Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 30 (29.7.1927)
- Date
- 1927-07-29
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
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v 30 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE. LEIPZIG Seilt 3 Di r Zusammenschluß der Jugend zu Bünden erfolgt nach Gesetzen, die im Wesen der Jugend liegen. Worin bestehl dies Wesen? Das Ziel der Entwicklung ist der reife Mensch. Jugendlichkeit ist kein Ziel, sondern ein Won- Diese Erkenntnis wird manchen Menschen bewahren vor den Gebärden einer verkrampften Jugendlichkeit, die sich als Selbstzweck hinstellt und die durch die Übernahme äußerer Formen der Jugend ohne ihren geistigen Gehalt lächerlich wirkt. Dieses gewollte Jungsein, das nicht auf ein höheres Lebensziel gcrichtet ist, endet im völligem Verbürgerlichen und unter Verzicht auf die Ideale. Das Ziel, eiin reifet Mensch zu sein, kann nur erreichen, wer den Weg da/u ganz gegangen ist, wer die seelischen und geistigen Möglichkeiten und Forderungen seines Jungseins aufgeschöpft hat. Die lügend bat den Willen zum Unbedingten und Wahren, die Empfänglichkeil für alles Schöne und Gute. Sie will ihr I eien aus eigener Verantwortung und nach inneren Gesetzen bewußt neu gestalten. Sie stellt somit den Menschen vor eine Aufgabe. Ihre Erfüllung isi zurlcich der Weg vom jugendlichen zum reifen Menschen und «du die Sicherheit, daß die Ideale der Jugend dadurch sinnvoll werden, daß sie die Grundlage für das spätere Leben bilden. Die Trauer um die verlorene Jugend kann dadurch wenigstens gemildert werden. Diese Erkenntnisse sind nichl an eine Zeit gebunden. Die Gesetzmäßigkeit, daß die Jugend Träger des Neuen ist, gilt für alle Zeiten, i s ist dabei gleichgültig, ob das Neue in organischer Entwicklung oder in revolutionärem Umsturz d is Ahe ablöst, gleichgültig auch, wek Ins die jeweiligen I rscheinungsformen des Neuen sind. Wichtig im mn. daß immer die Jugend das Neue zu sehaf en und zu verwirkliehen ha; mag sie es auch in jugendlichem Sturm und Überschwang manchmal in falscher Weise tun und daß es eine „Jugend von heute" in allen Generationen gab und geben wird. Das, Erkennen lieser cntwicklungsgeschichthchen Zusammenhänge kann vielleicht das Verständnis zwischen Alter und Jugend von beiuen Seiten her. gewiß iber von der Seite der Gereiften und Erfah enen, erleichtern. \\ ic verträgt sieh mit dem Willen zur Pcrsöntichl e t, der der Jugend igen ist, der Trieb zur Gemeinschaft und zum Zusammenschluß? Ju-;end fühlt sieh zu Jugend hingezogen. In Inrer Kampfstellung gegen las Alte, in ihrem I asten, Sueben und Erkennen des gemeinsamen Neuen, in iihrem Verlangen nach Liebe und dem Drang nach Mitteiing verbinde! sie sj.h gefühlsmäßig zu gemeinsamem kämpfen, nicht ulii/: auch in dem Wunsch, andere Suchende von dem selbst Erannteu zu überzeugen. Einer wird de u anderen zum Maßstab für ein Wollen und Können. Die Brücke von Me.isch zu Mensch kann i htet in der Jugend geschlage.i werden als später, der Wille zi.r Verbrüderung isi eine si n ke 11 e ikrafl junger Menschen, so drängt .. Weseu dei Jugend nach Zusammenschluß im Sinne der w ahren < iemeinschaft. Jugend bat den Willen, das, was sie ist. ganz ZU sein. Für die jüdische Jugend folg! daraus die sittliche Pflicht, ihre Sonderarl 's Juden zu erkennen und /u entfa ten. Die Tatsache, in das Judentum lineingeboren zu sein, erhebt sich vom bloßen Zufall /ur sinnvollen Leben aufgab« und verlangt Bejahung durch die ganze Persönlichkeit, i ine Jugend schöpft das Kcchl des jungen und die Pflicht des werdenden reifen Menschen nichl aus, wenji sie sieb diesem Dienst an ler jüdischen Gemeinschaft verschließt. Wenn nicht schon ohnedies ler V. die nach Zusammenschluß in der Jugend rege ist, so wird das lekenntnis /um Judentum notwendig dazu führen. Der Weg, der nur on ausgereiften Menschen in der 1 insamkeil gegangen werden kann, vird du Suchenden und Gleichgerichteten vereinen, damit sie ihn gemeinsam leichter und sicherer finden. Wie verschieden die Wege Iii einzelnen Menschen cum Judentum auch sein mögen, sie bähen loch alle das gleiche Ziel: Dienst am (ieist des Judentums, Aufbau der jüdischen (iemeinschaft. Da das Judentum lebt durch die Summe lerer, die sieb /u