Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 25 (14.6.1927)
- Date
- 1927-06-14
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 2 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE, LEIPZIG 3. Jahrgang Aberglauben und die mystischen Entartungen jener Zeiten erwähnt. Der Talmud weiß Aehaliches zu berichten; zwei Rabbiner schufen ein dreijähriges Kalb, das sie dann verzehrten. Ein anderer wird genannt, der sieb rühmte, mit Hilfe des Buches lezirah aus Gurken und Kürbissen Hirsche und Rehböcke zu machen. |a, sogar von der Bildung eines Menschen ist die Rede: Raba schuf einst einen Menschen und sandte ihn an R. Zera; als dieser aber mit ihm sprach, und er keine Autwort gab, sprach er: du stammst also von den Genossen (du bist von Zauberern erschaffen), kehre zu deinem Staube zurück. Im I auft der Jahrhunderte bat der Stoff mannigfache Ahwandlungen erfahren, So steht der berühmte Arzt und Philosoph Maimonides (1155 l^<>4) im Mittelpunkte einer Legende, in der ein Jüngling, in viele Stücke zerschnitten, in einem Glaskasten liegen muß, um im Laufe von neun Monaten w ieder lebendig zu werden. Die weiteste Verbreitung hat jedoch die Golem-Legende vom Holten Rabbi Low gefunden. Es ist ein ungemein vielgestaltiges Bild, das Hans Ludwig Held in seiner tiefschürfenden Abhandlung: Das Gespenst des Golem (Eine Studie aus der hebräischen Mystik mit einem Exkurs über das W esen des Doppelgängers. München 1027. Allgemeine Verlagsanstalt) entwirftt. Die erschöpfende Beherrschung den Stoffes, mit der das Problem der Lebende nach allen Richtungen untersucht wird (Ursprung der Legende, ihre Ausstrahlungen, ihre mystischen Unterlagen, ihre Beziehung zum Problem des Doppelgängers u.a.) zeigt vor allem, daß sie zu den Stoffen gehört, die immer wieder die Hichter anziehen. I 'nd es ist reizvoll zu sehen, wie der dichtende (ieist die Legende selbständig fortentwickelt. Von den Neueren seien Hugo Salus, Arthur Holitseber und Gustav \\e\rinck genannt, die an dem Thema neue Gestaltungsm< »glichkeiten entdeckten. Besonders lockte immer die Aufgabe, die Golem-Gestalt zu einem Menschen umzuformen, dem neben der rohen Kraft auch das Gefühl, das Denken und die Sprache eignet. Eine, abgesehen von ihrer dichterischen Schönheit, äußerst interessante Fassung der Legende liegtauch dem d'Albertscheu Musikdrama „Der Golem" zugrunde, das unser hiesiges „Neues Theater" jüngst zur Aufführung brachte. Ferd. Lion, der den Text schrieb, gebt von einer mehrfach begegnenden Fassung aus, in der eine Pflegetochter des Hoben Rabbi Low eine innige Zuneigung zum Golem faßt. Während jedoch die «älteren Darstellungen nur den Gegensatz zwischen dem gefühllosen Halbmenschen und dem Vollmenschen schildern wollen, läßt Lion die Pflegetochter an dem Golem das letzte Wunder vollziehen: sie j lehrt ihn sprechen und erweckt in ihm die Gefühle. „Nacht" ist sein erstes Wort, das sich „unter Schauern der Geburt" ihm entringt. Welch wunderbarer dichterischer Gedanke, daß gerade dieses Wort sein erstes ist. Nacht war es in ihm und um ihn, ehe Leben in ihm sich regte, Nacht noch in dem eben vergangenen Augenblick, da das höhere Leben in dem eben vergangenen Augenblick, da das höhere Leben des Menschen, das Fühlen, ihm noch unbekannt war. „Doch jetzt ist Tag", sagt Lea zu dem Erwachenden; und „Tag," ist sein zweites Wort. „Ich leide", ist der Ausdruck seines Fühlens. Und nun in schneller Folge entwickelt sich in ihm die Stufenleiter