Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 4 (1928)
- Issue
- 11 (16.3.1928)
- Date
- 1928-03-16
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE, LEIPZIG d) für die Westschule an Dienstag, 17. April, nachmittag!) i Uhr, im Schulgebäude der IT. Volksschule Elisabethallee 24 26. Die angegebenen Zeiten sind pünktlich dnztiharten. Die Schüler und Schülerinneu des FortWIdungsunterrichts versammeln sich am Mittwoch, l& April, nachmittags 5 Uhr, pünktlich im Gemeindeamt, Löhrstraße 10, zur Besprechung des Stundenplans. 1 eipzig, am I V Mar/ 1928. Der Direktor Rabb. Dr. Odtdmann Öffentliche Prüfung in der Religionsschule II Am Sonntau, IS. Mar/ 1928, findet von «» I Uhr für alle Schülor md Schülerinnen der Religionsschule II eine Prüfung in den Religionsfächern statt. Die Prüfung wird im Bibliothekszimmer der Höheren israelitischen Schule. Oustav-Adolf-Str. 7, abgehalten. Angehörige der Kinder sowie sonstige Interessenten haben Zutritt. Leipzig, den II. Mär/ l»2S. Der Direktor Rabb. Dr. Carlebach Bar mizw ah- Vorbereitung Zur Bartnizwa-Vorbe reitung werden seitens der Gemeinde unentgeltlich besondere 1 chrgänge abgehalten. Für die in der Zeit vorr '. Oktober 1915 bis H. Dezember 1915 geborenen Knaben beginnt der Lehrgang am I. April 1928, Nur wer darin teilgenommen hat, wird als Baimizwa in der Gemeindesynagoge zugelassen. Anmeldungen bis 31. März l')2S im Gemeindeamt, Löhrstr. 10, 1. Von der Teilnahme können auf Antrag der Eltern solche Knaben befreit werden, welche bereits ihren Religionsunterricht privat durch einen von der (iemeinde angestellten Lehrer erhalten. Auch diese Kinder sind /ur angegebenen Zeit ZU melden. Leipzig, den 28. Februar 1028. Der Vorstand der israelitischen Religionggemeinde zu Leipzig. Im Anschlul! an den Unterricht in unserer Religionsschule II ist ein Barmfzwa-Vorbereitungsunterricht eingerichtet worden. In diesem Unterricht sollen vor allem das Erlernen der Tonzeichen (Neginoth) für die Thora- und Prophetenvorlesung geübt und die praktisch-religiösen Vorschriften (T'fillin, Zizzith usw.) behandelt werden. Der nächste I ehrgang beginnt Montag. 16, April d. J., 3,30 Uhr nachm., im'Gebäude der Höheren Israelitischen Schule, (iustav- Adolf-Str. 7, und ist für Knaben bestimmt, die in der Zeit von Anfang Oktober d. J. bis Ende Mar/ n. J. Barmi/wa werden; die Teilnahme daran ist kostenlos. Anmeldungen nimmt schon jetzt der Direktor der Religionsschule II. Herr Rabbiner Dr. Carlehaell, im Schulgebäude der Höheren Israelitischen Schule, Gustav-Adolf Str. 7, von 9—1 Uhr vorm. entgegen. Leipzig, den 5. März 1928, Der Vorstand der israelitischen Religionsgemetndc zu Leipzig Die Kownoer „Moralisten" Eine absterbende jüdische Sekte In den Städtchen des Gebiete« von Lettland, Litauen und Kurland sowie dem angrenzenden Streifen Polens erlosch vor kurzem das letzte Zucken mihi Bewegung, die noch vor drei Jahrzehnten weite Kreise um sich zog Damals war ihr Niedergang zweifellos, aber sie hatte 110. h Wurzeln in manchen Schichten der Judenheit jener Gegenden und w.u. sogar Reflexe hinüber bis nach Deutschland und den Vereinigten Staaten von Amerika. Die Vorginge der nachfolgenden Jahre zehrten den Rest der geistigen Kraft dieser Bewegung und ihrer 1 l iger auf, und der Weltkrieg, der alles von unterst zu oberst gekehrt, hat die letzten Trümmer vollends hinweggeräumt. Es durfte jetzt von besonderem Interesse sein, die Geschichte dieser Bewegung, ihre Ausbreitung und ihren Untergang, sowie das Wesen jeuer l'A •onlichkeit, der sie ihre Entstehung verdankt, kennen zu lernen. Die ..V, ralisten" (baale ha musar), von denen hier die Rede sein soll, können wohl nicht in demselben Sinne als Sekte bezeichnet weiden, in welchem dies für das Karäertum zutrifft, dessen Anhänger sich to weit VOM Judentum entfernt haben, dall sie weder die Grundlehren in ihrer Gesamtheit noch die Stimmungen noch auch das Schicksal des Gcsamtvolkes teilten. Wenn die „Moralisten" es nicht einmal zu so ausgedehnten Oemeindcbildungen gebracht haben, wie die ChaSsidim 0 lag das an der Ungunst der Zeitumstände ebensowohl wie au der Dürftigkeit der Oedanken, mit denen ihre „Lehre" um Anhänger warb. Noch vor etwa Itiniiinddreillig oder vierzig Jahren konnte der " sucher kleiner lettischer, litauischer und ^inländischer Städte, aber auch größerei Gemeinden, wie Wilna und Kowno, in irgmd einer Ecke der Judengasae ein seltsames Haus finden, das „Beth ha musar' (Hau-, der Moral). AeuBerHch