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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1927-07-29 · 30 (29.7.1927) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
3 (1927)
Issue
30 (29.7.1927)
Date
1927-07-29
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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iette 2 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE, LEIPZIG 3. JahrgEC? Bemerkungen zur Tagespolitik D ........«,,er neue Schuigesetzentwurf ist nun dem Urteil der Oeffentikcii unterbreite! worden, und in der vorigen Nummer l'dieser Zeitschrift ~iml seine wesentlichen Grundzüge abgefdruckl worden. Die beabsichtigte Neuordnung der Dinge hat ■•••'bereits erhebliche Aufregung in den Kreisen aller politischen Parteien gereifigt, denn man darf wohl behaupten, daß er nur den Rücksichten auf die Politik seine Entstehung verdankt, keineswegs aber, was bei einem Schulgesetze auch nicht ganz übersehen werden wolle, der Fürsorge für da» Kind! Drei Schularten streiten mit einander, die konfessionelle Schule, dugalH aul dem Boden der Religion stehend die Kinder in ihren Wegen erzieht, die Simultanschule, die von allen Kindern gleichmäßig besuch! wird und in der Religionsunterricht ein ordentliches Lehrfach ist, und die weltliche Schule, in der überhaupt kein Religionsunterricht erteilt wird. Für jede dieser drei Formen lassen »i, ,i Gründe und liegengründe anführen. Die.R eichsverfassung hat sich in den Artikeln 146 und II» iur die Simultanschule entschieden und konfessionelle oder Weltanschauungsschulen nur in Ausnah- 1 mefällcn zugelassen. I n.l die große Erregung unter den politischen Parteien der linken geht darauf zurück, daß das neue Gesetz die Vorzugsstellung der Simultanschule aufheben und alle drei Arten als gleichwertig betrachten will. W em: man sich von jüdischer Seite /tt dem I ntwurfe Suttern soll, so sei von vornherein bemerkt, dal? wir auf die Qestattung des (iesetzes auch nicht den allergeringsten Einflufl haben. Auch unter uns jjiht es Vnhänget aller Richtungen. Sozialdemokratische Juden kämpfen tui die weltliche, demokratische und volksparteillische für die Simultanschule, während ein groller ieil der Orthodoxie im Verein mt dm Rabbinern und I ehrern aller Richtungen sieJt für die konfessionelle Schul« einsetzt Unsere an sieh schon gering,'/, ahl zersplittert siei' demnach noch in drei reite. Wenn wir aber auch keinen Einfluß atisiiiun können, sondern uns mit dem zufrieden gehen müssen, was die polltischen Parteien beschließen, werden wir doch unter allen 'Umständen, wie au Ii immer die Entscheidung ausfallen möge, einen Vorteil haben. Denn in jedem Falle wird mit dem Unrecht von heute aufgeräumt werden, das die Juden ideel und materiell st.uk benachteiligt. In Sachsen sind dii Verhältnisse in dieser Beziehung ganz besonders angreifbar, und las starke Wort „skandalös", das in öffentlicher Versammlung h1 w rden ist. trifft den Nagel an den Kopf. Demi dei ihiis''ivi cl'.g'onsuntcrnchl an allen Schulen wird von dem Oelde d itei rzahl« unterhalten, zu dem Juden in nicht kleiner Zahl nicti unbedeutend .> men beitragen. Sie seih er erhallen alu r f;i r ihren Ri Iif o'nsunterrieht nicht einen IM e u ni g. In i'i ußen i; Bad in Hessen, ja auch in Hävern ist es anders. Alu iin unserem Iis n scheint man diese Ungerechtigkeit für selbstverständlich zu halten. Und es i>t an der Zeh, daß das Reich auilt Sachsen zu einer Acnderung seiner Haltung zwingt, die meiner Meinung nach den Christen sehr peinlich sein müßte. Wird ja doch ihr Unterricht von jüdis hetn Oelde mit erhallen. Und wie es auch kommen mag, eine Bess rung Für uns ergibt sieh. Bekommen wir die wehliche Schule, was freilich außerhalb des Möglichen liegt, Gedanken über den Zusammenschluß luetischer «Jugend Von I I-a Hirschel. Nuht um die Zahl vorhandener Vereine zu erhöhen oder tun den Gewohnheiten der Erwachsenen nachzueifern schließt jüdische Jugend sieh in organisierten Bünden zusammen. Der Zusammenschluß erfolgt nach Oesetzen, die in der Natur der Jugend begründet liegen: in ihrem Wesen aK Jugend, als jüdische Jugend, als Träger gemeinsamer Ideen Die Qrundlage für den Zusammenschluß bildet der ihr eigene Wille /ur Gemeinschaft. Gemeinschaft ist nicht ein, Summe .ms vielen aneinander gereihten 1 .inileiten. s,,njcrn sie ist ein aus den Einzelteilen neu gewordenes, lebendiges Ganzes Scheinbar haben die einzelnen Bestandteile der Gemeinschaft ihren Sonderwerl verloren, alur doch ist jeder I inzelnc ein notwendiges Glied in der Kette des Ganzen. Die Künde wollen die Jugendlichen sammeln, jeden Einzelnen zu sich selbst erwecken und ihn der Gemeinschaft als einer höheren Einheit dienstso zahlt der Staat oder die Stadt weder für Christen noch für Juden. Siegt die Simttltauschulc, so muß auf behördliche Kosten für alle Konfessionen, sofern eine genügende Anzahl von Kindern vorhanden ist, Religionsunterricht gegeben werden, l ud kommt gar die konfessionelle Schule, so mußte der Staat nicht nur die Kosten übernehmen, sondern ideel würden die Juden insofern gleichgestellt werden, als ja heilte in Wahrheit alle Schulen, oh sie sieh auch simultan nennen, christlichen Charakter haben und die Juden die Erziehung ihrer Kinder gleichfalls im Geiste ihres Glaubens auf Kosten des Staates genießen konnten. Viaj darum auch das Schulgesetz vom Standpunkte vieler Juden aus oder besser vom Standpunkte ihrer politischen Parteizugehörigkeit anfechtbar sein, dem Judentum als Ganzem wird es auf dem \\ e: e zur völligen Gleichstelllung nutzen. In Darmstadt haben ilie rierschutzvereine geiagt und ein Antrag gegen dabetäubungslosc Schlachten von I ieren wurde angenommen. In W ahrheit ist das nur eine etwas verschleierte Forderung eines Schächtverbots! Ob die Regierung auf diese Versuche reagieren wird, ist noch fraglich. In Hävern, wo in schönem Vereine Sozialdemokratie mit Völkischen und Kommunisten ein gleiches Ansinnen an die Regierung gestellt haben, hält man sich zurück. Man fürchtet den Eindruck auf das Ausland. Denn eine Kulturschande ist und bleibt ein solches Beginnen, das unter dem Vorwandc, Here zu schützen^ Menschen quält, Dali die Revolution der Tierschutzvereine und die parlamentarischen Bemühungen in \\ ahrheil weniger dem Bewußtsein echten Mitleids mit den lieren als dein Haß gegen die Juden und ihre Religion entspringen, ergibt sieh nicht nur daraus, daß man mit souveräner Ocrte alle wissenschaftlichen Gutachten beiseite geschoben hat und ihre Feststellungen, daß das Schächten keineswegs tierquälerisch sei, glatt ignoriert. .Wehr noch erweist es die ratsaclic, dali man gegen wirkliche l'ierquälerei sieh nicht wendet oder nicht aufzutreten wagt. Kein \\oi, des Protestes erklingt in diesen Kreisen ^jegen die heute allgemein übliche Art der Jagd, bei dei angeschossene Here oft tagelang unter wahnsinnigen Qualen umherlaufen, bis ein milder Tod sie erlost. Welche Grausamkeiten zeitigl die immer noch als ein ,,edles" Jagdvergnügen geübte Sauhetze, die besonders widerlich ist, weil das zu I ode gehetzte Schwein vorher gefangen wird, um dann erst zum Zwecke der „frischen, fröhlichen Jagd" losgelassen zu werden. Man denke au die Unmenschlichkeiten, die die Vivisektion mit sich bringt.') Ueber alle drei Diu-', e.ltrüstet sich kein Mensch. Oder sollte es etwas bedeuten, daß alle diese anerkannten Tierquälercin da- Vergnügen hoher und höchster Herrschaften ausmachen, wahrend das Schächten «ine Angelegenheit der bedeutend leichter anzugreifenden Juden ist ' Und so dürfte [raglos in dem Schrei nach Tierschutz, der sich übei die angeblich« Grausamkeit des Schichtens entsetzt, um es rund heraus zu sagen, ein gut Teil Heuchelei liegen! F, Doldmann *) Ueber alle drei Dinge lese man das soeben erschienene Büchlein von II ei uz Anders, Tier und Mensch, das im I'hylox-Verfage, Berlin s w <\S. erschienen ist. bar machen. Dazu isi l iebe und Aufopferung des einzelnen für das (ianze notwendig, damit die Oesamtheil durch ihn nicht ein Plus an Zahl, sondern eine Bereicherung an Wert empfange. Gibt der einzelne durch seine Hingabc au das Ganze etwas von seinem persönlichen Wert auf? Die Wirkun*! ist wechselseitig. Der junge Mensch empfängt durch sein Wirken in einer Menschengemeinschaft sein Ich gesteigert zurück. In jedem Menschen lebt der Wille, aus der I nge und Gebundenheit seines Ich unterzutauchen in ein Größeres, das ihn Stützt und tragt, das ihm eine Bestätigung für die Richtigkeit seines eigenen Wollens gibt. Was man allein, vereinzelt nicht erreichen oder nicht entfalten kann, wird gefordert und befreit im Wirken in der (iesamtheit. Anders ist der Mensch in der Vereinzelung, anders als Glied eines größeren Ganzen Je mehr der Bund vom einzelnen empfängt, um so mehr gibt er ihm au Kräften und Werten für sein Ich zurück. Dabei muß die große Gefahr gemieden werden, daß der einzelne Mensch die (iesamtheit als Flucht vor seiner eigenen Schwache mißbraucht und in herdenmäßigem Zusammenschluß die andern für sich wirken läßt. Nur wer gibt, was er zu geben vermag, haut an einer wahren Gemeinschaft mit und kann für sich Gewinn daraus schöpfen.

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