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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1927-10-14 · 41 (14.10.1927) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
3 (1927)
Issue
41 (14.10.1927)
Date
1927-10-14
Page
[Seite] (sequence 9)
Language
German
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Seile 7 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE, LEIPZIG 3 Jahrgarg Feuilleton HB Hhk BSii | Die Laubhütte Von Schotem Alejchem. Deutsch ovn A. Suhl. Nachdr. verb. Es gibt Menschen, die nichts gelernt haben und alles können. „Uottgesegnete Hinde", sagt man von ihnen. So ein Mensch war „Aber-mal-Moische". Man nannte ilm so, \vm. er zu allem, was er sali oder hörte oder mach e, sagte: „Aber mal eine Sache!" — Einen Kantor haben wir im Tempel abe: mal einen Kantor! — Man brachte einen Truthahn fürs Fest - abe. mal einen l ruthahn! Morgen gibt'S euch einen Frost aber mal einen Frost! Flogen euch heute Ohrte gen im (Villaus aber mal Ohrfeigen! oh, Brüder, bin ich ein Habenichts aber mal ein Hab.nichts! Und so /ii allem. Es gab nichts auf der Welt, was „Aber-mal-Moische" nicht mache s konnte: ein Haus? — dann ein Haus; eine Uhr? dann eine Uhr; eine Maschine? dann eine Maschine; eine Lampe? dann eine Lampe; einen Kran, einen Spiegel, einen E iner - und was denn nicht? W ohl wahr, niemand konnte die I lausei /e gen und die Uhren und •die Maschinen, die aus seine- Hand stammten, doch alle waren überzeugt, daß Moische es konnte; al.e sagten: Wenn er bloö We k/eug hat, heb; er die Welt aus dei Aug -In. Das ganz: Unglück war daß er in Werkzeug hatte, Und ich meine im Gegenteil: das war da. Glück, so dal) deswegen die We't nicht ans dei Angeln ging und die Welt also die W elt blieb. Mit diesem „Abcr-mal-Moischc' wurdei w'r ganz nahe Nachbarn, in einem Haus, unter einem Dach. Ich sage: „wir wurden", denn bis dahin hatten wir in unserem eigenen Häuschen gewohnt. Aber ganz plötzlich wandte sich das Blatt, de Zeiten wurdei schlecht für uns „bankerotteren" wollten wir nicht, da \c kauften wir das Haus, bezahlten unsere Schulden und zogen (vorm Neujahrsfest war das) zu Herschke Mamzis, in eine, alte Ruine ohne Garten, ohne Hof, ohne l eib und ohne Leben. Na, so ein Koben! - sagte meine Mütter wie im Scherz, und dabei sehe ich: die Trinen stehen ihr in den Augen. Versündige dich nicht! spricht der Vater, vor Kumme schwaYz wit der Erdboden Qott sei Dank auch dafür. Warum „auch dafür" das weiß ich ni.ht, vielleicht dafür. daB wir nichts uf der Straße liegen? ich lige lieber auf der Strallc alt hier bei Herschke Mamzis in Nachbarschaft mit fremden Jungens und fremden Mädels ZU hausen, die ich n ebt kenne und nicht kennen will mit ihren gelben Härchen, mit lh:en Rotznischen, mit ihren dünnen Beinchen und dicken Biuchtein, und wenn sie gehen, watscheln sie wie die Enten; selbst sind sie in einem fort im Essen, und wenn ein anderer ilit. schauen sie ihm in den Mund. . . Ich hielt das tili ein grollcs Unrecht vom liebe 1 Qott, dal! er uns unser KaUS weggenommen hatte. Mir tat ei nicht einmal um das Hans so leid wie im! dii LaubhQtte, die wir dort gehabt hatten, eine dauernde, für jedes Jahr, mit einem Flüge!, der sich heben und senken Teil, (ind mit einer schönen gemalten Decke aus grünen und gelben Stäbchen, in Karees mit Davidsternen inwendig ausgelegt. Wohl wahr, gute Freunde redeten uns unseren Kummer aus, dail wir es noch einmal zurückkaufen wurden, oder, so Qott wil', uns ein anderes Haus bauen Würden, ein viel besseres und größeres und schöneres als das alte Das waren aber alles nicht mehr als b'IHge Trostreden. He ml eh, daß der Vater 's nicht sah, weinte die Mutter um unser Hiuscticn und dei Vater seuf/te und stöhnte, und sein (iesicht war Finster Umwölkt, und breite Falten legten sich über seine hohe, weiße Stirn. Ich hielt es für ein schweres Unrecht vom liehen Herrgott, dall er un* unser I täuschen weggenommen hatte. . . . — Ich bitte dich, mein liebes Hcr/e, was werden wir mit einer 1 aubhfltte heuer anfangen? So versetzte meine Mutler an einem der zehn Bulltage. — Du willst wohl sagen: Was werden wir ohne Laubhütte heuer anfangen? So antwortet mein Vater wie scherzend, und gleichzeitig kehrt er sich ab, dall man nicht sieht, wie sein Gesicht sieh verdüstert. Und die Mutter schneuzt sich in die Schürze, verschluckt die Träne« Plötzlich aber wendet sich der Vater um und wird ga iz lebendig: Halt mal! Wir haben doch den Nachbar Mois.be da. — „Aber-mal-Moische"? springt ihm die Mu t.r bei, und ich weiß nicht, ob sie bloß spalten oder das ernst meinen. W.e's scheint, ernst, denn eine halbe Stunde später sind all.