Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 41 (14.10.1927)
- Date
- 1927-10-14
- Page
- [Seite] (sequence 10)
- Language
- German
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Nr 4t beut fcV Und Weil Ich denn sehr in Öle Arbeit vertieft war, merkte ich gar •rieht, wie und durch welches Wunder die l aubhutte plötzlich (erdg war. — Komm, sieh mal die Laubhütte an, die wir aufgebaut haben! so sage u li zu meinem Vater und ziehe ihn am Rock hinaus, und Vater strahlt vor Freude über unsere Arbeit und sieh) Mojsche lächelnd an und spricht auf mich weisend: Haben Sie wenigstens, Reb Mojsche, an ihm ein bißchen Hilfe gehabt - U>er mal ein „Gehilfe"! sagt Mojsche und s.eht bekümmert auf's Dach der I lütte hinauf. Wenn nur unser Herschke erst das Qrün /um Decken brächte — dann wär's aber mal eine I aubhütte! Herschke Mamzis zog uns hin mit dem Qrün fürs Dach von einem Tag in! den andere,i. bis endlich mil uo.te. Hille er den letzten lag vor'm Laubhüttenfeste, einen Wagen voll, dünne, dünne Stäbchen, ein« Art Schillrohr, angelahren brach e, das bei uns im Moor, Ubetr'm Muli drüben, wuchs. UnJ wir gingen daran, die Laubhüt.e zu deck.11, d. h. decken tat Mojsche sie selbst, und Lh hall i.ie Ziegen forttreibe 11, die sich an da- Zeug wie au etwas Rechtes mit Appetit heranmachten. Ich weiß nicht, was für einen Qeschmack sie an den bitteren, grünen Stabchen fanden. Weil Herschke Man/.is' Haus so draußen Stand, also gewissermaßen „dem Sehnt/ des Publikums etnpf« bleu", konnte man die Ziegen einlach nicht loswerden. Kaum ha st du eine fortgetrieben, steht schon die andere da; die noch nicht recht verjagt — aha, da ist die erste schon wieder, wie aus der Lrde gewachsen. Ich trieb sie unbarmherzig mit dem Stocke: He, fort von hier! Bist du schon wieder da, du dumme Ziege? He. fort' Der Teufel weiß, woher sie's erfuhren, dali es bei uns Qrün gab! Nicht ander-, eine mußte die andere herbeirufen, denn schließlich versammelten sich alli Ziegen der Stadt um uns, und ich ganz allein mußte mit ihnen allen Krieg führen! Ms endlich mit üottes Hilfe alles Qrün auf der Laubhütte lag, blieben die Ziegen als die I Kimmen stehen, guckten mit blöden Augen hinauf t. ml kauten blöd wieder. Ich hatte meine Schadenfreude, und neckte sie: Na, warum knabbert ihr jetzt nicht dran herum, ihr dummen Ziegen? Wie's scheint, verstanden sie mich; sie zerstreuten sich nacheinander, um wo anderihr Heil /11 -liehen. Und wir gingen daran, die Laubhütte innen auszuschmücken. Vor allen Dingen streuten wir gelben Sand auf den Huden, hernach behängten wir die Wände mit allerlei Bettdecken, /u denen alle drei I inwohncr beisteuerten, und wo so eine Bettdecke nicht reichte, hing ein Schal, und wo kein Schal reichte, hing ein Tischtuch oder ein Leintuch; und nun erst trugen wir die fische und Stühle hinan-, die 1 euchter mit den Festkerzen, da- Qeschirr und. das Besteck, und alle drei Hausfrauen gingen hinein zur Lichterweihe und /um Segensspruch über den, „der gebot, in der Laubhütte /u sitzen". Mein Vater rüstet sich /um Weg Im Lethaus, zieht den sabbatll- Kchen, wohl schon verschlissenen, aber doch seidenen Kock an, gürtet Sich mit dem geflochtenen seidenen Qürtel, steckt beide I lande hinein, und mit einem tiefen feiertäglichen Seufzer spricht er zu mir; — Komm, wir wollen geben, s'ist Zeit. Ich nehm« die Qebetbücher, und wir machen uns auf den Wcjr, indes die Mutter ZU Hause beten will. Und ich weill schon, was sie tun wird: sii wird weinen, sie wird sich recht ausweinen können'. Und richtig, als wir zunickkamen und in die Laubhü.te eintraten vM dem schönen gemütlichen „Froher FeiertagI", und der Vater sich /um Weihespruch über den Wen hinstellte, dem schönen, festlichen W< ihespruch mit der schönen, festtäglichen Melodie, da sah ich ihre Augen an und sie waren gerötet und geschwollen. Audi glänzte du Nase Und do li erschien sie mir so schön wie Erzmnttef Rahel oder wie Abigail, „der wie die Königin von Sabah. oder wie Fsther. die Fürstin. Lud schaue ich meine schöne Mutter an mit ihrem schönen, klar weißen Qesfcht, du aus dem schönen, seidenen feiertäglichen Kopftuch nur so hervorleuchtet mit den