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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1927-03-25 · 12 (25.3.1927) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
3 (1927)
Issue
12 (25.3.1927)
Date
1927-03-25
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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Seile 2 3. Jahrgang Schenkungen geehrten Dahingeschiedenen erheben sich die Versammelten von ihren Sitzen. 2) Verschiedenes: a) Dem Verein Mo aus Chittim werden nachträglich auf sein Gesuch 65C0 Mark auf das Jahr 1926 nachbewillißt; desgleichen hat b) der Verein Hachnossas Aurchim ein Ansuchen auf 616 Mark an die Gemeinde gerichtet. Zu diesem Gesuch erhebt sich eine Debatte, bei der von Herrn Dr. Goldschmidt bemängelt wird, daß das Gesuch nach Ausgabe des Betrages an die* Gemeinde gerichtet wird, weshalb grundsätzlich derartige Nachbewilligungen abgelehnt werden müßten. Dem stimmten die Herren Schick, Pelz und Gut mann zu, während die Metren Gott lieb und Dr. Wohrizek, sowie Frau Felsenstein für Bewilligung sind. Herr Schick beantragt, nur 300 Mark zu bewilligen mit dem von Herrn Dr. Wohrizek vorgeschlagenen Zusatz, dem Verein zu erklären, daä derartige Nadibewilligungen künftig nicht stattfinden können, vielmehr der Verein einen Haushaltplan aufstellen und beobachten müsse. In der Abstimmung wird das Gesuch auf 616 Mark mit dem Wohruek'schen Zusatz mit Stimmenmehrheit angenommen, wodurch sich der Antrag Schick erledigt. c) Gesuch des Gesetzestreuen Verbandes um Naohbewilüijung von 3000 Mark. Herr Sachs und Herr Stein treten für Bewilligung ein, wogegen Herr Dr. Goldschmidt eine einsehende Darlegung der Einnahmen und Ausgaben verlangt. Nach weiterer Besprtdiung wird einstweilen die Beratung und Abstimmung ausgesetzt bis zu weiterer durch den Vorsiar.d vorzunehmender Prüfung der Sache. Hieruut wird ein Antrag des Herrn Breslauer. vorlaufig 1000 Mark vorbehaltlich Verrechnung auf eine etwaige spätere Bewilligung zu gewähren, angenommen. Der VorMU'Mide stellt fest, daß mit diesem Beschluß der weiteren Entsdi;itttiuig über Bewilligung in keiner Weise vorgegriffen ist. 3) Ar. Stelle des aus dem Ausschuß für das Gemeindeblatt ausgeschiedenen Herrn HugoGrosz wird Herr Emil Joske als Mitglied dieses Ausschusses gewählt; er hat sich zur Annahme der Wahl bereit erklärt. 4) Dem Vorstand wird einstimmig die Ermächtigung erteilt, bis zur Verabschiedung des Haushaltplanes für das Rechnungsjahr 1927/28 die von ihm lür nötig gehaltenen Ausgaben im Rahmen des Haushalt planes 1926,2/ zu leisten und die Einziehung der Steuern und sonstigen Gefälle vorzunehmen; das Recht der Gemeindesitzung aul Festlegung des Haushaltplanes 1927 28 bleibt hierdurch unberührt. 5) Ei wird mitgeteilt, daß Herr Brau de als Bestattungsordner auf Probe angestellt worden ist. 6) Herr Vorsteher macht Mitteilung über die Arbeiten am neuen Friedhof; der Architekt, Herr Haller, wird i den Mitgliedern der Gemeindesilzung am 28. März, nachmit- < tags l/,6 Uhr, einen Vortrrg Uber die innere Ausstattung der Friedhofshalle halten. 7) Ein Einspruch des jüdischen Handwerkervereins betr. i die Friedhofsarbeiten und die darauf vom Vorstand erteilte Antwort weiden verlesen. Nach eingehender Aussprache wird die Handhabung des Vorstandes bei der Vergebung der Ar-! beiten gebilligt. Von mehreren Seiten wird der Hoffnung Ausdruck gegeben, daß bei dtn nun kommenden kleineren Arbeiten d;e jüdischen Kleinhandwerker beschäftigt werden können. Der Ausschuß, der die Arbeiten vergibt, wird durch Zuwahl des Herrn Justizrat Dr. Löwenstein ergänzt. 