Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 48 (2.12.1927)
- Date
- 1927-12-02
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 5 GF.MEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE, LEIPZIG 3. Jahrgang loch heute versteckt oder offiziell in der Gesellschaft und in den Vereinen. Man braucht hierbei nur an den Alpenverein zu denken »der an den neugegründeten Skiläufer-Verein, der keine Juden aufnimmt und an die Sportvereine, die die Aufnahme von Juden ebenfalls in vielen Fällen ablehnen. Die Judenfrage im heute eine Qemeinfrage des Volkes; überall spurt man, daß sieh der Kultur- und Gesellschafts-Antisemitismus heute breiter macht denn je und dauernd im Steigen begriffen ist Daß ei sich auch wirtschaftlich ausgedehnt hat, kann an Hand zahlreicher Beispiele bewiesen werden. Mau beachte nur den wirtschaftlichen Boykott jüdischer Firmen. Wenn sieh dieser auch in der Großstadt nicht so auswirkt, so muß doch seine verheerende Wirkung in kleineren (»rten und besonders auf dem flachen lande im Auge Inhalten werden. I in wichtiger Faktor ist auch die Unterbringung judischer Angestellter in christlichen und jüdiichen Häusern. Auf Qrund zahlreicher Heispiele, über die in nächster Zeit statistisches Material herauskommen wird, ist erwiesen, daß fast gar keine jüdischen Angestellten mehr angenommen werden. Der Referent kommt nun /u der Frage: Was können wir gegen diesen Antisemitismus tun? I •> ist nicht richtig, daß erst dann etwas getan werden muH, wenn die I ensterscheiben klirren, sondern es muß durch prophylaktische Arbeit Aufklärung geschaffen werden, und /war geistige Aufklärung. Dies ist möglich durch die Verteilung der C.-V.-Zeitung, durch Aufklärungsversammlungen vor Notablen, durch Aufklärungskurse in der Masse der Arbeiter und des Mittelstandes. I Herzu bediene man sich des in großer Masse vorhandenen geistigen Materials des Philo-Verlages und bringe es in die Kreise hinein, fül die es bestimml ist. Da/u ist natürlich vorerst notwendig, daß man sich erst einmal seihst mit diesem Broschürenmaterial vertraut macht. Wenn wir in unserem Kampi bestehen wollen, dann bedarf es unbe dingt erst einmal des persönlichen Beispiels, Es hat keinen /weck, wenn wii i:i unseren Versammlungen Christen gegenüber erklären, wir sind nicht so, wie ihr uns schildert, solange man aüf Juden zeigen kann, mit ih ren Verhalten mau den anderen Waffen in die I laud gibt Wir müssen uns bemühen, den Typus des bescheidenen, vorne Innen und selbstbewußten Juden zu schaffen, damit nicht mehr hei dem andersgearteten der I leid des Antisemitismus gesucht werden kann. Besonders dadurch, daß das Judentum im Innern so zersplittert ist, fehlt die Aktionsfähigkeit Es muß Innerhalb des Judentums Einigkeit sein, und /war die Einigkeit, die unsere antisemitischen Oegner bei uns voraussetzen. Denn unsere Oegner glauben, daß wir zusammenhalten wie Pech und Schwefel. Wenn wir wollen, dal! der Menschheitsgedanke so siegt, dali sich der I lumanitätsgedanke auch auf uns erstreckt, so müssen wir uns untereinander anständig und menschlich behandeln. Notwendig ist Ja/u, dal! wir nicht in uns gegenseitig Feinde sehen, sondern versuchen müssen, uns untereinander auch gegenseitig aufzuklären und zu verstehen. Wollen wir politische Arbeit leisten, so dürfen wir als Juden ganz besonders das eine nicht vergessen, daß der Qrund unseres Wesens als Juden sein und bleiben muß, soziale Menschen ZU sein. Erst dUU werden wir unsere Aufgabe als Menschen und Juden erfüllt haben. Unsere Arbeit darf nicht eher aufhören, als bis es keinen Antisemitismus mehr ,i_;iht. Und wenn wir am.ii heute in einer Zeit leben, in der de' I in/enle den Antisemitismus nicht mehr so stark wie früher am eigenen Korper fühlt, so müssen wir doch weiterarbeiten für die Zukunft, damit wir die kommende (ieneration nicht den Hakenkreu/lern ausliefern. In der anschließenden Diskussion sprach Herr R abbin er Colin, Leipzig, zu der Frage der Aufklärung. Fr wies darauf hin, dal! die Antisemiten mit einem Begriffe „Jude" operierten, der erst künstlich jg^f 4^4 