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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1928-03-16 · 11 (16.3.1928) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
4 (1928)
Issue
11 (16.3.1928)
Date
1928-03-16
Page
[Seite] (sequence 9)
Language
German
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GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSÜEMEINDE, LEIPZIG Seite 7 ■jgHgggj Feuilleton mt&t-u-h Vom jüdischen Bettelmann Aus „Fischke der Lähme" vun Mcndale (Uebertragen von A. Suhl) Nach der Hochzelt1) haben wir garnicht flbel zusammen gelebt, L;anz wie ein jüdisch Ehepaar soll. Ich habe, denk' ich, gegen meine Frau getreulich alle Pflichten erfüllt Hörl ihr, Juden, mein Mund -.oll mir abschrumpfen, wenn ich euch anlüge! Jeden Morgen führte ich sie, wie es sieh gehört, an ihren Platz neben dem alten I riedhot, wo ihre Gewohnheit war, auf ein wenig Stroh dazusitzen und um AI« mosen zu bitten in einem Klageliedton, der allen ans Her/, ging. Einige Mal den Tag pflegte ich ihr - da ein Töpfchen Warmes, lia ein Napfkuchchen, eine saure Qurke, einen Mostapfel hinauszubringen. Nimm, erquick dich dran! Sie hockt doch d e ganze Zeit aui einem Fleck und isi vom Geschäft stark in Anspruch genommen. Oft kam ich auch einfach so mal nachsehen, was sie macht, auch, ihr ein bißchen zu hellen hei der Lösung: einem herauszugeben, dem anderen Rest von einem Dreier, von einem Sechser; sie au alte Forderungen bei Bürgern zu erinnern, die ihr im Vorbeigehen n'icht gleich bar gezahlt, sondern es für spater aufgeschoben hatten, oder eine Kuh, eine Ziege fortzutreiben, die aui ihrem Spaziergang durch die (lassen die I usi ankam, ihr unter dem Qesäfi hervor ein Maul voll Stroh wegzuschnappen. Im Monat 1 lul führte ich sie auf das große Jahrmarktstreiben hinaus, draußen vor der Stadt, auf den Friedhof. Sie machte es nicht irger, als daübrige Heilige Dutzend dort: Synagogendiener und -Dienerinnen, Vorbeter, „Sagerinnen", > mpfänger", Psalmenbeter, „Vorsteherinnen", ,Knötchenlegerinncn '; „Gottesackermesserinnen", Wein- und Klageweiber. Da, so tat es s'ch melken, Juden! Es war was. Niehl Übel, wovon /u /ehren! Duell wenn es gut geht, will mau's noch besser; hat man Brot, so will man Kuchen. Weiht du was? fängt meine Frau au Leute wie ich und du, so ein Paar, wie wir beide, kann aui der Welt behüte nicht verloren gehen. Bei unserem Bröl sind unsere Mingel lauter Vorzüge. Alliiere sollten so was in I landen haben, Und ihr Gluck wäre gemacht Wir beide sind große Tolpatsche und tun nicht, was nötig, Folge doch, wahrhaftig, lieber deinem Weihe, ist ein bißchen älter, erfahrener als du. Komm, Fischke, führe mich hinaus in die freie Welt, unter I eilte, in die Gegenden dorthin, und du wirst sehen denk an meine Worte! dall wir im Gold waten werden, liier aber, an diesem Orte ist fast nichts mehr zu machen. Man sitzt manchmal eine ganze lange Zeit da, bis einer sieh erbarmt und einem einen Pfennig nibt. Was wiid nicht von dem großen Glück erzählt, das Blödian, der Cholera-Bräutigam*, draußen In der Welt zusammen mit Perle, ■.einem Weibe gemacht hat! Sie sind gleich nach der Hochzeit fort, und es geht ihnen unberufen! Mottel „Empfänger" ist ihnen in Kisehenew begegnet, w ie sie in die I läuser betteln gingen. Ihr Sack, erzählt er, ist mit allem Guten vollgestopft - mit Wcillhroistuckcn, größer als man hier dem Schabbesgoj gibt, mit Maiskuchen, mit geräuchertem Schöpsenfleisch, mit gedörrter Darmwurst und Flecken. Perle Strahlt wie die Sonne selbst. Mau kann ihr nicht ins Oesicht blicken. Sie ist fett, dick und breit, mit Backen - die reine Gräfin. Von Dümmingen will sie nichts mehr wissen, nicht geschenkt! Leute, <lie aus Odessa kommen, können sich garuichl genug verwundern Uber das Glück, das Jontele, der andere Cholera-Bräutigam gemacht hat. Sie haben ihn dort auf seinem Gesäli zwischen den Krambuden herum rutschen sehen, und Gott schickt's ihm zu. Er machts gut Die Leute können sich garnicht satt sehen an