- die vor dem Haute geschäftig, nämlich: Vaier und Moische und Herschke \\ani/is, unser Hauswirt.u Hui man sucht einen passenden Platz für die Laubhütte. Herschke Mamzis* Häuschen wir' sonst schließlich sogar nicht Übel; bk>B einen Fehler hat's: ei steht einfach so draußen in der Welt und hat kein Häppchen Hof. Es sieht ans, als hält - man et ml ten auf der Slralie verloren: jemand kam des Wegs und verlor ein Haus. Ohne. Hof, ohne Vorhaus, ohne rechtes Dach, die Türe auf der Rückseite, wie eil: Ucbcr/iehcr mit dem Schütz von vorn und den Knöpfen von hinten und reden Sie mit Hcischkcn, so wi d er Ihnen von seinem Hause den Kopf vollpauken: wie er prozessiert hat um das Haus. WM* er den Prozell gewönne i hat um das Haus, wi: man's ihm hat wegnehmen wollen, das Haus, und wie er gekämpft hat um das Haus, und wie das Hans schließlich sein blieb, -ein Haus. . . . Wo denken Sie, Reh Moische die Laubhütte hinzustellen? — fragte Vater den ,Aber-mal-Moische". und „Aber-mal-Moische"; den Hut im Nacken und tief in Gedanken, w ie ein gToller Architekt uber einen grollen Plan, zeigt mit beiden Händen von hier bis dorthin und von da bis hierher und will uns deutlich machen, dall, wenn das Haus nicht so einfach auf der Siralle stünde und einen Hof hätte, mau dann zw ei Wände ersparen könnte, und dl - I aubhütte bei ihm in einem Tag fertig gewesen wäre was sage ich in einem Tag .' in einer Stunde! Aber weil nun das Haas ktinen 11 >l liä t und man vier Wände brauchte, müßte es schon etwas dauern, aber dafür würde das eine Laubhütte werden aber mal ei te I aubhütte! Hauptsache, daß's Material zur Hand ist. Material wird schon da sein, aber haben Sic denn Werkzeug? fragt Herschke. Werkzeug findet sieh, aber habe i Sie de in Holz' fr.TL't Mojsche. Hol/ gibl's schon, aber haben Sie denn Näge'? Fragt Herschke. - Nägel kann mau kriegen, aber habe i Sie den < irun zum Dachdecken? fragt Mojsche. Sie sind mir heute bißchen zu „so-so"! - versetzt Herschke. — Zu „wieso"? tragt Mojsene und bückt ihn in die Augen, und beide brechen in Lachen aus. Doch als Herschke Mamzis die ersten Paar Bretter und die ersten Paar Balken angeschleppt brachte, sagte „Aber-mal-Mojsche", dali es, so (ioti will, „Aber mal eine Laubhütte!" werden wurde. Und ich wai sein neugierig, wie e, mit diesen paar Balken und Brettern eine Laubhütte zustande bringen wurde. Ich erbats von der Mutter, daß ich dabei sein durfte, wenn Mojsche die Laubhütte machte. Und von Mojsche selbst erhielt ich auch bald die Erlaubnis. Und nicht nur, dall ich dabei sein durfte, sondern sogai im Gegenteil — er lud mich ein, ich möchte sein „Oehilfe" sein. d. Ii ich sollte mit anfassi i und zureichen, was er verlangte. Versteht sich, dait ich überglücklich, aul dem siebentein Himmel war. Kleinigkeit! Ich helfe eine Laubhütte bauen! Und helfen tat ich auch sehr: half die Lippen lecken, wenn Mojsche mit dem Hammerj klopfte, half ins Haus mit ihm /u gleicher /eil /um I ssen gehen, half die anderen Kinder anschnaii/en, sie mochten uns nicht bei der Arbeit stören, half ihm, alle mal den Hammer hinzureichen, wenn er den Spaten brauchte, und die Zange, wenn er einen Nagel wollte. F.in anderer an seiner Stelle bitte einem für solche ..Hilfe" und „Handreichung" den Hammer an. den Kopf geworfen. Doch „Aber-m.il Mojsche" war ein Mensch ohne Qal'e. Das hatte noch niemand erlebt, ihn in Zorn zu sehen. — Zorn, sa,rrtc er, ist Götzendienst, so viel wie Götzendienst hilft, so viel hilft Zorn.----

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