Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 4 (1928)
- Issue
- 8 (24.2.1928)
- Date
- 1928-02-24
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Fernsprechanschlüsse des Gemeindeamtes Die Fiirsorgeabteilung des Gemeindeamtes mit ihren Unterabtei'ungen (Berufsberatung, Stellenuermittlung und Darlehnskasse) hat besonderen Anschluß erhalten und ist uon jetzt ab nur noch unter Nr. 21382 anzurufen. Die Hauptverwaltung behält den bisherigen Anschluß Nr. 23602. Leipzig, den 9. Februar 1928. Der Vorstand der israelitischen Religionsgemeinde ru Leipzig. Öffentliche Vorträge Die von uns in gekündigten öffentlichen fünf Vorträge des Herrn Qemeinderabblner Dr. (ioldmann über Der jüdische Prophetismus •sind verschoben worden und finden am 29. Februar, 7., 14., 21. und *v Mär* statt. Die Themen der Einzelvorträge sind: , 1. Die Anfänge des Prophetismus. Arnos und Hosea. 2. Jesaia. 3. Jeremia. 4. Die exilischen und nachexilischen Propheten. 5. Propheten und Priester. Der Prophetismus und die religiöse Entwicklung. Die Vorträge finden im Konferenzzimmer der Höheren israelitischen Schule, Gustav-Adolf-Straße 7, statt. Beginn pünktlich 8 Uhr abends. Leipzig, den 7. Februar 1928. Der Vorstand der israelitischen Religionsgemeinde zu Laipzig. Aufsicht zu Peßadi In der vorliegenden Nummer des Gemeindeblattes werden ia dem allgemeinen Verzeichnis der unter Aufsicht des orthodokxcn Gemeinderabbinats stehenden Betriebe auch diejenigen aufgeführt, die nur zu Peßach unter Aufsicht stehen. Leipzig, am 7. Februar 1928. Der Vorstand der israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig. Jüdisch . sozial Von 1). Steinmarder Das Wort „sozial" wird in den letzten Jahren bei soviel Anlässen herangezogen, daß es wie eine moderne Massenproduktion in Gebrauch gekommen ist. Ich sage mit Absieht, in „Gebrauch", weil seine Verwendung keineswegs immer die Tat in sieb sehließt. Wie das Brot, trotzdem es unser wichtigstes Nahrungsmittel ist, durch tägliche Benutznug in den Augen der -allerdings kurzsichtigen—Menschen an Wert einbüßt, M auch der Begriff des Sozialen: trotzdem er so fiel im Mumie geführt wird, entspricht ihm noch wenig genug an Taten und praktischem Erleben. Jedes Parlament, auch die Vertretung da letzten Dorfes, verhandelt dauernd Übet Maßnahmen sozialer Natur; wurde der innere Wert der Beschlüsse einigermaßen deren Fülle entsprechen, wahrlich, das Gott es reich auf Erden wäre längst gekommen, und das Glück wurde in der ärmsten Hütte seine Wohnstätte haben. Wir wissen, daß dem nicht so ist, weil das sittliche Erleben fehlt, weil die Ausführung all dieser schönen Dinge, genannt soziale Tätigkeit, nicht dem Herzen, sondern anderen Erwägungen entspringt, meistens solchen zweck-und parteimäßigerNatur und, 7. B. zu Wahlzeiten, auch wahltaktischen Gründen. Kein Wunder darum, daß die betreffenden Maßnahmen oftmals praktische Resultate j vermissen lassen. Qanz anders im jüdischen l eben. . Es kann freudig bekannt werden, daß in unseren Kreisen, auch in solchen, deren Zusammenhang mit unserer religiösen Gemeinschaft BtUr noch eine lose ist, das jüdische Her/ pocht und vielfach herrliche Bluten zeitigt, so daß es bei uns immerhin besser aussieht als anderswo. Werden doih unsere Kinder, sofern sie überhaupt ein jüdisches Milieu umgibt, dun Ii Beispiel und I ehre schon vom zartesten Alter an nur Güt< und Barmherzigkeit erz< .•<,. Der erste beste Satz, den das jüdische Kind, sei es in der Bibel oder in anderem Schrifttum übersetzen lernt, enthalt, wenn er im Zusammenhang erfaßt wird, das Gebot der Liebe gegenüber allen Geschöpfen dir Erde. Wenn trotzdem leider die sozialen Gebrechen in unserer Mitte überhand nehmen, d;e Not Innerhalb der jüdischen Gemeinschaft jetzt viel ausgedehnter ist als früher, s(, tragen ganz gewiß wie bei unseren Mitbürgern, neben anderem Krieg und Inflation Schuld an dieser traurigen Erscheinung. Die Matitikcn besagen, daß die Verelendung bei uns verhältnismäßig größere Dimensionen angenommen bat als in den anderen Scliichten, das