8) Der Vorsitzende teilt mit, daß in der Kaschrusan- I gelegenheit nach längeren Verhandlungen eine Einigung, die verlesen wird, getroffen worden ist und darauf eine neue | Fassung der Ziffer 5 der Gebührenordnung aufgestellt wurde. Hierzu wird vom Vorsitzenden bemerkt, daß ein Aufseher abgebaut worden ist, daß in den früheren Jahren das Kaschrus erhebliche Ausgaben verursacht hat: eine Aufstellung darüber wird verlesen; in den Haushaltplan für 1927/28 solle ein Fehl- | betrag von 15000 Mark vorsorglich eingesetzt werden. Nach Aussprache, an der sich Herr Pelz, Frau Felsen- | stein, Herr Markendorf, Frau Rosenthal beteiligen, wird beschlossen, den Fehlbetrag von 15000 Mark in den Haushaltplan 1927/28 einzusetzen. Die Gebührenordnung wird einstimmig genehmigt. Die Sitzung wird hierauf geschlossen. I | Dr. Paul Nathan I :'"*: n Dr. Paul Nathan hat die deutsche Judenheit einen Mann : ¥: verloren, dessen Bedeutung weit über den Rahmen des lj deutschen judenfums hinaus gereicht hat. Von seinen ungewöhnhdier. Verdiensten wußten wohl diejenigen, die mitten in der jüdischen Arbeit stehen. Die große jüdische Öffentlichkeit konnte aber, wie vertraut ihr auch sein Name war, nidit ermessen, was er gewesen ist. Denn Paul Nathan, der am 15. März aus seinem sdnaffens- und erfolgreichen Leben abberufen worden is', war ein Mann, der es liebte, im Hintergründe zu bleiben. Er wollte nicht gefeiert werden. Er gehörte zu jener Art von Männern, die sich gegen die Sucht von Menschen, mit den bedeutenden Persönlichkeiten ihrer Zeit Kult zu treiben, mit allen Mitteln wehren Er war zu groß, um Verlangen nach äußerer Anerkennung zu empfinden Ihm galt nur die Aufgabe, die Leistung; in seiner Person sollte nur das Werkzeug für ihre Erlüllung, für die Übung notwendiger Pflichten gesehen werden. So hat er audi abgewehrt, als man sich gerade jetzt rüstete, wenigstens seinen nahe bevorstehenden 70. Geburtstag (25. April) zu einem Tage besonderer Feier zu gestalten: man hatte den dringenden Wunsch, ihm einen Beweis der tiefen Verehrung zu geben, deren er sich erfreute, ihm für seine ein ganzes Menschenleben hindurch im Dienste hoher Ideale geleistete Arbeit Dank zu bekunden. Aber wie er es fast immer verstanden hatte, großen öffentlichen Ehrungen zu entgehen, so wies er auch jetzt solche Pläne von sich. Und doch sollte jeder deutsche Jude wissen, daß Paul Nathan ein ganz Großer gewesen ist. In der Geschichte der Judenheit wird sein Name unvergessen bleiben, denn er gehört zu den Anregern und Bewegern, zu den geistig Führenden und zu den Männern wirksamer Tat, die in den Jahrzehnten um die Wende des Jahrhunderts lür die Geschichte ihrer Gemeinschaft segensreich eingegriffen haben. Nidit von Anfang an lag die Schwerkraft in Paul Nathans öffentlichem Wirken aul dem Gebiete jüdischer Arbeit: er war ein Deutscher und ein Jude. Aber wie er in den letzten Jahrzehnten fast ausschließlich in der jüdischen Arbeit wirkte, so hat er durch sein ganzes Leben seine unversiegliche Liebe zum Judentum bewährt. Als deutscher Politiker war Dr. Paul Nathan eine der geistigen Potenzen und einer der charaktervollsten Vorkämpfer der Demokratie. Er war der jüngere Freund und Schüler Lud wig Bambergers und gab zwei Jahrzehnte lang zusammen mit Theodor Barth die Wochenschrift „Die Nation" heraus, in der sich die ersten Geister der Linksdemokratie vereinigten. Er war viele Jahre Mitglied der Berliner Stadtverordnetenversammlung und hat in dieser die Sozialfortschrittliche Fraktion begründen helfen. Der deutschen fortschrittlichen Presse war er ein Mitarbeiter von hohem Rang, der das innen- und außenpolitische Geschehen mit klugen Worten begleitete und Auswege wies. 19^1 vollzog er den Übertritt zur Sozialdemokratie.

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