Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 4 (1928)
- Issue
- 3 (20.1.1928)
- Date
- 1928-01-20
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 2 GEMEINDEBLAT1 IHK ISRALI I TISCHEN RELKilONSüKMEINDE, LLII'Zlü Die «luden in Bühne und Film , Nach einem am II. Januar in der Generalversammlung des Central« verdns deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, Ortsgruppe Leipzig von Fräulein Dr, Eva jungmann (Berlin) gehaltenen Vortrage. Buhne und Film, die Stätten dei Ablenkung, der Bildung und der Erbauung, die Pflegestätten einer Ktuist, die mehr ata jede andere *n der Zeit stellt und mit ihr Irotschreitel und sich wandelt, sollen uns in ihren Beziehungen zum Judentum beschäftigen. Die Begriffsverbindung Jude und rheater Ui uns allen geläufig. Sie wirdains durch eine große Anzahl bekannter Namen deutlich gemacht. Das Thema „Judentum und Theater" ist gerade in letzter Zeit wieder so (läufig in den Brennpunkt der Diskussion geruckt worden, dar! iin ganz aktuelles Interesse daran besteht. Verschiedene Ereignisse der jüngsten Zeit waren es, die von ganz verschiedener Seite her die Frage neu aufwarfen. Das eine war von überlokaler Bedeutung und kam von Amerika. Iis handelte sieh um den unter der Regie des Amerikaners Cecil de ..Wille hergestellten Film .König der Könige4, der die Evangelien, insbesondere die Passions- und Kreuzigungsgeschichte darstellt Dieser Film hat viel Staub aufgewirbelt und die Geister nachhalwtig in Aufruhr versetz! Es erhöhen sich Stimmen dei Begeisterung und Stimmen des Protestes. Des Protestes aus jüdischen und christlichen Kreisen in gleicher Weise. Selbstverständlich waren die Motive verschieden. Aber die Tatsachen eines grollen Aufsehens, einer Anzahl von Presse- Polemiken und Zensurverboten, die zu einem grollen Teil jüdische Gesichtspunkte in ihn Mittelpunkt stellten, bleibt bestehen. Iin wuteres I icignis neueren Datunis ist der Skandal anläßlich der Sylvesteraufführung des Holbergscheu Lustspiels „Ulysses von Ithaka-' in Berlin Diese I reignistC der neuesten Zeit beweisen, daß der Zusammenhang zwischen Juden und Theater, der immer besieht, im gegenwärtigen Augenblick ganz besonders aktuell ist. Das dritte Ereignis, das in Berlin Aufsehen erregte, war die Neueinstudierung des „Kaufmanns von Venedig4' im Staatlichen Schauspielhaus Berlin. Dieses große Werk der Weltliteratur ist wohl eines der umstrittensten. Oh Komödie oder Tragödie, ob der Kaulmann Antonio der Heid ist oder der Jude Shylock. das sind .die literarischen Fragen, die immer wieder aultauchen. Für uns Juden bleibt das Stück immer unheimlich und anziehend zugleich. Zwischen Furcht und Hoffnung, Abstoßung und Mitleid pflegen wir die Shylock-Szcnen mit i zus hen Un I is wir.i vielleicht k>-in /weites Stuck geben, in "dem dir I ntscheidung für und wider die einzelnen Personen so sein von der individuellen Auffassung und dem Spiel der Schauspieler abhängt wie im Shylock-Drama. Die Berliner Aufführung unter den Juden Jessner mit dem Juden Kortner als Shylock wurde trotzdem mit geteilten Gefühlen aufgenommen. Wahrend der judische Theater- Kritiker Kerr die Ehrenrettung Shylocks durch das Kortnersche Spiel für vollendet hielt, fühlten sich andere stark abgestoßen. i rsprünglich scheint das Theater dem Juden fremd gewesen zu sein, (remdei als irgend einem anderen Kulturvolk. Zwar hat man in gewissen