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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1928-03-16 · 11 (16.3.1928) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
4 (1928)
Issue
11 (16.3.1928)
Date
1928-03-16
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
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GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE, LEIPZIG Seite 3 Wer einmal ein solches Bild gesehen, mußte sich in die Büßerkammer eines mittelalterlichen katholischen Klosters oder wenigstens in eine Versammlung der Heilsarmee versetzt glauben. Selbstverständlich konnte von einer bewußten Nachahmung oder auch nur Anlehnung an diese Vorbilder nicht die Rede sein. Diese Frucht erwuchs auf ureigenem jüdischen Boden in Litauen und Kurland — dicht vor den Toren Deutschlands. Allein, die Moralisten bildeten nicht nur lose zusammenhangende Betgenieinden; es existierte auch eine Art Organisation, ihre Richtung hatte sich zu einer förmlichen Lehre ausgebildet, die ihre Pflanzstätten besaß und eine Propaganda entfaltete, so daß sie auf dem besten Wege war, sich zu einer wirklichen Sekte zu entwickeln, wenigstens in dem Sinne, wie der Chassidismus diesen Namen verdient. Allein sie war um gute hundert Jahre zu spät gekommen. Das Wesen dieser Bewegung richtig einzuschätzen, wird durch einen Blick auf die Persönlichkeit ihres Gründers und Meisters ermöglicht. Rabbi Israel l.ipkin, wie er mit seinem Familiennamen hieß, oder Salant, wie er nach dein Städtchen benannt wurde, wo er seine Jugend- und Werde/eit verbrachte, war IS 1(1 geboren; sein Vater war eine bekannte talnuidische Größe und fungierte als Rabbiner in Goldingeii und Telschy. Früh verheiratet, ubersiedelte Israel in das Haus seines Schwiegervaters nach dem oben genannten Salant, und in dieser Stadt reifte das Eigentümliche seiner Persönlichkeit unter dem Einfluß zweier Lehrer: des Ortsrabbiners, der zu den ersten talmudischen Kapazitäten seiner Zeit gehörte, und eines schlichten Mannes aus dem Volke, halb Krämer, halb Handwerker, der in der jüdischen Literatur tiefe Kenntnisse besaß. Unter der Anleitung des ersteren erwarb sich der junge Israel eine tiefe umfassende talmudische Gelehrsamkeit. Der andere war sein Meister in Sachen der Moral um! Frömmigkeit; er hat auf die ganze Lebensrichtung Israel Salants einen bestimmenden Einfluß geübt. Der einfache Manu war eine kontemplative Natur und führte ein tiefes Innenleben, dessen Inhalt vornehmlich durch die hebräische Moralliteratur bestimmt wurde. Im Umgang mit ihm entwickelte sich in dem Wesen Israel Salants das OemUtsleben und die mit einem starken, wohl angeborenen Hang zur Weltflucht verbundene Neigung zur Versenkung in das eigene Innere. Strenge Aufrichtigkeit und starker Wahrheitsdrang entfalteten in ihm eine Selbstprüfung und eine scharfe Gewissenhaftigkeit in der Beobachtung der eigenen Handlungen und Qeslnnungen. In- Unsere Gemeinde Konzert Am Sonntag, den is. .\Luz, abends s Uhr findet im Kaufhaus-Saal ein Violin-Abend der bekannten Qeigerin Clara Attara Herz aus Tel-Awiw statt, auf das wir hierdurch unsere Leser hinweisen. Frau Herz, die Konzertmeister der Oper in Tel-Awiw gewesen i-t. hat sieh bereits durch Mitwirkung an musikalischen Veranstaltungen in Leipzig einen Namen gemacht. Sie ist Mgisterschulerin des weltberühmten Geigers Professor Marteau, uessen ständiger Partner, Herr Rudolf MazudzhMld die Klavierbegleitung bei ihrem Konzert übernommen hat. Vortrag Von ganz besonderem Interesse für weiteste Kreise wird der Vortrag des früheren Ministers für jüdische Angelegenheiten in Litauen, halt seines Geisteslebens war natürlich das Studium der talmudischea und rabbinischen Literatur; andere Probleme waren für ihn nicht vorhanden. Innerhalb der