Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 20 (20.5.1927)
- Date
- 1927-05-20
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/4876568-5968785-5968965--1151-4878841- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Saimwtfl, Or, 20 20 mal 1927 der J$r&z\itt$chzn Amtliches /i*cJtrich4eHl>1tfi ^äcr GeHieiMdeverwälfi Hz l iqiongqz mzindz $U &tjtytfl «w«^ v Dt* Gemeind i&tUtt *,,<:heint wöchentlich am Freitag. D'i Mitaliedun oer Keugitmsgeineinde w.rd es un itqaHI'ch d irch di.* Post 7uqestellt. Beruqspreis für Nie itmitiii.cUcr monatlich 60 Pfennige. Anzeigenannahme! *t. Tfichar. Glo-^cnstraäe 11. Telephon 1444*5 Schriftleitunq: Gemeinderabb. Gustav Cohn, Leipzig, Löhrstr, 10. Telephon 29641. :: Druck und Verlag; \-V. Teicher, Leipzig, Glockenstr. u, Telephon 14449. An zeiaenpreise; Die 4 gespaltene mm-Zent 20 Pfg. Familien- und kleine Anzeigen 10 Pfg Umsch'sqseiten und Te*tm«:erate nach besond. Taiif f-fJi den '^se ratenteil: J, Kühne. Reichelstr. 7 (Telephon 14449). Die Schriftleitung übernimmt für die unter dem Namen des Verfemfl erscheinenden De;!r.iq? und die Vereinsnnjhrichtcn nur die p:?f!cjese'.:liciic Verantworti.r.3. Nachdruck nur mit Quellenangabe und Genehmigung des Verfassers, gest.v.tet. Philosemitiscties Im frühen Mittelalter Historische Skizze if-^v |ie Reachtete Stellung, deren die Juden im heidnisch 1 W: rom'scncn deiche sich erfreuten, sie währte noch : I -ß lange nach dem Erstarken des Christentums, ja so- :..........: gar noch lange Zeit, nachdem die christliche Religion Staatsrcligion geworden war. Zwisdien Juden und Christen gab es so mannigfache Berührungspunkte, die einen freundlichen Verkehr nahelegten. Aus den gleichen Wurzeln waren beide Re igio.issysteme entsprossen, man teilte den gleichen Gottesgluuben, schöpl'e aus den gleichen Schriften, und niemand war mehr darin bewandert, als die Juden, welche sie von alieis her /um Gegenstände besonderer Studien gemacht, während die Christen sie erst noch kennen zu lernen hatten. Worin man sich trennte, das war die Messiasfrage die von dt n Juden verneint wurde, weil ihr erhoffter Messias ihnen nicht die Kntsagung, sondern die Erfüllung aller ihrer nationalen Wünsche zu bringen haue. Den Juden aus ihrem Unglauben einen Vorwurf zu machen, das fiel niemandem ein, zumal sie eine Fülle geistiger Wallen besaßen, mit deren Hilfe sie auf das unzweideutigste zu beweisen vermochten, daß ihr Messias niemals der der Christen sein konnte. Bei dieser Sachlage zog man es vor, sich rieht unnütz zu erhüben und lebte, wozu die gemeinsame Moral eil e treffliche Brücke bot, denn auch tatsächlich friedlich und freundschaftlich miteinander, und dieser Verkehr wurde auch noch unter den christlichen Kaisern von Konstantin bis Theodosius und selbst dann noch fortgesetzt, als die christlichen Bischöfe in das altrömische Lasterleben versanken und den Juden, die sie durch geistige Waffen nicht zu besiegen vermochter, eine feindselige Haltung zu zeigen begannen. Es läßt sich daher aus allem erkennen, daß in den ersten Jahrhunderten des Mittelalters der alte und der neue Bund ihre Unterschiede noch nicht so scharf hervortreten ließen, zeigte sich doch damals das Verhältnis der beiderseitigen Bekenner von Achtung und Liebe durchweht. Christliche Priester säße« gerne an den Tafeln der Juden und luden auch diese wieder