verpflichtet uns, den Ursachen nachzugehen und uns nach besonderen Hilfsmaßnahmen umzusehen, sowohl solchen der Monientwirkung als auch denjenigen vorbeugender Art. Vor dem Krieg zählte man allgemein die Juden Deutschlands zu den wirtseh iltlicli gesichertsten der Diaspora. Da bestand noch, und zwar aiit am verbreitesten, das Rückgrat wirtschaftlichen Lebens: der Mittelstand mit seinem, wenn auch nicht reichlichen, fco doch bürgerlichen Auskommen. iaiTi Zuge der Zeit, du die riesenhafte Entwicklung sler Technik einerseits, der Handelskonzerne andererseits zeitigte, tat nun auch ein beträchtlicher Prozentsatz des jüdischen Mittelstandes zum Opfa gelallen, und die Sorge ist vielfach da eingezogen, wo Iruher ein bescheidene», aber einigermaßen sicehres Auskommen vorbanden war. Jüdische Menschen bedrückt aber noch besonderer Kummer. Seit jeher waren unsere Fitem besorgter um das Fortkommen ihrer Kinder als um ihr eigenes Dasein. Und gar erst fromme Eltern, die das Teuerste des Seelenlebens, die Religion, ihren Kindern erhalten wissen wollen nicht nur im Leben der Sehlde, sondern auch in der Schule des Lebens und davon wieder unser köstlichstes Kleinod: den Geist und Körper erfrischenden Sabbath! So sehen wir allenthalben nicht gerade freudigen Mutes in die Zukunft des wirtschaftlichen Lebens unserer Gemeinschaft und finden Hindernisse tausendfach aufgetürmt, die Bestand und Aufstieg der jetzigen und noch mehr der kommenden Generation erschweren. Wenn ich nun einige, wenige und durchfuhrbare Vorschläge zur Entlastung des Dunkels darlegen will, so mochte ich gleich voraussetzten» daß diese, der Natur der Dinge entsprechend, nur als flüchtig hingeworfen gelten wollen. Line Besserung in der sozialen Lage der Juden ist wohl nur im Zusammenhang mit der allgemeinen Wirtschaftslage möglich; das sei besonders unterstrichen, obwohl unser Erwerbsleben eben anders geartet ist. So mangelt bei uns fast ganz das unsere nicht judischen Mitbürger zu einem beträchtlichen Prosaatsatz. versorgende Riesenheer der Beamten der staatlichen und kouununalen Verwaltungen, wie der Großindustrie und deren mächtig angeschwollenen Verbände. Noch viel verhängnisvoller wirkt sich bei uns das Fehlen der Ur/elle aller Wirtschaft aus, der Landwirtschaft und ihrer zahllosen Nebenprodukte, die im deutschen Erwerbsleben die weitaus stärkste selbständige Berufsgrtippe darstellt. Dagegea hat die bei uns vorherrschende Schicht der Kaufleute und Händler erfreulicherweise ein Aktiv um aufzuweisen: das Zusammengehörigkeitsgefühl, das dazu führt, solchen, die finanziell schwächer und hilfloser zu werden im Begriffe sind, durch Darlehen aufzuhelfen. Unsere Thora, wie immer prägnant im Ausdruck, hat es unserem Volke von seinem Urdascin an eingeprägt im ehernen Satz: „Wenn Dein Bruder neben Dir verarmt und zu sinken droht, so sollst Du ihn halten, es sei ein f remder oder ein Beisaß, daß er neben Dir zu leben habe". Der große Kommentator Raschi erklärt die Stelle: „Laß ihn nicht herunterkommen. Ist es doch wie mit der Last auf einem Tiere: lugt sie noch oben, braucht nur einer zuzugreifen, um sie zu erhalten; ast die Last jedoch zu Boden gefallen, reichen fünf nicht dazu aus." Wie treffend und wie lebenswahr! (Und man beachste den ethischen Hochstand, daß diese radikale Hilfe uns auch dem Fremdea, dam „Ausländer" gegenüber religionsgesctzlich geboten ist, wozu sich noch kein Kulturstaat bis in unsere Tage aufgeschw ungen hat.) Dies tat skr Eck- und Grundpfeiler echten sozialen Tuns, wahrer jüdischer Bfoderßebe, weit mehr als Almosengeben, das ja eine Momenthlta Ist und selbst dies nur selten. In Gewährung von Darlehen wird nun glücklicherweise in uanaro Stadt von Gemeinde und Vereinen viel geleistet. Freilich kann darin nie genug geschehen. Darum ist es so sehr begrüßenswert, dal and die Initiative einer prominenten hiesigen Persönlichkeit demnächst ata jüdisches Spar- und Darlehnsinstitu t auf breiterer, aasfl geschäftlicher Basis in Aktion treten wird, worüber ein ander« Mal mehr.