Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 8 (25.2.1927)
- Date
- 1927-02-25
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 2 GEMFJNDEDLATT DER iTISCHEN RELIOION8GEME1NDE. LEIPZIG 3. Jahrgang; jüdischen Studenten also ein Stück des Kampfes um ihr allgemeines Menschenrecht, wenn sie sich mit aller Kraft gegen die Aufnahme der antisemitischen Doktrin an den deutschen Hochschulen zu wehren versuchten. Sie blieben allerdings, zusammen mit den Anhängern des nationalkulfurellen, demokratischen und sozialistischen Gedankens, in der Minderheit gegenüber der geschlossenen Front des völkischen „Hochschulrings deutscher Art\ der zu einem fast unüberwindlichen Machtfaktor in dem Verfassungskampfe wurde. Der Verlauf des Kampfes ist dramatisch genug, um hier wenigstens in seinen wichtigsten Phasen dargelegt zu weiden. Schon auf der oben erwähnten ersten Würzburger Tagung 1919 verlangte ein Delegierter der österreichischen Gruppen die allgenuine Durchführung des völkischen Prinzips. Aber ersi nach dieser Tagung setzte der Verfassungskampf mit voller Schärfe ein. Auf einem Studententag in Dresden im Frühjahr 192o entschieden die reichsdeutschen Studentenschaften sich selbst zwar für das Staatsbürgerprinzip, erklärten aber, sich in die östeireichischen und böhmischen Verhältnisse nicht einmischen zu wollen. Noch im selben Jahie orreichten es die antisemitischen Qtuppen Österreichs und des Sudetenlandes jedoch, als alleinige Studentenschaften ihrer Länder anerkannt 7.1 werden. D.e nichtvölkischen außerreichsdeutschen Oruppen wurden also von der gemeinsamen Arbeit ausgeschlossen, ihre Mitglieder als S;udenten minderen Rechtes betrachtet. Während dieser Zeh am 18. September l ••20. erüeB das preußische Kultusministerium eine „Verordnung über die Bildung von Studentenschaften an den preußischen Hochschulen". Dieser EnaS des Ministeriums erkannte die Studentenschaften als'Zusammenschluß der vollimmatrikulierten Studierenden deutscher Staatsangehöi i keit einer Hochschule staatlich j an und schloß parteipolitische und religiöse Zwecke ausdrücklich von den Aufgaben der Studentenschaft aus. Der Bestimmung durch dij Satzung sollte es überlassen bleiben, in welchem Umfang und unter welchen Bedingungen Ausländer;m der Studenten chaft oder ihren Einrichtungenteilnehmen dürften. Schließlich sollte es den preußischen llochschulen freigestellt werden, eine Koa i ion mit.entsprechenden Organisationen" der übrign deutschen Hochschulen einzugehen. Auf Qrund d 1 beiden letzien 3e*-t mmurgen hat der preußische Kultusminister später in den Verfassungskampf eingegriffen. Eine unmittelbare Wirkung hatte die Verordnung für die gesamtdeutsche Studentenschaft ab?r nicht, Vielmehr ging der Kampf um die Rassenfrage ungehemmt weiter und erreichte ' inen Höhepunkt auf dem Studententag in Erlangen 921. Hier nahm der Konflikt solche Formen 3:1 daf. die »Deutsche Sudentenschaft", um eine Weiterarbeit Oberhaupt zu ermöglichen, sich in drei autonome Verbände: in die reichsdeutsche Studentenschaft, die am StaatshQrgerprinzip festhielt, und die arischen Studentenschaften Österreichs und des Sudetenlandes. Man war also soweit gekommen, die endlich erreichte Einheil der großdeutschen Studentenschaft der*- Fanatismus der antis« mitifchen Gruppen I IU opfern. Als ein studentischer Spruchhof die Erlanger Beschlüsse in juristisch nicht unbedenklicher Weise für ungültig erklärte, en: man . un . d n Siu '.er.L lisch"?'<?n eine ka -rv HSerselibiie Ve wirrung. Die völkts h n Studierenden bestanden auf der Durchführung ihres Programms, während die Vertreteder M tderheitsgruppen d -m Vorstande der „Deutschen Studentenschaft" ein kurzbefristetes Ultimatum zugehen ließen, in dem sie eine Verlissung forderten, ..welche die Ungereclitigkei: eini-s antisemitischen Aufbaues nicht mehr enthält", und für den Fall d. r Ablehnung drohten, eine größere Zahl von Einzelstudentenschaften sofort zu spiengen und bei den Regierungen die Aufiös:in;- der studentischen Selbstverwaltung durchzusetzen. n die „Deutsche Studentenschaft" nidit völlig zerfallen zu lassen, erließ ihr Vorstand eine Notverfassung, die den 1 politischen Kampf für mehrere Jahre aus dem akademischen Leben ausschalten sollte. Eine Lösung für längere Zeit brachte aber erst die Würzburger Tagung vom 23. Juli 1922. Hier wurde die Einheit der „Deutschen Studentenschaft" wiederhergestellt Die reichsdeutschen Studentenschaften behielten den Standpunkt des Staatsbürgerprinzips bei, den auslandsdeutschen Studentenschaften wurde aber die Regelung ihrer Zusammensetzung selbst überlassen, die dann im völkischen Sinne erfolgte. Damit war die antisemitische Richtung, wenigstens hinsichtlich der außerreichsdeutschen Hochschulen, siegreich geblieben. Einige deutsche Universitäten zögerten, die Würzburger Verfassung anzuerkennen, gaben ihren Widerstand aber auf, als der Ruhrkampf die Einheitsiront der deutschen Studentenschaft erforderte. 1924 wurden die letzten Streitigkeiten in Innsbruck beigelegt. Dann verstummte der Konflikt eine längere Weile ganz, um einer wirklich positiven studentischen Arbeit Platz zu machen. Jedoch war es klar, daß es bei der Würzburger Lösung der Rassenfrage n-cht ewig bleiben würde. Akut wurde die Frage aber erst wieder, als im vergangenen Jahre große Teile der Studentenschaft anläßlich des Falles Lessing- Hannover ein Verhalten zeigten, das jeder staatlichen Autorität Hohn sprach. Der Staat mußte endlich einmal eingreifen, wenn er nicht völlig vor den Studenten kapitulieren wollte. Um eine Klärumg herbeizuführen, richtete schließlich der preußische Kultusminister Prof. Dr. Becker an die preußischen Studentenschaften einen,Brief, in dem er betont, daß die gegenwärtig bestehende Übung innerhalb der Studentenschaft in zwei Punkten von den Absichten der oben erwähnten preußischen Ministeria'.verordning von 1920 abweicht: in der Behandlung der Ausländsdeutschen in den Einzelstudentenschaften und in der Auslegung des Begriffs der „entsprechenden Organisationen*, mit deren den preußischen Hochschulen der Zusammenschluß freistehen sollte. Dr. Becker wendet sich dagegen, d.iß die Auswahl unter den Auslandsdeutscheu im wesentlichen allein nadi dem Ras'enstandpunkt durchgeführt werde, vor allem auer gegen die Koalition mit studentischen Vereinigungen der auslandsdeutschen Hochschulen, die ihre Mitglieclschsft einseitig nadi Kasse und Konfession bestimmen. Der Kultusminister ermahnt die Studentenschaften, lür die Beseitigung der Streitpunkte von sich seihst aus Sorge zu tragen, weist aber mit Nachdruck d.ir.iuf hin, daß die preußische Staatsregierung nicht länger in der Lage sei, den augenblicklichen Zustand zu dulden. Der Vorstand der «Deutschen Studentenschaft* wie^ c'ie Forderungen des Ministers rundweg ab Dunit wurde der Verfassungskampf wieder einmal auf die SpiUe getrieben. Die „Deutsche Studentenschaft* ging sogar fo weit, sämtliche Beziehungen zur Heidelberger Studentenschaft, die don völkischen Standpunkt des Vorstandes der rD. St" ablehnte, zu lösen. Gleichzeitig zeigte sich aber, daß die Front siegen Dr. Becker keineswegs geschlossen war. Zuerst sagt; sich die Universität Bonn vom völkischen Gedanken los, dann stellte die Freiburger Studentens.halt die Beitragszahlungen an die „Deutsche Studentenschaft* ein: der ganze westdeutsche Kreis stellte sich auf den Boden der Forderungen des pre ißischen Kultusministers, und schließ'ich ri'ck'e auch Breslau von der Rassentheorie ab. F.in offener Konflikt zwischen der völkischen und niditvöikisdten Richtung brach in München aus, wo di<- antisemitischen Korporationen sich weigerten, bei der Jahrhundertfeier der Universität zusammen mit den paritätischen und jüdisdien Verbindungen zu chargieren; der republikanisch gesinnte Rektor, Geheimrat Voßlet, zwang endlidi den Korporationsaussdmß, sidi selbst aufzulösen. Am 29. und 30. Januar 1927 kamen die Vertreter der preußischen Einzelstudentenschaften, der Vorstand der „Deutschen Studentenschaft" und die Rek'oren verschiedener Hochschulen in Magdeburg zusammen, um zu den Forderungen Dr Beckers Stellung zu nehmen Das Ergebnis der Aussprache war eine Entschließung, in der man seine Mitarbeit an der