscr, neumodische Autorinnen mit des Mannes Schriften. Nur gemach, uns, Reil Atter, hat der Teufel auch nicht geholt Man kann uns Buche rko,poi teure ruhig mit dazu rechnen, und wenn wir schon so weit sinde beehrt doch mit einen -Aufruf auch unsere Drucker und allerlei Redakteure, sie und alle fhrc Arbeiter, Setzer, Korrektoren, bchreitaer, Korespondeaten: „mögen sich erheben mii allen den Schnorrern" ... Nun, Reh Aller, müßte man alle diese Leute gehörig sortieren, jeden an seinen Plate in der Liste Hab* doch, denk' ich, keinen vergessen, wie? — Li, pfui, Reh Mendaiel sprich! Alter aufgebracht und beginnt Meli zu krai/en - Kcnug, bei Oott, mit Luern Schnorrern. Es juckt mich schon am ganzen Leihe davon, als Überschütteten mich tausend I lohe. V on um jus konntet Ihr's kurz machen: Uan/. Israel derselbe Schnorrer und basta. Macht Schluß, ein Lnde muh es nehmen. Lallt I ischken weiter erzählen und unterbrecht Ihn nicht. — Heb Alter, ich hab'sl ruf ich plötzlich laut aus - nur ist noch eine Sorte Schnorrer eingefallen! Bchnorrer-Bankiersl — Lin großa Fund, wahrhaftig! Tse—tae—tse! — schnalzt Alter— von nur aus können die ewig vergessen h.eiben. — Linen von diesen Leuten, Silnche, den Lustigen, kenne ich in Dummin^cn sogar sehr gut. Lr hat sich ein Buch angelegt, in dem alle rliusei geschätzt sind, wieviel Einnahme ihm jedes das Jahr durch bringen muß. Die Häuser, sagt er, sind mein, sie zahlen mir Zins, Ha|iz Dummingen i>t mein Kontor. Lr hat die Qewohnheit, jeden Tau einen bestimmten teil Ilauser vorzunehmen. Wohlaul'gelegt und großzügig tritt er ein in ein Haus. Reicht man ihm gleich die (iahe, so ist's gut. Wenn nicht, sa^t er: „Auf Wiedersehen, maTht nichts, ich sehreib's aufs Konto" und eilt Wohlgemut weiter. — Von mir aus kann Ihren Simchcle, den Lustigen, der Teufel holen! — spricht Alter kurz und bündig und bittet Fischkc weiter zu «rzählen. „In der Stadt, in die wir jetzt kamen, stand ,;Kavallerie"-LandbetteIleirte mit Planwagen. Es war eine Pleite. Neumodische Bürgersleutche» steckten dort rau9, daß Bettlern nichts gegeben werden sollte. aulier alten, kranken, elenden Krüppeln, üesunde junge Leute, Weiber und Mädchen sind nicht krank, zu dienen, zu arbeiten und aus eigener Krait ihr Brot zu erwerben. Das judische dumme Erbarmen richtet bloll grollen Schaden an. Daher kointnt's, sagten sie, dali sich bei uns Nichtstuer erhalten, zahllos wie Wanzen, die andern das Blut aussaugen und sie kahl Messen. Sie halten eine Art Fabrik eingerichtet, wo man gesunde Bettler, die zu liast kamen, mit irgend einer Arbeit beehrte: Stricke drehen, Sacke nahen. Und dafür bekamen sie IU essen. Die Bettler begannen dort seltener zu werden. Die „Kaval.e. iev, ilie wir dort antrafen, war über diese neumodische Einführung sehr erbost, in Siedehitze. — Hille! — schrien sie alle - nun geht die Welt unter! Wo ist denn das jüdische Erbarmen geblieben? Aus ist's mit der Jüdischkeit, bei Oottl ...Einer, ein rothaariger, robuster, (die Lest ihm an den Hals!) war der Rädelsführer und uberschrie alle: „Das ist Sodom! das reinste Sodoml Wieso gehört sich's, daß die Reichen ruhig dasitzen wie die Grafen und andere für ••ich schuften bissen?! Ist ihr Vermögen denn nicht der andern Mühe, der andern Arbeit, der andern Schweiß?! Selber sind sie zu fürnehme Leute, schonen ihren Adam, und möchten bloll, dall der andere arbeitet. Lin Reicher, je dicker er ist, je gesünder, e gröber