ihm. Odessa, sagen sie, hat doch genug Krüppel, wo irgend ein Krüppel in der Welt, der macht sie h dorthin auf. und man ist schon an sie gewöhnt Aber w ie können sie sich mit den Düfflmingern vergleichen, solche wie Dummujgen zustande bringt, kann selb>t England nicht liefern. Dümmingen, so erzählt man, hat einen Rul in der Welt, hinler einem I Mimminger her, laufen die Leute zusammen, wie hinter einem Kalb mit fünf Füßen... Uns, wahrhaftig, wird Gott auch nicht verlassen. Komm, jetzt Solange *• noch Sommer ist, wollen wir uns hinaiismachen. Zieh's nicht hin, ein Tag, wahrhaftig, ist auch schade. Meine Frau hatte mir Lust gemacht, und wir Zogen los. Was soll ich euch sagen, Juden, es fj;ing uns sehr gut, in wilches Dorf auch, in welche Stadt wir nicht kamen, wir hatten einen Bombenerfolg. Jeder sah uns nach, niemand schlug uns die Bitte ab. ') Fischke hat eine blinde Bettlerin geheiratet. -) Zur Verscheuchung von Epidemien wird auf dem Gottesacker die Hochzeit armer Krüppel abgehalten. 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Ihr glaubt, so mir nichts dir nichts zieht mau los und gehl einfach in die Häuser. Nein, das .ist eine ganze Wissenschaft Hei Juden ein reicher Manu zu werd-n, da braucht's bloß Glück. Impertinenz, verkniffene Aeuglein und dergleichen das kommt schon später sowieso v in selbst. Doch ein jüdische- Bettelmann zu sein — a'.ier wirklich was sich Bettelmann nennt! da ist Glück allein noch nicht genug, er mufX auchviele . Sachen wissen und kennen, die zu dem Geschäft sehr vonuötcn sind. Er muß das Spiel verstehn und dem andern so an die Ourgel Lehn, dall ei einfach geben muß, und wenn ihn der Schlag rührt. Ich und mein Weih waren „I inibc'.tcllcutc'. Ihr schaut mich ja so an, liebe 1 eilte, als käm's euch spanisch vor. Mit Verlaub! Wenn ich schon angefangen habe zu erzählen, werde ich euch das auch erklären. Die Bettelleute werden wie die Soldaten eingeteilt! In „Infanterie".., Halt mal. wartet, es ist da ein Durcheinander von hunderterlei Sorten, ein verfitzter Knäuel von schweren Namen und Uebernamen. Bettelleute, die Uppeln, zu l ml auf die Walze gehn... ihr Teufel kann sie alle nennen! Anne Ludei wie Heu! solche und solche, Schnorrer da und dort, Hungerleider, Habenichtse nach allen Regeln der Kunst, Stromer draußen auf der Landstraße, Bettler, fromme Müßiggänger, „Empfänger" und Tellerleckcr in der Stallt. Allerlei Sorten, unzählig viel! ...Hai, mal, wollen uns ein bißchen besinnen." Fischken aber nutzte das Besinnen auch nicht viel, er verirrte sich in den großen Heerscharen der Beitelleute und wußte nicht mehr ein noch aus. Ich verstand aus seinen Worten so viel, dall alle diese Arten von Bettelleuten bei uns sich so einteilen lassen: „Infanterie'' (kKt Fußbettelleute, die zu lull umherstrolchen und ,,Kavallerie" oder Wagenbettelleute, die in Planwagen umherziehen. Außerdem werden sie noch in diese Arten eingeteilt: Stadtbettclleute, solche, die irgendwo in der Stadt geboren sind, gewöhnlich irgendwo in Litauen, und i andbettelleute, die einfach draußen auf der Landstraße in einem Planwagen geboren wurden, ihrer Eltern Ehern sind schon ewig umher gezogen. Diese Art von Bettelleuten sind jüdische Zigeuner. Beständig wandern sie von einem Lude der Welt zum anderen, sie werden geboren und wachsen aui iniiT betraten und haben Kinder und sterben ailes unterwegs. Sie sind freie Menschen, aller Dinge ledig, von Abgaben, Steuern und dergleichen, auch ledig vom Beten und der ganzen Jüdischkcit. Kein Herr über ihnen. - Zur Abteilung Stadtbettelleute gehören allerlei städtische Schnorrer von diesen Sorten: Schnorrer einfach hin, Männer, Frauen, Mädchen und junge Leute, die mit dem Bettclsack jeden Monatsersten die Häuser abklopfen, auch mitten in der Woche, und Pfennige sam nein und Brotstücken. Ein großer Teil Jungens und Mädels von ihnen laufen mal auch jedem auf der Straße nach und hängen sich einem an die Rockschöße, bis man

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