der Gefühle. War der Golem der Urlegende Gehorsam aus mangelndem Selbstgefühl dieser Golem gehorcht aus Treue. Sein Zorn ist nicht mehr die tolle Wut des Unbeholfenen, sondern bewußte Abwehr, ja, Eifersucht ist ihm nicht fremd. Er liebt Lea, sie allein noch kann ihn besänftigen. Und es vollzieht sich das Letzte: Pride Gehören zusammen: Lea neu — Gefunden. Der Golem neu — Erschaffen. Die alten Gebräuche der Brautschaft werden gefeiert. Lea sinkt dabei tot zusammen. Des Golems Seele, „unlösbar gebunden in Lea", ist mit Leas Leben entflohen. Der Rabbi nimmt den Schern aus dem Munde des Golem, der erstarrt zu Stein. — Eine Fülle von tiefen Gedanken erweckt die Golem-Legende. Die letzten Fragen menschlichen WerdeiiSj menschlichen Denkens und Fühlens werden rege. Die Legende, so schlicht in ihrer Form, ist aus dem Tiefsten geschöpft. Daher die Kraft, die in ihr ruht. Rabbiner Guslav Cohn Preußens jüdische Bevölkerung Ijn der „C. V.-Zeitung" (Nr. 24) gibt Dr. Julius Rothholz ["inen Kommentar zu den amtlichen Ergebnissen der {Volkszählung vom 16.Juni 1925. Er schreibt u.a. :......: Vor dun Kriege belief sieh die Einwohnerzahl der Juden in dem nach dem Kriege verkleinerten Preußen auf W>6 >7d Seelen, im Jahre 1925 sind sie auf 403969 gestiegen, und ihr prozentualer Anteil ist von 1.05 auf 1.06 v. H. herauf* E tngen, aber hierbei muß, will man einen Vergleich mit der letzten Volkszählung austeilen, beachtet werden, daß die gegenwärtigen Gebietsstand umgerechnet worden sind. In Volkszählungsergebnisse vom I.Dezember 1910 auf den den abgetretenen Provinzen Preußens, die bei den vorhergehenden Vergleichszahlen nicht berücksichtigt sind, wohnten ahn rund 1b (Kid Juden. Da sich aber bekanntlich die meisten Juden aus den abgetretenen Provinzen im alten Heimatland seßhaft machten, ergibt sich schon;his diesen Abwanderungszahlen dei Grund für das Anwachsen der jüdischen Bevölkerung Preußens. Absolut haben die Juden in dem jetzigen Gebiet Preußens gegen 1910 um rund 17 000 zugenommen, stellt man dem gegenüber, daß in den abgetretenen Gebieten Preußens 16000 Juden wohnten, die ihre alten Wohnsitze zum «roßten Teile aufgegeben und nach den verbliebenen Provinzen Preußens verlegt haben, so kann man tatsächlich nicht von einem Wachstum, sun dem eher von einer Abnahme der jüdischen Bevölkerung Preußens sprechen. Die Behauptung, daß die Zunahme der Einwanderung zahlreicher Juden aus Polen und Rußland zuzuschreiben sei, ist bisher zahlenmäßig gar nicht bewiesen. Die Abnahme der Juden in Preußen entspricht den in den anderen deutschen Ländern gemachten Beobachtungen. Die nachstehende Tabelle zeigt sehen Einwohner auf die einzelnen die Verteilung der Provinzen: Von 1000 jiididarunter wohn. Einentfallen Einwohnerzahl luden: auf Juden: Provinz 1925 1925 1910 1. Ostpreußen 2 25(>'34<) 11 337 5,02 593 2. Brandenburg 2592419 8 442 3,26 3,02 3. Stadt Berlin 1024 165 172 072 42,91 38,56 4. Pommern 1 878 781 7 761 4,13 5,16 5. Grenzmark 1 32 185 4 4 17 10,34 12,37 (>. Niederschlesien 3132328 29 <>5 i 9,56 8,91 7. (Iberschlesien 1 379278 10069 7,30 766 8. Sachsen 1 "277 476 8 341 2.55 2,54 <). Schleswig-Holstein 1 51 »305 4 152 2,73 2,28 10. 1 lanncvci 3 190619 14 895 4,67 5,28 II. Westfalen 4SI 1 21 <) 21 5<)5 4,49 5,10 12. Hessin-Nassau 2396871 52 757 22,01 23,31 I i. Rheinprovinz 7 25(>«)78 58 221 8,02 8,29 14. Hohenzollern 71 840 445 4,66 5,70 Zusammen 1925 38120173 403969 10,60 10,48 1910 35000830 366876 10,60 10,48