Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 21 (27.5.1927)
- Date
- 1927-05-27
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
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!V 21 >eut 3 Dr. Karl Schwarz Uber Raphael Chamizer als Bildhauer lu Nr. 15 des „Qemeindeblattet" brachten wir einen kurzen Hinweis aut die gelegentlich der Lovis-Corinth-Auutellung im Kuoatvereui gezeigten Plastiken Raphael Chamizer*. Eine eingehende Wurdi({"HK des in unserer Gemeinde als hochgeschätzte Persönlichkeit lebenden Künstlers erschien kürzlich aus der berufenen Feder des anerkannten Berliner Kritikers Dr. Karl Schwarz in der „Jüdischen Rundschau". Wir veröffentlichen im folgenden seine Ausführungen; mit Rücksicht darauf, daß die Ausstellung bereits abgeschlossen ist, sind die den einzelnen Werken gewidmeten Betrachtungen nicht wiedergegeben. Die Schriftleitung. Wer ist dieser Künstler, von dem man noch nie gehört hat, uiul der hier bei seinem ersten Auftreten als eine geschlossene und reife Persönlichkeit erseheint? Man kann angesichts dieser Werke nicht von „Entwicklung1! reden. Kein Anfänger, der noch sucht oder nach Form und Ausdruck tastet. Eine erstaunliche Sicherheit. Nichts Eklektisches. Vielmehr eine rücksichtslose Ehrlichkeit persönlichen Willens. Nicht« < lewolltes, sondern eine elementare Kraft, die visionär üeschautes und Erfühltes gestaltet. Jedes Werk durchzittort von stärkstem Erleben. Man gerät in Erregung vor diesen grollen und kleinen Plastiken, denn jedes dieser Werke hat etwas Aufwühlendes, jede Linie ist Aufruhr, Kampf, Evolution, Sehnsucht und Verschmachten, Ein Plastiker spricht hier, dem die Form unter den schaffenden Händen wächst. Das Material ist Selbstverständlichkeit. Die Bronze fließt, gräbt sich in schattenhafte Tiefen und blitzt auf. Der Marmor leuchtet und glitzert in grollen Flächen. Trotz aller oft komplizierter Teilbehandlung sachliche Einheit und Geschlossenheit der Gesamtwirkung. In jedem einzelnen W erk, oh kleineren oder größeren Formates, ein sicheres Formgefühl und richtiges Auswerten technischer Gegebenheit. Das heißt, er fühlt und formt von vornherein in dem endgültigen Material, er beherrscht den Meißel und die Werkzeuge des Ziseleurs. Er überzeugt durch Selbstverständlichkeit und fesselt durch elementare (iestaltungskraft. Vielleicht erschreckt er manchmal durch das gewaltige Pathos. Aber dieses wird verständlich durch die Lcidenschaftlichkeit seines Sehaffens. Es ist der Ausbruch eines lange zurückgedrängten Kunstwillens. Denn Dr. Raphael Chamizer, ein bewahrter Mediziner, ist vollkommener Autodiktat. Bis vor zwei Jahren hat er niemals künstlerisch gearbeitet. In seiner Jugend drängle es ihn wohl zur Knust, aber der gestrenge Vater bestand auf dem akademischen Studium, und so schlummerte dieses W ollen, bis eine Italienreise vor zwei Jahren die alte Leidenschaft mit aller Gewalt emporrill. Und nun beginnt ein geradezu ekstatisches Schaffen. Er greift fast unbewußt zum Meißel. Die bedeutendste Leistung des es ist fast nicht glaubhaft erst so kurze Zeit schaffenden Künstlers ist die Überlebensgroße Marmorfigur der in Trauer versunkenen Frauengestalt. Unwillkürlich drängt sieh einem hier der Vergleich mit Benno Elkans Denkmal „Den Opfern" auf. Dort ballt sich die Bronzemassc zu gewaltiger Form zusammen. Hier ist nichts Schwere, sondern Gelöstheit trotz