Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 4 (1928)
- Issue
- 7 (17.2.1928)
- Date
- 1928-02-17
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 GEMEINDEULAl'f DER : .AELlTiSUHEN R5L*ilC^UtMEINOE, LEIPZ10 Rabbiner Dr Paul l aiarus (Wiesbaden) führte aus:T>er Centrai- Verein tritt ein für die Sicherung der «irundlage der jüdisch-religiösen Uebung, wie /. B, in d« Schächttrage. Niemais wird der C.-V. dulden, daß irgend ein Gewissenszwang ausgeübl wird Zu seinen Autgaben gehört es, die deutschen Juden seelisch aufzurütteln und sie zu mahnen, der ungeheuren Verantwortung bewutti zu sein, die er der jüdischen Gemeinschaft in dem deutschen Vaterlande gegenüber zu tragen hat. Direktor Dr. Ludwig Holländer, Berlin, führte ans: Gleichberechtigung und gleiche Achtung erstrebt der Centrai-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens nicht nurf'ür die jüdischen Deutschen in religiöser, politischer und gesellschaftlicher, sondern auch in wirtschaftlicher Beziehung. Und hier gibt es einen Punkt tu betrachten, der von geradezu entscheidender Bedeutung für das deutsche Judentum ist, einen Prozeß, dir zu den schwersten Bedenken Anlaß sjibt. den „trockenen P »grom". Man macht die Beobachtung, daß namentlich in kleineren Städten systematisch von e'nem Teil der nichtjüdischen Bevölkerung jüdische Qeschäfte gemieden, der jüdische Arzt und der jüdische Anwalt nicht aufgesucht werden. So ist festgestellt worden, daß vielfach in der völkischen Jugendbewegung junge I eute mit allen Mitteln ihre Hteru veranlaßt haben, in altbekannten und bestrenommierten Geschäften ihre Einkäufe nicht mehr zu besorgen weil sie zufällig indischen Inhabern gehören. F.s ist ferner beobachtet worden, daß völkische Beeinflussung in landwirtschaftlichen Kreisen dazu geführt hat. in jeder Beziehung Juden zu boykottieren und sie auszuhungern. Zum Glück haben diese Kreise zu einem erheblichen Teil eingesehen, daß es in der Tr.nre der wirtschaftlichen Im darfsdeckung nur gut liefernde und ehrliche Geschäfte gibt und geben darf, bei denen man wirklich nvcckmäßiir kauft. Aber die eben gekennzeichneten Bestrebungen sind keineswegs erloschen. Sie werden vielfach auch politisch begründet, indem man in den luden Brewissermaßen Spione gegen rechtsradikale Bestrebungen erblickt Es sind dem Central-Verein auch nach dieser Richtung hin eine große Reihe von Einzelfällen bekannt geworden. Man sieht in dem Vorhandensein von Juden in kleinen Städten ein politisches unerwünschtes Moment, weil man in ihnen die Anhänger «'es neuen Staate« erblkki und sie infolgedessen als besonders schädliche Menschen bezeichnet. Schließlich wurde beobachtet, wie man sorar durch ■n^ethchnftPchen Bovkott die nichtjüdische Bevölkerung anhielt. Judische Qeschäfte tu meiden. Sind diese Tatsachen schon von außerordentlich scfiweiwiegender Bedeutung, *o muR noch an e:ne Bewegung predarhi werden, die noch weit mehr .die wirtschaftliche Zukunft der indischen Deutschen nnter- "''', Das ist der runehmende Boykott (wen die Anstellung von Arbeitssuchenden iAdi«chen Bewerbern und Bewerberinnen. Vo« «ten hierdurch hervorgerufenen Nothtgen machen rieh werbt Schichten der Pevolker«n«» keinen Begriff. Wenn auch eenaue zahlenmäßige Unterlafren fehlen, «o ergibt doch nie Beobachtung. Wer wiederum in den größeren Stedten und Qroftstädten, daß die Zahl der jüdischen Arbeitnehmer, die in kaufmännischen oder in industriellen Betrieben keine Anstellung finden, verhältnismäßig auffallend groß ist. Es gibt einen verschleierten und einen offenen Boykott gegen jüdische Angestellte. Die Praxis beweist auch, daß Inhaber der Betriebe selViv oft genug verwundert waren, wenn man sie auf diesbezügliche Zustünde aufmerksam machte, die sie garnicht für möglich hielten. Es herrscht hier in der Tat vielfach eine geheime l eine, deren Wurzeln wir auch wieder in Agitation gewisser Jugendverbande und der uns allen bekannten politischen Organisationen zu suchen haben. Man muß bedenken, daß die heutige Umgestaltung des Wirtschaft»- Prozesses notwendigerweise die Möglichkeit einer wirtschaftlichen Selbständigkeit mehr und mehr ausschließe. 1 )ie Tatsache der Verdrängung der kleinen Betriebe und Mittelbetriebe durch ilic Großbetriebe uiril mit Klagen nicht aus der Welt geschafft. Auch der jüdische Be> Völkerungsteil in Deutschland muß sich mit der Tatsache abfinden, daß sein Nachwuchs und sogar noch die alten (icnerationen mehr und mehr auf die Arbeit in dei Form der Betätigung als Privatbeamte oiler Angestellte angewiesen sei. I inrr Romantik nach dieser Richtung hin nachzugehen, ist eine Schwärmerei für Dämmerstunden. Sie entspricht aber nicht mehr den Talsachen des Lebens. Infolgedessen wird mit jedem Tage die Frage der Möglichkeit einer Anstellung von jüdischen Elementen wesentlicher. Darum wird man in rie Einzelheiten 'hineinleuchten und in der Praxis der tätigen Arbeit, unbeirrt von allei Agitation der Gegner, immer mehr darauf hinwirken müssen daß die geschilderten Uebelstände beseitigt werden. Der Sonntagnachmittag stand im Zeichen der Statutenänderung und der Vorstandswahl. Montag, der letzte Sitzungstag, brachte Auseinandersetzungen über die Stellungnahme des C..-V. zum Nationaljudentum im Anschluß an "Referate des Herrn Direktor Dr. Ludiwg Holländer „Abwehr- oder Oesinnungsverein", und des Herrn Dr. Eduard Strauß, Frankfurt a. M.: „Der C.-V. der Gegenwart und der C.-V. der Zukunft". Ein ernstes Wort zur Wahl! Geschlossen gehl die Orthodoxie in den Kampf für die ..Einheitsliste der Orthodoxie*' Zeiget den Gegnern, daß dts alte, echte Judentum in Leipzig noch lebt. Arbeite», schon jetzt mit aller Kraft für den Sieg der Liste Goldrei — Kestenbaum — Schumer — Nathansen — pr. Dzialowslrj Tut alle Eure Pflicht! in Massen zur Wahlversammlung am Samstag, den 18. Februar 8.30 abends im Volkswohl, Löhrsrrasse 7 Referent: Herr Moritz A. Loeb, Berlin Stellv. Vorsitzender im Rate des Landesverbandes der preußischen Synagogengemeinde und der Israelitischen Gemeinde Berlin.