schönen, grollen, sorgenvollen Augen, drückt mir's das I lerz ab, dall solche schöne Augen immer weinen müssen, dall solche schöne, weihe Itaudo selber waschen und kochen und backen müssen, und ich verüb.c es dem lieben I lerrgott sehr, dall er uns arm sein lallt, und ich bete zu ihm, daß ei mich mein Cilück machen läßt, dall ich einen Schate finde, viel Gokj und Diamanten und Brillanten, oiler dall der Mcssia» kommt, dann gehen wir alle ins Heilige Land, und dort wird's ja doch uns allen gut sein! . . . So sinniere ich vor mich hin, und meine Gedanken erheben uiicls und tragen mich fort, weit, weit ZU meinen goldenen Traumen weg, die ich um alle Schätze der Welt nicht tausche, und die schöne, festtägliche Melodie von Vaters schönem, festtäglichen Weihe-prucl» singt in mein Ohr: „Denn uns hast Du auserwählt Und uns hast Du auserkoren Vor allen Völkern! Ist's denn zu sagen: ein Volk, das Qotl vorzieht.-' ein Volk, wies ein geliebter einziger Sohn? Diu! mir wird's warm um's Herz: voll diesem glücklichen, attserwähl.e 1 Volke! Und ich stelle mir vor, dali ich ein Prinz bin . . . ja, ein Prinz, und die Laubhütte, das i-t ein l'alast, und hier ruht die Glorie (iottes, und her si zt in.ine Mutter, schön wie ein Bild, die Konigin von Sabah, und hier werden wir morgen den schönsten Segen über die schönste aller Fruchte sprechen, über den Paradiesapfel, ach, wer kann sich mit mir vergleichen? Wer kann sich mit mir vergleichen? Nach Vater singt „Aber-mal-Moische' den Weihespruch. Weit nicht wie Vater, aber kein Vergleich! Und dann der Hauswirt selbst, Herschke Mamzis ein gewöhnlicher Mensch, ein gewöhnlicher Spruch. Und wir gehen zur Waschung und an das Brotbrechen, und alle drei Hausfrauen bringen die gutin, warmen, frischen, gepfefferten, erquickend duftenden Fische und jeder sitzt mit seiner Familie an seinem Tische; viele Weißbrote, viele Hände tunken welche- Brotj in heiße Fischbrühe, viele Münder essen. Und ein Lüftchen), weht in die Laubhütte durch die dum cn, schwachen Wände und durch das leise gedeckte Dach, und die Lichtlcin schmelzen, und alle essen, essen mit Genuß das Feiertagsmahl und ich stelle mir vor. dall es nicht eine Laubhütte, sondern ein Palast ist, ein großer, strahlender l'alast. und wir. Juden, Bevorzugte, Prinzen. Leichte einzige Söhne; sitzen da und essen und lassen's imwohlgehen: „Heil dir, Israel!" „Ja. wohl ist's euch, Jüdelein," so denke ich in meinem Sinn, „keinem ist's so gut wie euch! Einen <,>iiaik hat noch sonst jemand das Qlück, in so einer schönen I aubhutte zu sitzen, mit Qrün gedeckt, und mit gelbem Sand bestreut und mit den schönsten Bettdecken der Welt behängt, und auf dem fische weiße Feiertagsbrote mit den richtig guten Feiertagsfischen, und das allein i-t schon ein Engelsgericht ... Plötzlich krrrach! Daganze Dach mit dem QrÜ« auf unsere Kopfe, und nach dem Dach hucken sich: eine Wand und dann die andere und tuen einen Kniefail, und irgendeine Ziege fliegt von oben auf uns herab, und mit einemmal wird's stockfinster, alle» Lichter verloschen, alle Tische umgestürzt, und wir alle mit den Broten, mit dem Tischgeschirr, mit ihr Ziege liegen im Sand, und der Mond scheint, und die Sterne blicken, und die Ziege springt erschreck! auf die dünnen Peine, hie bt eine Weile stehen, guckt sich mit binden Augen um, wie ein armer Sünder, und bald ergreift sie's i lasen« panier und hopp-! ganz flieh über D-ehe und über Pauke und über Köpfe davon mit einem Qemecker: Mä-ä-ä-äh! Und wir alle auf den Tod erschrocken im Sande unter den (ier.it, die Weiber kreischen, die kleinen Kinder weinen - eine Zerstörung, eine wahre Tempel« Zerstörung! Line schöne Laubhütte habt ihr da aufgebaut! - sagt zu uns nachher der Wirt Herschke Matnziin einem Ton, als bekamen wir von ihm wer weill wieviel für die Laubhütte bezahlt wenn eine einzige Ziege sie ciureicllcn konnte! Line schöne Laubhütte! — Aber mal eine Laubhütte! - sagt „Aher-mal-Moi-chc", steht da wie geohrfeigt und forscht, woher eigentlich diese Bescherung kam aber mal eine Laubhütte! Ja, aber mal eine Laubhütte! — äfft ihm der Hauswirt giltig nach, und alle fallen im Chor ein: — Aber mal eine Laubhütte! . . .