biblischen Stinken Anfänge dramatischer Kunst entdecken wollen, SO im ..Hohen Lied-' oder im ..Buche Hiob"; aber wenn auch vielleicht UebcrgängC in der Kunstgattung hier vorliegen, so fehlt die Tatsache einer Darstellung dieser Stoffe. Wir dürfen wohl sagen, daß da-Judentum aus sie n selbst heraus Theater nicht gcschaffen hat. Nui « ine Wurzel, die vielleicht schon auf spätere Jüdische Theaterlust hindeutet, darf hie: nicht unerwähnt bleiben. Das ist das Purimfest, zu dessen Feier von jeher Verklei uage i u d fascMngitrüge Lustbaikeiiin üblich waren. Dem eigentlichen Theater jedoch in schon viel entwickelterer Form stand da- Judentum erst nach seiner Zerstreu« ung unter dem Einfluß änderet Völker gegenüber. Unter die bekannten I rscheinungen der Augleichung und der gegenseitigen Befruchtung zwischen Judentum und Umwelt fallt auch die Stellungnahme der Juden zum Theater. AK Kuriosum sei hier erwähnt, ilaii unterdem Lindruck des Euripidet im 2. Jahrhundert vor c.hrisü ein ilexandrinischer Jude ein griechisches Drama ,,L xodos" geschrieben hat. Dieser eine historische Hinweis muß uns allerdings genügen. Aus dem Mittelalter D; au> naheliegenden Gründen nicht viel übet jüdisches Theaterspiel zu melden. In der Luge des (ihettos und bei dem gewaltsamen Abschluß von der Landeskultur blieb wenig Platz zur Entwickking der schönen Künste. I rsl in der neueren Zeit, und dann allerdings mit einer überdurchschnittlichen Begeisterung, ist der Jude in das Theatcrieben eingetreten. Debet die psychologischen Gründe dieser jüdischen Theaterbegeisterung ist viel gedacht und geschrieben worden. Arnold Zweig, der vor kurzem ein Buch: „Juden auf der detitschen Bühne'' veröffentlicht hat, erklärt sie etwa so: „Der Jude ist von (irund aul Redner. Die Sprache, der ■gegliederte und geformte Satz spielt bei ihm in Denken und Hören feine größere Rolle als bei anderen Menschen. Ja, er ist so mit Mitteilung j.;clad; daß ihm die Sprache nicht ausericht. So erhöht er ihre -Ausdrucks!.! i keit durch einen besonderen Tonfall, den wir als jüdisch zu bcz< neu pflegen, und schließlich nimmt er seinen Körper zu I lilfe, i durch verstärkende oder erklärende Gesten die alizu wenig w: lungsfäfligen Worte zu unterstützen. Die Lust zur (iesle schlägt dai die Brücke zur Lust au der Schauspielerei." Line andere Erkläl i ist diese: Der Jude ist durch seine Jahrtausende alte Weisheit, dl i sein Wissen um vieler Völker Wesen und Schicksal, durch seine i aufgezwungene Rolle eines Betrachters und Kritikers denn i Mitleben und Miterleben ist ihm ja Jahrhunderte hindurch verw i gewesen zur Skepsis und zur Distance erzogen worden. Die; sehe Ironie, die angeblull vor nichts und am weiligsten vorfielt seil halt macht, der Mangel an Ernst, der uns oft vorgeworfen wird eine Folge dieser historischen I ntwicklung. Jedenfalls ist das, w an diesen Feststellungen Wahres Dt. die fruchtbarste Orundlage Theaterspielen, Wer zur Seelenzergliederung neigt, wer gelernt Ii sich selbst und andere aus der l ntfernung zu betrachten, für den es ein l eichtes, sich in andere hineinzufühlen und anderer Rollet verkörpern. Unzweifelhaft steckt hier eine der bedeutendsten pt chologischen Voraussetzungen für die jüdische Theaterbegabi Nun ein weiterer Gesichtspunkt, der uns helfen soll, die Beziehung der Juden besonders zum deutschen Theater mehr historisch zu vei deutlichen. Als