der formalen Gebundenheit das primäre Erfordernis jede; Plastik mrt spirituellen, d. h. seelischer und gefühlter Konzeption. Nicht unabsichtlich heißt diese Figur „Iraner" und nicht „Die Trauernde". Eine Welt versinkt hier in abgrundtiefe I rauer. Keine Klage w ird laut. Der Mund, der eben noch aufgestöhnt hat, ist verstummt, in letztem Klagelaul ermattet, die Brust ist zusammengesunken und die Arme sind erschlafft. Sie neigt sich dem Unabänderlichen und verharrt in dieser traumhaften Resignation. Absichtlieh sind hier Formen ubersteigert und manche Details entlebendigt. Es gilt nicht, die Frau darzustellen, sondern die Weiblichkeit. In einigen Teilen zuckt noch das Leben, andere sind symbolhaft geformt. Vom Rukken her rieselt es herauf. Der Kopf ist vollkommen Ruhe. Das stilisierte Haar, in breiten Strähnen zusammengefaßt, ist der Ausklang. Jedenfalls ist dieser homo novus in dem kleinen Kreise unserer jüdischen Bildhauer, deren Schaffen nur mit wenigen Ausnahmen von reinem Formempfinden und Raumgefühl getragen ist, ein geborener Plastiker, frei aller eklektischen Befangenheit, vielmehr Künstlers. retrieben \<>n dein Feuer des wahren Aus anderen Gemeinden und Verbänden Tagung des (Indien Rates des Preußischen Landesverbandes. Der Große Rat des Preußischen Laudesverbandes jüdischer Gemeinden hat zum ersten Male nach der Verbandstagung am S. Mai eine Sitzung abgehalten, in der zunächst eine Reihe verwaltungstechnischer Angelegenheiten besprochen worden sind, so die Frage der Diäten für Teilnehmer au den Tagungen, Fragen der Vertretung des Rates bei der Landesversammlung, eventuelle Erwerbung eines Grundstückes u. a. An Stelle des ausgeschiedenen Abgeordneten Brinitzer trat Lehrer Freundlieh-Hreslau in die Laudesversaminluug ein. Das Buch des Seminarrabbiners Prof. Dr. Quttmann-Breslau, „Das Judentum und seine Umwelt", soll, um seine größere Verbreitung zu ermöglichen, subventioniert werden, ebenso das von Dr. Höxter-Frankfurt a. M. herausgegebene Quellen-Lesebuch. Grundsätzliche Fragen w urden erörtert bei einein Gesuch einer Magdeburger Gemeinde wegen Gewährung eines Darlehens zu einem Synagogenneubau, sowie bei der Anfrage der Gemeinde Koblenz wegen der Beitragsleistung einzelner Ge» meinden an zentralen Wohlfahrtseinrichtungen. Der (iesellschaft für Gründung und Abhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums wurden 15(MM) Mark bewilligt Die bereits beschlossene S c Ii ä c h t e r s c h u I e in Berlin soll demnächst eröffnet werden. Die Kurse für die Besucher dauern lVs Jahre. Stipendien von 75 Mark pr.< Monat und Besucher werden bereitgestellt. 1 in Kuratorium, bestehend aus den Herren Galewski, Rechtsanw ilt Dr. Klee, Justizrat Lilienthal und Oberkantor Ahlbeck, wurde gewählt Dem Kuratorium werden auch fünf Rabbiner angehören, nämlich die Herren Dr. Löwenthal-Berlin, Dr. Hoffmann- Breslau, Dr. Hoffmann-Frankfurt a. M„ Dr. Guttmann-Breslau und der Berliner Dann Dr. Jacobowitsch. Die Frage des Schächtschutzes wurde eingehend erörtert. Eine eingehende Diskussion erforderte auch die Frage der Einberufung einer K o u f e r e n z der j ü di SC h e n O rtjjgp^gg^^ CO&.SÖ ONDITORI KAFFEE HAU/ Bes'e hingen für feine Koodiioreiareo i — ii umi—i unter Tel. 2Q214 oder im Laden Augustusplatz •rotten. inh.: Ernst Fischer ,KO^IEMT^)REI hüher lantyähriKti Pächter der Konditorei , FB tt Re chskanzler