Af £«4 hiP$-iJh*K NÄHMASCHINEN Mf**»m*\*6 V^H Eft LEICHTE RTE ÜBERALL ZAHLUNGSBEDINGUNGEN * geschaffen wurde. Der „künstliche Jude" werde bekämpft, der Jude der Wirklichkeit entspreche aber keineswegs diesem Bilde, Arnold Zweig (im „Caliban") und Müller-Claudius (inDeutsche Rassenangst") haben dargetan, dali der Antisemitismus in einer seelischen Ablehnung der Juden wurzele, die davon ausgeht, dali die Juden anders und minderen Wertes seien als ihre Umgebung, Es inul! daher im weitesten Umfange Aufklärung geschaffen werden, um unsere Oegner davon zu Überzeugen, dal! dieses seelische Vorurteil nicht der Wahrheit entspricht, damit das tief eingewurzelte Fremdheitsgefühl den Juden gegenüber aufhört. Herr Dr. Biedermann aus Berlin schlägt du Gründung eine» eines deutschen Studciitcuhundes, wie er bereits in Berlin besteht, auch in Leipzig vor. Dieser Hund soll sämtliche jüdischen und paritätischen Verbindungen, sowie alle jüdischen, nicht in Verbindungen aktiven Studierenden erfassen, um in geschlossener Reihe, besonders in den studentischen I lochschulkrcisen, dt n Antisemitismus zu bekämpfen, lau vollkommener Abschluß nach außen ist jedoch nicht ZU empfehlen, da gerade hierdurch der Abwehrkampf unterbunden würde. Soweit es mft ih r I hre des I in/.elnen /u vereinbaren ist, ist ein Anschluß au nichtjüdische Kreise nur empfehlenswert, weil gerade dadurch die fruchtbarste Arbeit geleistet w eitlen kann. Nach weiteren Aeußerungeu der I leiten Michel. Bleistein und Jaffe richtete der Vorsitzende, I lerr Direktor Kraus», einen eindringlichen Apell an die Anwesenden durch intensivere Mitarbeit unsere AufkläningS- und Abwehrarbeit EU unterstützen und sich durch jüdische Einigkeit künftighin im wahren demokratischen und idi ai< n Sinne mit zu betätigen. Weffl. Neue Bücher Arnold Zweig, Caliban oder Politik und Leidenschaft. Versuch über die menschlichen Oruppenlddenacbaften, dargetan am Antisemitismus. Potsdam 1<)27 (Oustav Kiepenheuer). Dal! man dem Problem des Antisemitismus in seine ursprünglichsten Wurzeln nachzuspüren gerade heute mannigfach versucht, ist gewiß in erster Reihe in dem Anschwellen der Bewegung begründet. Line nicht minder große Rolle spielen aber dabei die Erkenntnisse, die die moderne Seelenforschung zutage gefördert hat. Siie weisen darauf hin, dali bei den Erklärungsversuchen von den Frschcinungsformeai des Antisemitismus zu der Kernfrage vorgedrungen werden muß: woher die seelische Einstellung, die immer gerade den Juden als den Feind bekämpft. Zweig geht auf den Wegen der \nal\se vor und fin- I det die Erklärung in den in menschlichen Qnippen wirksamen Leidest* | sehaften. Zentral itätsaffekt — das ist die in einer Menschi heitsgruppe triebhaft sich äußernde Empfindung, dali sie im Mittelpunkte der gesinnten Welt steht; „ihre Onippe ist die wichtigste Angelegenheit, um die sich die gesamte Welt der Werte und Tatsachen zahlen massig gruppiert", während „andere Gruppen auf der Erde, vor allem düe gleichartigen, und weiterhin alle Nichtmitglieder von Gruppen im Vergleich mit ihnen minderwertig'4 sind — und Differenzaffekt — das ist die daraus folgende Verneinung der anderen als „etwas weniger Wertiges, etwas Entwertetes: Anderssein gleich MindciwciUg-sein" und deshalb di< triebhafte, bis zur i Feiindseiigkeit gesteigerte Ablehnung der anderen Oruppen, — diese heiklen Leidenschaften geben die Erklärung für den Antisemitismus; i aus ihnen entspringen die einzelnen Ausprägungen, denen Zwejg nach allen Richtungen nachgeht. Mit einer immensen Kenntnis der Dinge des gesamten Lebens weil! er eine Fülle der Beziehungen auf/udekn, in denen sich diese Quelle aller Judcnfcindschaft erkennen läßt. Aber er begnügt such nicht mit der Lrklärnng: wie es Aufgabe der Psychoanalyse ist, seelische Erscheinungen iiil/ulösen. damit die aus ihnen entstandenen Schädigungen schwinden, so soll auch die Hlolilegung der Urgründe zur Ueberwindung Je« Antisemitismus stets große Auswahl in allen Preislagen ALSELA Reichsstraß« 4-6 tüJjJJ£M Beste Qualität Bernberg- Waschseide 2.95 BemberK- Waschseide 3 95