Mannheim
Compact Memory

Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1927-04-15 · 15 (15.4.1927) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
3 (1927)
Issue
15 (15.4.1927)
Date
1927-04-15
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/4876568-5968785-5968959--1087-4878782
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 2 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE, LEIPZIG 3. Jahrgang Seder Eine Peßadi-Betrachtung von Rabb. Dr. Behrens, Fürth j• LMin man manchen beredt und nachdrücklich vor- I bete und der religiösen Lieder anmutig umrahmen. In \VT j getragenen Behauptungen Glauben schenken j festlicher Stunde bei anregender Rede und Gegenrede zu : VV { darf, dann hat das Judentum im Wandel der I verweilen, ist ein willkommener Gewinn des Passah- ...........s Zeiten, der seinen Lauf bestimmt, im Sturm der j abends, der uns der Sorge des Alltags entrückt und uns Jahrhunderte, die über seine Geschichte dahingebraust die glückliche Gabe darreicht, im Studium der Vergangensind, unendlich viel an Gemütswerten verloren, dann ist heit einen aufschlußreichen Blick in die Welt der Gegenes in die neue Zeit mit unendlichen Verlusten an origiwart zu tun und über allem Zwefel in den Wirren unserer nalem Geist eingetreten, dann hat es an der Pforte der j Tage doch der Hoffnung eine Straße zu öffnen, der Lebenseuropäischen Kultur unendlich viel an kostbaren Erinne- | hoffnung der jüdischen Gemeinschaft, dem unzerstörbaren rungen, an unschätzbaren Ueberlieferungen verloren. Lebenswillen unserer Zukunft, der die Gegenwart auch Wenn solche Meinungen auf die augenblickliche Wirkung unter Schmerzen noch bejaht und an den Aufstieg der abzielen, dann ist damit allerdings nur wenig gewonnen, Menschen zu den Höhen des messianischen Ideals, so wenn sie aber vermögen in die Tiefe zu dringen, zur Nach- I schwer es uns auch manchmal gemacht wurde, nicht den denkliehkeit anzuregen, wenn sie Fremdheit und Ver- Glauben verliert. armung dort aufweisen, wo der lebendige Strom religiöser Wer sich das Verständnis bewahrt für den Reichtum Kraft noch nicht versiegt ist und nur der Berührung durch unserer Feierklänge, für die Sprache der Formen, des den Mosesstab harrt, der Verjüngung und Erneuerung | Symbols, der wird zugeben, daß ohne jede verstimmende durch ein lebensfrohes und formenfreudiges Geschlecht Tendenz dem Seder etwas von der Kraft erzieherischen gewärtig ist. dann sind solche aufwühlende und er- Einflusses innewohnt, den eine Religion von der Weite weckende Worte nicht vergebens gesprochen. Wie und dem Range des Judentums vornehmlich anstreben aber die Natur sich zu helfen weiß und das Krankenbild muß. Die Familie ist der Mittelpunkt dieser Feier. Sie berichtigt, sc wissen auch die großen Mächte im Leben j ist der Hort der Gemeinschaft inmitten aller Stimmungen des Geistes und des Gemütes immer wieder ihre Kraft zu und Verstimmungen der Zeiten. Sie ist der Quell des erproben. Es gilt auch vom Geistigen, daß keine Kraft | reinen Glücks und die lebendigste Form innigster Verbunverloren geht im Weltenraum. denheit. Sie öffnet die Herzen, sie gewinnt das Gemüt Feste sollen ihre geistigen Keime ins Menschenherz! durch die sichtbare Liebe, die den Seder überwacht und pflanzen. Aber das Fest Israels läßt seine Kräfte, seine j die Zurüstung bereitet. Wenn irgend etwas in der Seele Poesie, seinen Blütentraum noch hinüberspiclcn ins jüdij der jüdischen Gemeinschaft über alle Zonen hinweg haftet, sehe Haus. Keinem aber eignet ein solch gewinnender dann ist es der von Hause aus so schlichte Sinn des Seder- Zauber wie dem Peßachfest. Es hat mit der Art seines abends. Festabends, seiner