Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 6 (11.2.1927)
- Date
- 1927-02-11
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 2 GEMEJNDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE, LEIPZIG 3. Jahrgang ZU wirken geeignet ist; gerade da gilt die Forderung einer besonderen Scheu davor, dem Andersglaubenden nahezutreten. Daß Christen in unseren heilten Huchem, dem sogen. Alten Testament, sinnen und f jrsehen, daß sie aus ihren Sätzen und Bildern und Gestalten und Gedanken schöpfen, und daß sie es in einer Weise tun, die so ott weit abweicht von dem, was uns heiligste innere Kraft bedeutet, das empfinden wir als einen belastenden Diuck: und dodi sind diese Bücher auch den Christen eigenes religiöses Gut geworden. Wie viel starker muß es den Christen berühren, wenn er den jüdischen Dichter in diese heiligste Sphäre seines Glaubens eindringen sieht. Das hat Werfel wohl klar empfunden. Darum hat er der Buchausgabe seiner Dichtun;,' ein Nachwort hinzugefügt, das wohl bestimmt ist, solchen Bedenken zu begegnen Mit diesem als .Argument" bezeichneten Nachwort will er sich von dem ..schweren Gefühl der Verantwortung vor dem hi< wählten Vorwurf befreien. Am Beginne jedei Stiftung stehe für ihn da* göttliche Wunder. Gegen klärtbekommen solcher Mysterien sträube sich in d m G i gen die Empfindsamkeit Darum weist er dai iß et nicht die Religion darstellen will, nicht \nsdia nisse. Dogmen. Qlaubersstufen aneinandei mes klären will, seine Dichtung versucht nur eine R< in des Weltgeschehens; in diesen; Si ne stel er >■ dt hte und Religion gegenüber, Geschichte al Dai llun sehen, der in ihnen begründeten Leidensch gen. eine Darstellung, die nicV vermal dem;. — ( sG liehen gerecht zu werde:1, die die Men neu sich offen barenden Göttlichen nur entrück Jidits anderes wird hier gezeigt, als die - le es Judentums. Protagonis diese: spi< - is Isra lag nicht als Unberufener, als I i Iri ng geiten: er gestaltet ja nur Dinge um das Judentu n Aber nicht in dem . i h A ist Franz Werfel auch darauf bedacht, den Ans iß äumen der etwa auf jüdischer Sehe an seinem. Werke genommen v irdei hn Gegenteil Hierher scheinen smei i chti tu sein, die dartun sollen, daß ■ di von ,poe »d r Freiheit ohne strenge Begründung" I v en i s, laß eine tung versuche. „Wahrtraumdeu erei" :".i der Diditer wen >- Vet Christen mit Ban;en en; die seine Dichtung ir re ■ Nicht etwa we [en ler i i wurde von iudisdier Se i" es. daß die geistigen I die zur Büdunf der neuen 1 hat, abgelehnt nah:.'. V. anlaßten sie am (udenti Werbekiatt der neuen R Aber die Antwort wurde vo tu ms ans •gesucht, während Verfel sich die vom Standpunkte des Neuen Tes unents a;ia trachtung begeben hat. Nur so kann es begriffen werden Jaß Werfel seine Dichtung in einen Sie. des pau in -.ne Chi Jtentums susklingen läßt Das körnte als berechti - ■ en, wenn man den Sieg einer Lehre in ler Za'il ihrer Vnl In r ernennt. Die christliche Kirch stelil nach •<• da sie i . die vr rs-hende in mehreren i-r<t».-: en wähn »char der Bekenner des Judentums nur überall Winde -stellt, seil iahrnunderten nnd selbst heute noch mannigfacher Erniedrigung gerade seitens der Bekenner der Tochterreligion aus jese /' : )as aber darf nicht der Maßstab sein, wonach Sieg oder Niederlage einer Idee festgestellt wird. Vielmehr ist die Tatsache, daß das Judentum bestehen blieb bis auf diesen Tag (und unter solchen Bedingungen bestehen blieb!), der deutliche Beweis dafür, daß der Kampf um die Idee noch heute nicht entschieden ist, wie viel weniger in dem Augenblick zugunsten des Christentums entschieden wurde, in dem Werfel dem Judentum zurufen läßt: „Geht nach HauseI Die Stunde des Christus ist da." sei ü::rl doch hätte habt, dem l'-ted der als den Stimmungen, auslö! maß. \: ch sdii>n früher •1 vorfen: wie kam •n -:;is ii e L sv - mg. j ..... ,.n gefOhrl inden l j iii'ae verobwohl d.e ungeheure sform nicht zu verkennen war! — n der Warte des ludendi .ch mehr .n seine Ber.unaiten Zu solcher Deutung des „großen