sab es aus wie jede kleine Synagoge in einem Ghetto, eine „Klaus" oder ein Bethammidrasch, halb Betlokal, halb Schule, ..der richtiger: beides zugleich. Das Haus stand denn auch jedermann offen. Ahe und Junge, Reiche und Arme, Kaufleute und Handwerker gingen darin au- und ein. Betrat man aber das Innere, zumal in der Munde dir Abenddämmerung, so gewahrte man sogleich, dall man sich in einer Anstalt befand, die sieh sowohl vom hergebrachten Bethaus als auch von der Talmudschule bedeutend unterschied. Weder saßen an den langen breiten Tischen junge Leute über grolle Folianten gebeugt, und ..lernten" mit lauter Stimme in dem üblichen Singsang der Talmudbeflissenen, noch standen Gruppen herum im gemütlichen Geplauder den Gottesdienst erwartend, noch vernahm man die Stimme der Betenden, die auf den Vortrag des Kantors antworteten. Es bot sich dem Besucher vielmehr ein Bild, das ihn fremdartig anmuten mullte, und in den judschen Gemeinden früherer Zeiten ganz undenkbar gewesen wäre. Den Raum betritt ein Mann, lädt den Kopf auf die Brust sinken, stellt sich in einen Winkel hin, und wendet das Gesicht der Wand z.u. Er kümmert sieh offenbar nicht im geringsten darum, ob noch jemand im Saale anwesend ist, jedenfalls nimmt er keine Notiz von ihm. Er stutzt den Kopf auf die Arme, verhüllt das Gesicht mit den I landen in Sinnen.- Worüber grübelt er? Ist es etwa ein schwieriges halacluV sches Problem, eine „herbe" Stelle im Maimuni, ein Widerspruch zwischen zwei Aussprüchen des Talmud oder eine wichtige religionagesetzliche l rage, deren Lösung ihm soviel Kopfzerbrechen verursacht? Weit gefehlt! Der Besucher des „Hauses der Moral" ist über solche „Kleinigkeiten des profanen Alltagslebens" hoch erhaben. Er grübelt Uber ein ethisches Problem; seine ganze Oedankentatigkeit ist nach innen gewendet und konzentriert sich aul einen Punkt. Er halt Gewissensprüfung, ei hält Abrechnung mit sich selbst. Er versenkt sieh in die Betrachtung ihr Nichtigkeit dieser vergänglichen Welt, er vergegenwärtigt sieh, dall der Mensch, all sein Tun und Sinnen und Trachten eitel, Eitelkeiten der Eitelkeiten ist. Dann strengt er seine Phantasie an, um sich alle die Strafen auszumalen, die den Sünder in der Hölle erwarlen; er gibt sich Mühe, sich als den ärgsten unter den Sündern /u betrachten, für dessen Sühne sämtliche sieben Hallen des Oehinnom (Holle) nicht ausreichen werden. Je mehr er sich in diese Betrachtungen versenkt, eine umso größere Angst bemächtigt sich seiner. Endlich bricht er in ein bitteres Weinen und Jammern aus. Er beweint seine eigene tiefe Sündhaftigkeit. Unweit steht ein /weiter, ein dritter, ein zehnter, der düstere Raum widerhallt von Stöhnen und Wehklagen, jeder Neuangekommene wird von der Atmosphäre angesteckt und stimmt ein, jeder beklagt sein „Bündel Sünden", die Sunden, die er begangen oder die er in Zukunft begehen könnte. Die Ekstase der Zerknirschung und der Büßfertigkeit steigt immer hoher, das Weinen erreicht seinen Höhepunkt, doch plötzlich schweigen alle ^till und horchen auf. Einer der Anwesenden, der Aelteste oder Angesehenste, rezitiert mit lauter Stimme einen Vers aus der Bibel, aus dem täglichen Gebet, «Hier auch aus der Mischnah, der sich auf Sündhaftigkeit oder Bulle bezieht, und die anderen wiederholen den Vers angstvoll und bangend, mit herzzereillender Stimme unter lautem Weinen und Jammern. Sie wiederholen den Vers immer von neuem, bis ihre Kräfte erschöpft zu sein scheinen. Dann rezitiert der Vordermann einen anderen Vers derselben Art. und alles fängt von neuem an. Das dauert so einige Stunden. (iew ihnlich Schloß dieser seltsame improvisierte (lottcsdienst mit dem Vers „l), Ewiger hilf uns!", worauf das übliche Abendgebet (maarib) vorschriftsmäßig verrichtet wurde. An manchen Tagen, so z. B. am Ausgange des Sabbat, und am Vorabend der Mondweihefeste (rosch chodesch) fing einer aus der Versammlung an „Musar zu sagen" d. h Moral zu predigen. Diese Predigt hatte nichts gemein mit den gewöhnlichen Predigten der Rabbiner oder auch der berufsmäßigen Prediger (maggidim oder darschanim); sie enthielt keinen scharfsinnigen „Pilpul" d. h. gelehrte Diskussionen über ein halachisches Thema, noch Homiletik, d. Ii. erbauliche Betrachtungen über aggadische Stoffe, sondern einfache Ermahnungen und Bußreden; so einfach die Reden waren, so eindringlich wirkten sie. Die Zuhörer erfaßte ein Schaudern. Sobald der Prediger schwieg, fing das Jammern und Weinen von neuem an.