Familienfeier im häuslichen Kreise, mit Ein wesentliches aber wollen wir nicht verschweigen, seinem Zauber und seinen Stimmungen es uns angetan. Alle Liebe, die den Seder umgibt, alle Liebe, die ihn be- Die Erinnerung an die Kraft dieser Feiet reicht viel weiter, reitet, gilt unsern Kindern. Sie rücken wie von selbst als mancher sich zugestehen mag. Ein Dichter nur von in den Mittelpunkt dieser Festesfeicr jüdischen Gepräges. Gottes Gnaden konnte mit tiefem Verständnis, mit hinj Sie nehmen von ganzem Herzen teil an diesem Abend reißender Sprache die altjüdische Scderfeicr, wie sie der gerade. Sie öffnen ihre Herzen den gewinnenden Ein- „Rabbi von Bacharach" Heinrich Heines atmet, schildrücken, die von ihm ausgehen. Sie sind in diesem dein. Noch in die Fernen, in die ihn sein Lebensgang ent- Kreise das belebende Element, das durch Jugend, Freude rückt hatte, klnn<< die Welt, die ihm verloren, und doch und Glück den Reiz der Stunde erhöht. Sie geben dem s nahe geblieben war. Der Seder weif! eben Brücken zu Augenblick den anfeuernden Hauch durch die Frage, die schlagen zwischen den Welten, die unser sind, und den | sie an den Herrn des Hauses stellen, durch die Antworten, Vergangenheiten, die versunken sind. Er oifenbart uns die ihrer Aufnahmefreudigkeil, ihrei Wißbegierde erteilt die Kiüng'- ewiger Wahrheiten und vergegenwärtigt sie werden. Dieses Bild werden sie sobald nicht missen woluns in dem reizsamen Gewände der Anmut. Die Erinnelen, dieses holde Bild, das ein Fest zu schmücken weiß, rungen, die ohnehin mitschwingen in allen Formen unseres wollen auch wir solange wie möglich ihnen erhalten, dareligiö: sn Lebens und Dienstes, v. erden in den Klängen mit ihr Geist es in seiner Frische bewahre und empfängeie^ Scderabends besonders wirksam. Die Melodien haben lieh auch in der Erinnerung ihm begegne, ihr besonderes Gepräge, in den Gedanken, in den Wort- Es ist Sache des gegenwärtigen Geschlechts, diese spielen der Alten reifen die Einsichten der jinge-n Genejunge Lebensfreude aufzubringen und diejenige Teilration .infs neue. Der Wert der Freiheil, um den das Fest nähme an einer frohen Kindernatur zu erneuern, in sich rankt, die Bedeutung ihrer schwer erkämpften Botder die Gesundheit unseres Denkens, die Unbefangenheit schuft die Würdigung ihres sittlichen Besitzes strahlen unseres Empfindens, sich offenbart und die Gewißheit durch die geistvollen und gedankenreichen Einfälle, die wächst, daß das Kleinod unserer Gemeinschaft, unseres uns aul Schritt und Trill begegnen und das Rankenwerk Geistes nicht im Strom des Großstadtlebens untergeht, d r H iggadah, die Beschwingtheit und Bewegtheit der Gei Bilderschmuck In d< |..wwM«j ruhaeitifl hat unsere Haggadah ein?» bevorzugte E* {Stellung unter unseren jüdischen Büchern ein- : *• genommen. Sie ist als ein wahres Volksbuch :............: so häufig geschrieben bzw. gedruckt worden, wie neben der Bibel und dem Gebetbuch kein anderes religiöses Buch. Ihr Kern, die Fragen des Kindes imah nischtano), die symbolischen Speisen und weniges andere werden schon in der Mischna (entstanden um 200 uns. Ze'itr.' erwähnt. Als selbständiges Ganzes war sie etwa »r Peßach-Haggadah I im H. Jahrhunderl abgeschlossen, wenn auch zunächst nur im Rahmen der Gebetbücher, dann aber kam sie bald als Büchlein für sich auf, und schon lange vor dem Buchdruck wurde sie immer wieder geschrieben: die Zahl der heute 1 noch vorhandenen Handschriften ist deutlicher Beweis I hierfür. Die Beliebtheit der Haggadah tritt am sichtbarsten I durch die Art in Erscheinung, wie man sie mit Bildschmuck ausstattete. Erst in allerneucsler Zeit haben jü-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.