sein Biuchlein, desto fürnehmer, ein desto feinerer Bürger ist er. Unsor einer im Qegenteil, mufi sich mit seiner Qesundheit verstecken, schämen wie ein Dieb. Jeder schreit, wie bei Zahnweh: Waium gellt so ein gesunder Kerl nicht arbeiten? Ls wär' au der Zeit, bei Holt, die Qeschichte mal umzudrehu: die Reichen sollen mal Arbeit schmecken, was ist denn, sind wohl krank? Hast recht, Leibusehke, hast recht, wir sind auch jüdische Kinder, so heilig-scheinheilig wie sie! — schrien sie beifällig in die Rede des roten Bankert und zerstreuten sich allmählizch aus dem Armenhaus. Qegen Abend muB ich gerade am Bethaushof vorbei. S'ist schon dunkel, und eine Menge Menschen, unberufen, spazieren da auf und ab. Aul einmal schlägt mir von der Straßenseite eine jammernde Stimme ans Ohr, so flehend, dall es einen Stein rühren mußte. Wie ich stehen bleibe, erblicke ich nicht weit von mir einen gebrechlichen Juden, der auf beiden ausgestreckten Annen ein Steckkissen hält. Aus dem Kis>en dring! das («»uaken eines Säuglings, dem ärmsten »erschlägt's vor Schrei'n die Stimme. Dei unglückliche Vater dreht sich nach allen Seilen, schaukelt es, wiegt es, stillt es ein mil jammernder Stimme und hitleren Seufzern: „; ), ich Unglücklicher, ich Verlorener! Mein Weib stirbt und lallt mir auf den Händchen so ein Würmchen zurück! ...O. verloren I ist du, kleine, elende Waise, was fingst du an ohne Mutter? A-i-a' Psch-pSCh-DSChl Was soll ich dir, ärmstes tun?" ...Jeder, der vorbeigehl, steckt ihm etwas in die Hand, manche Frauen sprechen ihn auch an. Und er in einer Tour: .,(), ich Unglücklicher, ich Verlorenerl" und schaukelt und wirft sich mit dem Steckkissen nach allen Seiten. Das Herz krampfte sich mir im I eibe zusammen vor 1 ilvirinen mit dem unglücklichen Vater und dem unglücklichen Waisenkindchen noch in den Windeln, das ärmste, leb nehme aus dei lasche einen Dreier und nähere mich dem unglücklichen Vater. Wie ich ihm über das K ssen weg die Qabe reiche, versetzt er mir einen derben Kniff in die Hand und singt dazu mit seiner jammernden Stimme: ..( ). verloren bist du!" und legt einen rechten Nachdruck auf das „du", als meinte er mich. Ich fasse mich vor Schmerz an ilie Hand, springe erschrocken zur Seite und bleibe ganz verdutzt stehen. Der Vater Wendel sieh bald mir zu, ich fasse ihn genauer ins Auge und bin ball... Für heute wird's genug sein. Komm her, da, halt das Kind ein biftehenl — spricht er und schiebt mir das Steckkissen in den Arm. Das kleine Waisenkind, sehe ich, ist Art Puppe, in Lumpen gewickelt, und der unglückliche Vater Ist der rote Bankert Leibusehke, die Pest ihm an den Hals! Er hat es aber wirklich knorke gemacht, der Tausendsassa! (iejainmcrt, geächzt für sich, und gequäkt, vor Schreien fast erstickt fur das Kind... „Siehste, so muß man's mit den dummen Menschenkindern machen! versetzte er —. Geben sie's nicht gutwillig her, nimmt man's ihnen mit Kunstkniffen ah, ohne das rreht's nicht. Der Rabbiner, der llilfsrabbiner, der würdige „Empfänger" und das ganze „Heilige Dutzend" — alle verstellen sich, machen TaschenspicicikünstC. Sie mit ihrem Hokuspokus, und ich — o, ich Vertorrner! — mit meinem klei» neu Waisenkindchen. Melkt euch, Rindviechter! Sprich, Fischke Amen!" Prompt ti. vorzüglich ST€CßP€L tjtyjm^nw ALBERT OTTO LEIPZlG.PlauenscheStr2 Tel.25291 SCHILDER jyunjmNTi /tysoyeD ddhb, nyarirayn

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