in ihre Häuser zu Gaste. Die leidenden Christen auf dem Krankenbette riefen in der Todesnot, wenn die Reliquien ihrer Heiligen keine Rettung mehr zu bringen schienen, auch jüdische Arzte zu Hilfe. Bischof Hilarius von Arles wurde von den Juden so sehr verehrt, daß sie bei seinem Begräbnisse {449 a. Chr.) in zahlreicher Mange sich beteiligten und öffentlich leeräische Psalmen sangen. War Kaiser Karl der Große den Jud*n günstiger gesinnt als at seine Vorfahren im fränkischen Reiche, übertraf ihn gleichwohl sein Sohn, Ludwig der Fromme, an mensdienfrcundlichem Wohlwollen für seine jüdischen Untertanen. Ein eigener Judenmeister (maxister Judaeorum wachte über ihre Privilegien, und ihnen zuliebe wurden die Woctienmärkte zu Lyon, dieser bedeutendsten und reichsten Handelsstadt, in der sich die meisten Juden authielten und in engtr freundschaftlicher Verbindung mit der andersgläubigen Bevölkerung lebten, von Sonnabend aul einen andean Tag verlegt. Von der Geißelstrafe, sowie von den Gottesuneilen mit Feuer und Wasser soll'en sie entbut den sein, wie sie überhaupt Kaiser Ludwig überall da in Schut.' nahm, wo man sie bedrücken und ihre bürgerlichen Rechte sdimälern wollte. Audi des frommen Ludwigs Gemahlin. die geistvolle Kaiserin Judith, hegte eine vielbesprochene Vorliebe lür das jüdische Volk. Die karolingischen Geheimrate lasen — wie ausdrücklich hervorgehoben — viel lieber in Philo und Josephus. als in den Evangelien. Die Hofdamen ließen sich von alten, ehrwürdigen Juden gerne den Segen erteilen und sdienkten dafür deren Frauen kostbare Gewänder, um ihre Dankbarkeit zu zeigen. Diese philosemitische Strömung veranlaßte, daß ein sehr reger Ideenaustausch stattfand. So beobachteten manche Christen, um nicht irre tu gehen, außer der Sonntagsruhe auch noch die Sibbatiifeier und fanden die Vorträge dir jüdischen Kanzelredr.er in der Synagoge o!t fesselnder als di? Predigten der Geistlichkeiten in iitr Kirche. Da und dort wurde den Juden sogar erlaubt, neue Synagogen zu erbauen, was doch die Kirche längst verboten hatte. Schließlich nahm die judenfreundliehe Bewegung solch große Dimensionen an, daß Agobard, Bischof von Lyon, schwere Vorwürfe i;egen die Christen seines Sprengeis auszusprechen für nötig hielt, und nach und nach gelang es ihm auch durch seine judenfeindlichen Sendschreiben und Streitschriften, nicht nur andere hohe Wüidenträger. sondern auch das Volk auf seine Seite zu ziehen. Die Juden im fränkischen Reiche, die sich in ihrer bürgerlichen Freiheit bedroht fühlten, oeschwerten sich bei ir.rem Judermeister und setzten es auch bei Kaiser Ludwig dem Frommen durch, dal gegen Bischof Agobaid wegen seines judenfeindlichen Verfahrt ns eine Untersuchung angestellt wurde. Das Resultat dieser Untersuchung war, daß alle Juden im Reiche auf der Stelle ihre alten Privilegien und Freiheitsbriefe zurückerhielte«. Zwar suchte sich Agobard in seiner Scnrift .de insolvent!-* Judacorur. " in Form von lächerlichen Beschuldigungen gegei die Juden zu verteidigen, doch pelanp es ihm keineswegs, des Kaisers Vorliebe für seine jüdischen Untertanen zu erschütter» Selbst sein persönliches Erscheinen in Paris konnte an der Tatsache nichts ändern, daß seine antisemitischen Anklagen afs erfunden und erlogen erkannt wurden, und so war alles, we* er erreichen konnte — eine Abschiedsaudienz, ia der er *e