talmudisch-rabbinischen Welt stritten seit her zwei Richtungen mit einander. Die eine zog im Studium den „Pilpul" vor, die scharfsinnige, spielerische Kasuistik und Diskussion die sich an sich selbst berauschte und Freude daran fand, ,,Berge, die an einem Haare hingen", Übereinander zu türmen; die andere ging darauf aus, den schlichten Sinn der Texte zu ermitteln und das wahre Gesetz durch streng logische Konstruktion herauszufinden. Israel Salant überliel! sieh anfangs ganz dem Pilpul; als aber eine g» wissenhafte Selbstprüfung ihm sagte, daß er sich hierbei unbewußt von der Ruhmsucht leiten ließ, da sein Scharfsinn die Bewunderung der Kollegen und Lehret erregte, entsagte er dem Pilpul und wanJte sich der entgegengesetzten Methode ZU. Aber auch hier fand er kein« Beruhigung, da er gewahr wurde, daß es seine Eitelkeit befriedigte, den Pilpul zu überwinden; darin erblickte er eine sehr schwere Sünde. Endlich kam er zu einer Art Synthese der beiden Methoden. Indessen mochten ihn seine Selbstquälereien auch hierin keine volle Befriedigung finden lassen: so fing er an, sieh immer mehr in die reiche und mannigfache Moralliteratur zu vertiefen, entgegen der seither üblichen Gepflogenheit, dieser Literatur einen Platz weit hinter der rein halachischen, religionsgesetzlichen einzuräumen. (Bei seinen Jüngern und Nachfolgern führte dies zum Extrem, so daß das Studium des Talmud beträchtlich zurückgedrängt wurde und gewissermaßen sogar in Verruf geriet, gleichwie dies ehemals mit dem Studium der Bibel gegenüber dem Talmud der Fall gewesen ist.) Mehrere andere Widerspruche im Wesen dieses seltsamen und in seiner Art bedeutenden Mannes kamen noch weniger zum Ausgleich. Der Drang zur Selbstbetrachtung und zu Orübeleien über ethische Probleme trieb ihn frühzeitig zur Einsamkeit, aber gleichzeitig fühlte er, daß es seine Pflicht war, das Gewonnene mit seinen Mitmenschen zu teilen, ihnen seine höheren moralischen Einsichten zu vermitteln und sie auf den richtigen Weg zu leiten. Da galt es. sich unter die Menge zu mischen. Um Einfluß auszuüben, nahm er nacheinander Stellungen als | ehrhaupt (rosch jeschibah), Rabbiner und Prediger an (in Wilna und Kowno). Aber da diese Stellungen mit einem QehaH verbunden waren, so hieß das fnr ihn, die Thon als Broterwerb mißbrauchen. Er entsagte also iliescu Stelinngen nacheinander und zoflf es vor, in tiefster Armut dahinzuleben, unter der auch seine Frau und Kinder litten. Schluß folgt. Herrn Dr. M. Soloweitschik Ober: Her nationale tiedanke im Judentum am Mittwoch, den 21. März, abends 8,30 Uhr im Kaufmännischen Vereinshaus sein. Die seltene Gelegenheit, diese führende Persönlichkeit über das hochaktuelle Thema zu hören, dürfte von vielen Wahrgenommen werden. Die Zionistische Vereinigung Leipzig, welche den Vortrag veranstaltet, bittet daher um frühzeitiges Erscheinen. Weltjcschiwa Lublin "Wie allen bekannt, hat sich vor einigen Jahren der bekannte Scjindeptnierte, Herl Oberrabbinci Meier Schapiro aus Pietrikow, die Aufgabe gestellt, eine Weltjeschiwa in Lublin zu errichten. Der Riesenbau von o Stockwerken mit über lOORlumen i--t nun bereits Vollendet und soll noch in diesem Jahre die Eröffnung dieses Riesenwerkes statt linden. IVORTRAQSABEND f »w.,y-»>va' ^■■i:U.. :j ... ... •f*—" MMtffy.i Mittwoch, den 21. März 1928, 8.30 Uhr abends spricht im Saale des Kaufmännischen VerciYshäuses, Schulstr. 5 Dr. M, SoSoweitschick ehemaliger Minister für jüdische Angelegenheiten in Litauen über das Thema „Der nationale Gedanke im Judentum" Die Austührungen des ausgezeichneten Redners werden einem allgerreiner In'ere^se begegnen, und wird um pünktliches Erscheinen gebeten. Zionistische Vereinigung Leipzig Gäste willkommen I DFR VORSTAND

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