Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 7 (18.2.1927)
- Date
- 1927-02-18
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 2 GEMEINDEBLATT PER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE, LEIPZIG 3. Jahrgang allen weiteren Elementen befreit bleiben müsse. Hierdurch wurde diese Frage ihres singulären Charakters entkleidet und zu einer allgemeinen menschheitlichen erhoben. Er stritt einen Streit lür das unvt ränderliche Recht. Eben hiermit hat Rießer unbewußt den innersten Gedanken des Judentums von dem Kampf ums Recht verkörpert. Denn das Judentum war durch und durch die Lehre des energischen Rechts. Die Sprache der ältesten Rechtsquelle, die Sprache der Bibel hat für die Rechtsidee oder die Majestät des Rechts die kräftigste Bezeichnung. Sie sagt: „das Recht ist eine Gottessarhe". und daher jeder Sieg des Rechts ein Sieg der Gottessache, und daher jeder energische, entschlossene Kampf ums Recht ein heiliger, ein idealer Kampf. Der doch jedenfalls bildliche Salz, daß „Gott ein Mann des Krieges-' sei, hat nicht nur den Sinn, daß jeder Kampf um die gerechte Sache unter höherem Schutz stehe, sondern auch, daß das Göttliche auf Erden — Recht und Wahrheit — immerfort kämpfen müsse um seine Verwirklichung innerhalb der Menschheit, da es ohne unermüdliches Ringen und Kämpfen nimmermehr zum Siege gelangen würde in der Welt. Und da wir annehmen, daß der tiefe sittliche Zorn, der ein Menschenherz bei jeder Wahrnehmung einer schreienden Ungerechtigkeit erfaßt, lautes Zeugnis ablege von dem kräftigen Rechtsgefühl, das in seinem Innern lebt, so mochte die biblische Ausdrucks;weise es sich woil gestatten, auch von einem über das Böse „entbrennenden Zorn Gottes" und ebenso auch von einem „eifervollen Gott'- zu reden, Ausdrücke, die dem bihlisdien Schrifttum wohl öfters herbe Polemik zugezogen haben, deren aber das Judentum sich durchaus nidit sdiämt, weil sie eben aus dem innersten Wesen seiner Rechtsansch.iuung in konsequenter Weise sich ergeben. Gott, als die höchste Gerechtigkeit, konnte rieht gedacht werden als ein schwachherziger Riditer, der ohne die kräftige Energie des Rechts in menschenartiger Schwäche und Weichlichkeit oftmals ein Auge zudrückt gegen das verübte Unrecht. Jedes Böse muß seine Vergeltung finden, ebenso wie jedes verletzte und beleidigte Menschenrecht seine Sühne haben muß. Unsere Bibel unterscheidet sich hier von dem neuen Testament, das das Unrecht zu tragen und sich geduldig zu fügen lehrt; eine gewiß hohe, ideale Moral, die aber im praktischen Leben nur schwer Verwirklichung zu finden vermag, während das altbiblische Sittengesetz gerade auf die praktische Durchführbarkeit sein Augenmerk gerichtet hatte. Das Recht als Gottessache, sagt das Judentum, müsse dem Menschen selbst dann ein unverletzliches, unantastbares sein, wenn auch nur die eigene Persönlichkeit, ja niemand sonst, als nur das eigene Ich dadurch berührt werde. Auch sich selbst gegenüber dürfe der Mensch durchaus kein Recht antasten, da das Recht nicht seine, sondern Gottes Sade ist. Ja, „dieses Volk mit dem harten Nacken", wie es in seinen frühesten Urkunden bezeichnet wird, hat durch seine Geschichte sich als solches bewährt. Wie vieles auch unter den mittelalterlichen Verhältnissen dem jüdischen Stamm von der Ursprünglichkeit seines Charakters abgestreift war, ein charakteristisches Moment ist ihm auch da geblieben: jenes sonst in der ganzen Geschichte beispiellose, unerschütterlich treue und zähe Festhalten an einer Idee. Es war und es ist auch dieses ein Kampf um