der deutsche Jude in das deutsche Kulturleben i trat, fand er das Theater noch keineswegs fertig vor, wie das yi and reu Ländern der Fall war. Mit seinem eigenen Erwachen erlebt« > das Erwachen der deutschen Bühne und lies deutschen Dramas im und deswegen ist es mehr als Zufall und keineswegs, wie un-< Leinde behaupten. Aufdringlichkeil und Mache, wenn in diesem meinsamen Aufschwung Juden und Theater sich gefunden haben. S sind Mitarbeiter, Mitwisser, Mitschöpfer geworden. Es folgen nun eine Reihe Namen jüdischer Regisseure w ie (>t Brahm, der Regisseur des Naturalismus, der Interpret Ibsens, Hau manns und Schnitzlers, Max Reinhardt, dessen Inszenierung für jedi der sie kennt, ein Erlebnis ist. Leopold Jessner, der Intendant d Staatlichen Schauspielhauses; Raphael Löwenfeld, der Direktor d Wallner- und später des Schiller-Theaters in Berlin war. Der Letzt« ist außerdem der direket Vorläufer des Volksbühnengedanken Der voii einem Juden begründete S. Fischer-Verlag in Berlin I das Verdienst für sich, deutsche Dichter und Schriftsteller der Oege wart wie Hauptmann, Thomas Manu usw. dem Publikum vermitl zu aben. Kommen wir nun zu den Juden als eigentliche Darsteller, Sojtal wir eine stattliche 1 iste. Begonnen nü! den Verstorbenen: Emaill Reicher, Sonnenthal, Davison, Kainz, Sarah Bernhard. Irene Trie Rudolf Schildkraut der unvergessene Shylock, der s eh uns durch die sehr angreifbare Darstellung des Kaiphas im „Koni { Könige" etwas verleidet hat — (iranach, Callenberg, Kortner, I' Qraetz, Lrnst Deutsch bis zu Fritzi Massary und Elisabeth Bergn Das ist eine stolze Aufzählung genialer Menschendarsteller auf all Gebieten der Dramatik. Die Verlockung ist gar zu groß, dieispezifi! Kunst jedes einzelnen zu charakterisieren, zu zeigen, was Elisalx Bergner etwa für die Interpretion Shaws in der „I ledigen Johann was die Vertreterin der leichten Mulle, Fritzi Massary, für die V edelung, ja geradezu die Adelung der Operelte bedeutet. Aber dasv ein Vortrag für sich. Und wir haben noch mindestens eines Oebi /u gedenken, wenn wir auch schon viele andere fast nicht snind wichtige, etwa die Rolle der Juden in der Artistik und im Kabar« ilie Juden als Opernkomponisten, Operndirigenten und Opernsänge (Ii. ses letztere ein Thema, das unbedingt hierher gehört, aber vie I weit führen wurde - oder etwa das sehr lohnende Gebiet «der Jud als Bühnengestalten hier vernachlässigen müssen. Aber eins müsi wir noch erwähnen, sonst wurde in dei Betrachtung eine dlzu ^r Lücke klaffen: den Juden als Dramatiker Was wir bis jetzt an uns vorüberziehen hellen, Regisseure undSchl Spieler, das waren Vermittler der Kunst, das waren diejenigen, sich des Stolfes, den sie vorgefunden haben, bemächtigen und i dem Publikum darbieten. Diese künstlerische Vermittlungstätigi die reproduzierende Kunst, das ist, so hört man immer wieder, eigentliche Kunst der Juden. Man wirft uns vor, daß wir flicht f» duktiv schaffend seien, sondern immer nur den von den anderen { stalteten Stoff übernehmen. Diese Behauptung, die nicht durchaus Vorwurf sein muß, erhält einige Berechtigung, wenn wir uns die V: hältnisse bei unserem Kunstgebiet näher ansehen. Wir haben Spitzt leistungen auf allen Gebieten der darstellerischen Reproduktion ' verzeichnen gehabt, aber fast fehlt es uns an einer Antwort, wen« t» uns fragt, wo eigentlich die jüdischen Dramatiker sind und wa« '