Augenblicks der Weltgeschichte, da das erste Christentum sich loslöst von der jüdischen Religion und Mutterwelt, um die ganze Erde zu bekehren," — zu solcher Deutung konnte Würfel nur gelangen, weil er die jüdischen Dinge jener Tage in der Beleuchtung sieht, in die sie die Darstellung des Neuen Testamentes stellt. Er zeichnet als Vertreter des Judentums Gestalten, die den Zustand seines inneren Verfalls erkennen lassen sollen. Die Mitglieder des Synhedrisus sind engdenkende Buchstabengestrenge: „Patriarch, dein Amt ist es, das Gesetz zu wahren." Den Linen, der ein wenig weiter denkt, zeigt er als einen sch vankenden Sdiwäehiing. Sein Hohepriester entbehrt jeder Grd! opo lisch unfähig, hat er nicht das geringste Mißtrauen gegen das doch gam durchsichtige Doppelspiel des römischen hne S.-litstvertrauen hat er nicht vermocht, sein rk u erhalten: seine eigenen Söhne verachten ihn. Da sien irner ein Rabbi Beschwörer in eitler Selbsigerechligke v r Neid daß ein anderer Großer die Liebe und Ver- , d Inkelhaft meinend, daß er Besessene heilen kö Ii un i a es das, weil er pennidi bedacht ist, keines der •i Ibertreten. Engherzigkeit, Verworrenheit, Zerrissen s >era L jui e n iieierrschendes ist bei alledem: das Gesetz. Die I ten h issen ihr Judentum wegen des Gesetzes; die Anleugen sich willig unter sein Wort. Selbst Jacobus und . die jünger Jesu, fest im Gesetze, trotz ihres Glaubeus n den ' i.-Kretizigten. Üoerall: die Thora! Selbst den römihen Soldaten ist's unheimlich wegen der Thora. — V in diesen Hintergrunde hebt sich Gamaliel ab: Gamaliel, der einzig; Große unter den Juden. So groß, daß er Jesus a s e.nen heiligen Propheten anerkennen will, um Frieden zu - halfen /wisdien den Nazaräern und Israel, und der um deswil en den Buchstaben des Gesetzes gegen Paulus nicht anwei den lassen will; und der dann dodi wieder, nur um des setzes willen, sich nidit liir Paulus entscheiden kann und den einst geliebten Schüler von sich weist; von sich weist, aber dann doch segnet und ihm ,.die Kralt des Weges" gibt, denn er ..weiß die Wahrheit nidit mehr." — — Ls soll hier nicht gesprochen werden von den mannigfachen [ nzulänglichkeiten, ja Unmöglichkeiten dieses Zeitgem II Jos, die hätten vermieden werden können, wenn die jüdischen Quellen, längst als notwendiger Kommentar zum Neuen [estamenl anerkannt, ausreichende Beachtung gefunden hätten, wenn auch nur die lirgeonisse der neueren theologischen Forschungen herangezogen wären. Aber: durfte Werfel als den Lern der Auseinandersetzung das Gesetz betonen! — Haben die Führer des Judentums die neue Lehre wirklich nur deshalb abgelehnt, weil sie das Gesetz, . das Wort", nicht antasten iassen wollten?! — Riding ist, daß Paulus die Selbständigkeit des ersten Christentums um des Gesetzes willen herbeigeführt hat; aber nicht, weil das Judentum das Gesetz nicht hätte preisgeben wollen, sondern weil das Judenchristentum mit dem Gesetz die Mission unter den Heiden unmöglich gemacht hätte. Nein, nicht um Ja oder Nein des Gesetzes standen sich die Überzeugungen gegenüber; es ging um weil Höheres: um die behauptete Göttlichkeit Jesu. Wie abwegig ist es, Gamaliel auch nur um der Einheit des Glaubens willen Jesus einen „heiligen Menschen Gottes" nennen zu lassen, und wie geradezu unmöglich, ihn auch nur einen Augenblick zweifeln zu lassen: „Herr der Welt!... Wer ist Jesus, den sie Messias nennen!? ... Ist Messias gekommen?!!! Haben wir Dein Licht entehrt!?" — Das war die Festigkeit, mit der die Führer das Neue ablehnten, daß sie sich gegen eine Trübung der jüdischen Lehre des Gottesbewußtseins wehrten. Das Judentum konnte mit seinem Oottesglauben eine Gotteskindschaft Jesu nicht verbinden. Um diese Reinheit seiner Idee ging und geht der Kampf. Daß Werfel das unbeachtet gelassen hat, das tut uns weh. weil er es hätte wissen sollen. Tut uns um so mehr weh, weil die große Wucht seiner Dichtung nicht in den Dienst der Klärung tritt, sondern geeignet ist, Mißverständnisse hervorzurufen und zu vertiefen.