einen Gedanken, eine Überzeugung, zu dem nicht minder Entschlossenheit gehört, als sie im Altertum die Ahnen in den großen Römerkriegen bewährt hatten. jeder einzelne von uns, der energisch für unsere Selbsterhaltung einsteht, sei es in ideeller oder materieller Beziehung, kämpft daher nach der Lehre des Judentums im Namen Gottes, der zwar nicht aus Rache, wohl aber im Eifer der strengen Gerechtigkeit darüber wacht, daß das Recht nicht beleidigt und daß jede Beleidigung des Menschenrechts gesühnt werde. Franse Werffels Bekenntnis zum «Judentum Um die seit dem Erscheinen von Franz Werfeis Drama „Paulus unter den Juden" immer wieder auftauchenden Gerüchte, die von einein angeblichen Austritt des Dichters aus dem Judentum oder gar von seiner Taufe wissen wollen, auf ihre Stichhaltigkeit ru prüfen, hat sich das „Israelitische Familienblatt" an Franz Werfe! selbst mit einer Anfrage gewandt. Franz Werfe! antwortete: „Ihr freundliches Sdireiben kommt mir sehr erwünscht, da es n.ir Ge'<.-genlieit gibt, gegen alle falschen oder feindseligen Gerüchte öffentlich zu erklären: Ich bin nicht getauftl Ich werde mich niemals taufen lassen! Ich habe niemals vom Judentum fortgestrebt. Ich bin im Fühlen und Denken bewußter Jude! Daß mein Paulus-Drama in jüdischen Kreisen so viele Zweilei an meiner Treue hat aufkommen lassen, kann ich nicht verstehen. Ich glaube mit diesem Werke eine nationale Tragödie geschaffen zu haben; denn welcher Moment innerhalb der jüdischen Geschichte wäre tragischer und bedeutender, als der von mir gewählte?! Selbst die Zerstörung des Tempels ist eine unbedeutende Katastrophe diesem Augenblick gegentlber. unrreheure Frage, die sich Israel damals selbst stellt: „Ist Messias gekommen?", und die Antwort, die darauf die Geschichte gibt, — ist das nicht der tragischste Vorwurf der jüdischen Historie? Sind die Menschen meines Dramas, die unter dieser Frage zusammenbrechen, nicht alle Juden? Und der wahre Held, die lichteste Gestalt, Gamaliel? . .. Man setze für Christus eine der vielen Mosdiiadi-Gestalten späterer Zeit, und kein Mensch wird sich über meine Abtrünnigkeit ereifern. — Also nur meine Voraussetzungslosigkeit und innere Freiheit dem Thema gegenüber ist schuld an den Mißverständnissen. ... Warum sollen wir Juden nicht endlich zur größten Tatsuche unserer Geschichte (zur Welteroberung durch unser Wesen und unseren Geist) ohne Vorurteile stehen?? Atheist, Materialist, Nihilist darf ein Jude heute ruhig sein, ohne gescholten zu werden, aber mit freier Seele die Tragödie der christlichen Loslösung schreiben, darf er nicht II Wie ghettoeng und dumpf ist diesll Vor Mißverständnissen und Herabwürdigung kann ich mich nicht schützen. Ich will mich an die vielen Menschen halten, die mir nach Lektüre und Aufführung des "Paulus" gesagt haben, sie hätten in meinem Drama nichts stärker vernommen, als die Melodie des Judentums." Aus unserer Gemeinde Vorträge Ober Säuglings- und Kinderpflege Der Frauenverein ,.Ruth" veranstaltet zwei Vortragsabende iber die Pflege und Entwicklung des Säuglings und Kindes. Im diesem Thema wird der Kinderarzt, Herr Dr. Loebenstein sprechen: 1. Der Säugling in gesunden und kranken Tagen, 2. Was muß die Mutter von der geistigen Entwicklung des Kindes wissen? Der erste Abend findet nächsten Dienstag, 22 Februar, abends 8 Uhr, in der I. Realschule, Nordstraße, statt. In Anbetracht der Wichtigkeit der Aulgabe, vor die sich eine jede Mutter bei der Pflege und Erziehung ihrer Kinder gestellt sieht, ist der Besuch dieser Vortrage dringend zu empfehlen.