Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 22 (3.6.1927)
- Date
- 1927-06-03
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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3. üabraana, Dr. 22 3. lun T«27 wttoMkft der Jzr&eliti$chzn Am-MckeS Nachrichten bis GeHieiiideverw<HM kzUgiongqcnteincle $tt ClKhAxü %f \ Du GemeindsblaU erscheint wöchentlich am Freitig. Den Mitgliedern der Religionsgemeinde wird es unentgeltlich durch die Post zugestellt. Bezugspreis für Nlchtniitglieder monatlich 60 Pfennige. Anzeigenannahme: W. Teicher, Glockenstraße U, Telephon 14449. Schriftleitung: Gemeinderabb. Gustav Cohn, Leipzig, Löhrstr, 10, Telephon 29641. :: Druck und Verlag: W. Teicher, Leipzig, Clockenstr. II, Telephon 14449. Ar. zeigenpreise: Die 4 gespaltene mm-Zeile 20 Pfg. Fa mifi«n- und kleine Anzeigen!0 Pfg. Urnschlagsciten und Textinserate nach besond. Tarif. Für den Inseratenteil : J, Kühne, Reichelstr. 7 (Telephon 14449). Die Schriftleitung übernimmt für die unter dem Name» des Verfassers erscheinenden Beitrage und die Ve'- einsnachrichten nur die pteßgesetzliche Verantwortung. Nachdruck nur rnii QtMHtntngabc LnQ Genehmigung des Verfasseis gestattet. Unsere Thora Urteile geistig führender Juden zum Feste der Gesetzgebung •w^jor einigen Tagen wurde in feierlicher Weise die : % 7 : „Internationale Buchkunst-Ausstellung" eröffnet. Kein Geringerer als Gerhard Haupt mann hielt teaammil die Festrede. Seine Worte galten dem „Immateriellen" des Buches. Die so hoch entwickelte Technik des Buches hat ihren wahren Wert nur in der Vermittlung der Ideen, denen sie die Verbreitungsmöglichkeit j^ibt, aber darüber hinaus den Rahmen, der ihnen Anziehungskraft verleiht. Uns Juden hat man das „Volk des Buches" genannt. In Israel ist das Buch entstanden, das zum Buche der Menschheit geworden ist: unsere Bibel. Kein Wunder, daß der Jude frühzeitig in ein inniges Verhältnis zum Buche überhaupt getreten ist. In Zeiten, in denen die Kunst des Schreibens und Lesens nur wenigen vorbehalten blieb, war dem Juden die Beschäftigung mit dem Buche nichts Ungewöhnliches. Unsere Literatur ist jedoch nicht nur alt sondern auch vielgestaltig. Reichhaltig machte sie schon die religiöse Ein- Btellung: neben die Bibel traten die Midraschim, Mischnah und Talmud und nicht zuletzt Sidur, Machsor und Peßach- Haggadah. Aber in ihr fehlen auch die Werke der anderen Wissensgebiete nicht: kein Zweig des Geisteslebens, dem nicht jüdische Geister Beachtung geschenkt und ernste Werke gewidmet hätten. Und kein Gebiet menschlichen Wissens, in dem nicht der Jude sich heimisch zu machen getrachtet hätte. Und heute? Das Geistige ist im Werte bedauerlich gesunken. Von vielen wird der Pflege des Körpers das Wort geredet. Mit Recht. Die Juden hatten ihre Geistigkeit überspannt und vergessen, daß nur in gesundem Körper ein gesunder (ieist sich entfalten kann. Aber die Mehrzahl der Juden, die dem ( ieistigen fremd geworden sind, haben nicht etwa an seine Stelle die Kultur des Korpeis treten lassen. Sondern ein Vacuum, eine Leere: Oberflächlichkeit. Min kann den Körper tüchtig machen, ohne den (ieist verarmen zu lassen. Man soll den (ieist jung und frisch erhalten, nicht nur, weil er des Menschen edelster Teil ist, sondern weil schließlich nur jjeistijjes Lrfassen des Daseins das Leben lebenswert macht. Wir begehen das SchowuoU-Fest, die Zeit der Gesetzgebung (s'man mattan thoroßenu). Am Sinai entsprang der Quell, aus dem das jjanze Werk jüdischen Geisteslebens gespeist wurde Das Zehnwort, die sinaistische Offenbarung im engeren Sinne, ist das Fundament unserer heiligen Schrift; unsere Bibel der Unterbau für die jüdische Lehre; jüdisches Denken weitet sich uns zur Teilnahme am Geistesleben der gesamten Kultur unserer Tage. Bei der Bibel sollte der Aufbau jüdischer Geistesarbeit wieder ansetzen. Auch Gerhard Hauptmann fand begeisterte Worte für den unvergleichlichen und unvergänglichen Wert der Bibel. Die Bibel hat auch uns noch unendlich viel /u sagen. Führende Qeister im Judentum aus Gegenwart und jüngerer Vergangenheit, aus allen Lagern unserer Gemeinschaft finden beredte Worte dafür, was unsere heiligen Büchel tiu> bedeuten können, wenn wir sie wieder kennen. Das Buch der göttlichen Lehre beginnt nicht mit dem (iesetz, nicht mit der Sondergeschichte des israelitischen Volkes, sondern mit der Natur, mit der Menschheitsgeschichte. Ls will dem Volke, dem es von der ihm gewordenen Offenbarung Gottes in der geistig-sittlichen W elt zu erzählen hat, eist die göttliche Offenbarung Gottes au die ganze Menschheit in der Natur, in der Geschichte verkünden. Die Stimme göttlicher < Iffenbarung ertönte nicht zuerst aui dem Sinai; sie erscholl schon über dem eisten Schöpfungs-- atom als göttliches Werde! und in der eisten Menschen Brust als Kundgebung des sittlichen Bewußtseins, als inahnendes Gewissen. Lin Gott ist es. der im All erscheint und in den engen Kammern des Menschenherzens. Die sinnliche und die geistig-sittliche W elt sie haben Gott, den Linen, zum Träger, zum Ausgangs- und Einigungspunkt. Prof. Dr. lulius 1 ürst. In diesem heiligen Buche finden wir uelun den anmutigsten Legenden und einfachsten Hirtengeschichten die tiefinnigsten Probleme der Lebensweisheit, die klarsten Sittensprüche und die großartigsten poetischen Qemäldc, neben dem Idealbau eines freien Zukunftsstaates die humanste und edelste Weltanschauung, neben den erhabensten Lauten der Naturpoesje die lieblichsten Klänge erotischer Lyrik, die innigsten, glutvollsten Lieder nationalen (ilücks und Leids, die dumpfen Höne eines weltverzweifelten Pessimismus und du gottfreudigen Hymnen einer erhabenen Theodicee zu einer höheren Harmonie vereinigt Dr. (iustav Karpeles. Die geschichtlichen Bibelbücher, die die Geschicke des israelitischen Volkes von den Zeiten seiner sagenhaften Vorahnen bis zum babylonischen Exil zum Inhalte haben, stellen keine einfache Chronographie der Ereignisse oder Urkunden-