ihm bekennen, so kann kein einziger Jude sieb ihm nt/ichen, ohne seiner eigenen tiefsten Wesensbestimmung untreu zu werden. Religion ist Privatsache vielleicht in ihrer Ausdrucksform "der in ihrem subjektiven Oehalt. Ihre Verwirklichung ist eine sittliche Pflicht gegen die Allgemeinheit. Sollte etwa die I rage auftauchen. «>b d e Gestaltung des Judentums mit dem Wesen der Jugend ZU vereinigen ist? Ewigkeitswerte /u (schaffen, ist immer jugendlich. Gerade »las Jude ituni, frei von Dogmen, läßt sich tragen und gestalten vom Geiste seiner Bekenner Das licdcutct keineswegs Absage au das Alte und überlieferte. Di s ist iis Grundlage für den Aiithau unerläßlich notwendig. Aber das Judentum als ein lebendiges Ganzes liegt vor uns und wartet darauf, daß wir es gestalten. Wo könnte jüdischer Jugend eine Aufgabe gegeben sein, ilit gröllere Anforderungen an die Wesensart der Jugend stellt? Der Wille zum Religiösen, wie der Drang nun Gefühlsmäßigen überhaupt, ist in der Jugend besonders stark. Die Wege, die die Linzelnen sieb ZU ihrem Ziel, der jüdischen (iemeinschaft tu dienen, wählen, sind verschiedenartig und sollen im besonderen nicht untersucht werden. Jede Idee ist berechtigt und gut, wenn sie ehrjlch durchgeführt wird und wenn sie dem grollen Ziel des Aufbaues dien), nicht durch Zersplitterung davon abfuhrt. Dem Bestreben nach Zusammenschluß der gesamten jüdischen Jugend ohne Rücksicht auf die besondere Richtung des Einzelnen liegt der Wille zu gegenseitigem Verstehen, der (ieist der l iebe und Versöhnung zugrunde. Das oft mißdeutete Wort Neutralität bat hier nur den durchaus positiven Sinn: daß jeder Einzelne auf seinem Wege dem Ganzen dienen soll und dal! das oberste Gesetz für den Zusammenschluß der (ieist gegenseitiger Liebe und Achtung ist und das Streben nach Wahrheit, eine Auffassung, die gewiß dem Wesen der Jugend und dem < n ist des Judentums entspricht. Line Frage bleibt offen. Wenn das Ziel alles Zusammenschlusses die grolle Menschheitsgemeinschaft ist, warum schließen sich dann Menschen unter einer Son.ler-Idcc (Judentum, SozialismiS u. a) zusammen, wodurch sie doch eine Abgrenzung von den Mitmenschen schaffen? Warum schließl jüdische Jugend si.ii von der nichtjüdischen ab, mit der sie doch durch viele Merkmale dir Jugendlichkeit verbunden ist? Warum gehl nicht jeder Mensch allein gerade/u auf das groiie Ziel der Menschheitsgemeinschaft Inn? Weshalb die Schranken der Konfessionen) Nationen, Weltanschauungen? Weshalb sogar Kampf /wischen Menschen und Menschen? Die Gründe dafür sind in der Struktur der Gemeinschaft gegeben. Weil die Gemeinschaft eben nicht eine Aneinanderreihung vieler I inheiten ist, sondern weil sie ein neues Ganzes ist ans vielen Werten und Eigenarten, deshalb muß jede Eigenart bis m ihre letzten Möglichkeiten entfaltet sein, wenn sie lür die Gemeinschaft wertvolll sein soll. Zu dieser Entfaltung, zur Erkenntnis und Verwirklichung ihrer besonderen Art und Autgabe, muh jede durch eine Idee verbundene Menschengruppe sich für sich zusammenschließen, muß sich absondern, um neuen Wert für das größere Ganze zu schaffen. Das Judentum kann nur dann seinen Dienst an der Menschheit erfüllen, wenn es in seiner Besonderheit ganz erfaßt und ausgeschöpft wird, wenn jeder einzelne aul seinem vorbestimmten Wege über das Judentum den Menschheitszielen zustrebt. Wenn die jüdische Jugend ihre Aufgabe au sich selbst und an der Menschheit erfüllen will, so fuhrt ihr Weg als Jugend und als Juden sie in eine von der Idee getragene < iemeinschaft. Die Autorität des Vergangenen bilde! den Ausgangspunkt. Die Gegenwart ist das Wirkungsfeld, das die Jugend sich nach eigenem Willen und in I reihen gestaltet. Die Zukunft isi d.is /iel, für das zu wirken der Arbeit Sinn und Weit verleibt und das das Bewußtsein der Verantwortung in jedem Menschen erweckt, weil es Ewigkeitswerte zu schallen gilt. Doch frage man in einer allzu tatenfrohen und geschäftigen Zeit nicht ausschließlich nach dein, was zu tun sei, damit mau darüber nicht das ganz schlichte Sem di-sen, was man ist, \ ersäume, »TÄGLICH ÜBER 100000 AUFLAGE CD < CD O o cc LU CO Hiuc Jte'w$m*r Jeitunet BEZUGS^- 'S t.H tfOWiTUCH IM POSTBEZUG >.U OittiÜiL, OLSILLLGELD CO o 3> o CTJ täglich Ober 100000 auflagei