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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1927-01-28 · 4 (28.1.1927) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
3 (1927)
Issue
4 (28.1.1927)
Date
1927-01-28
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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Seite 2 GEMEINDERL ATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE, LEIPZIG 3. Jahrgang Prof. Dp. Salom Zum SS. Todestage Ein Vierteljahrhundert ist vergangen, seit Salomon ladassohn seine Augen für immer geschlossen hat. — Der Tag stellt noch lebhaft in meiner Erinnerung, als wäre er gestern gewesen. Ich kam in seine Privatwohnung (Emilien- Straß.' 18), um Unterricht zu nehmen. Wie vom Donnerschlag getroffen fuhr ich zusammen, als mir seire Tochter Berta sagte: „Der Vater ist gestern abend gestorben" Unfaßbar schien mir, daß dieser edle Mensch und große Meister nun nicht mehr unter den Lebenden sein sollte. Die Beeidigung ging nach einer schüchttn l eicr ohne jeglichen Pomp vor sich. Auf Wunsch des Toten durften keine Reden gehalten werden; Rabbiner Dr. Porges und Kantor Jacobsohn sprachen nur einige Gebete. Dann wurde der unermüdlich Schaffende zur ewigen R ihe gebettet. \'or wenig mehr alr einem Jahre würdigte ich an dieser Stelle Jadassohn als Küns'Jer. Heute möchte ich einiges über ihn als Menschen erzählen. — In den dreißig Jahren, da er am Leipziger Konservatorium unterrichtete, machte" der Meister keinen Unterschied zwisd en arm und reich. In seinen Klassen herrschte strengste Ordnung, und nur wer f eißig war, hatte einen guten Stand beim Professor. Ich erinnere mich noch, wie er zu einem reichen Berliner Jungen (der von den anderen Lehrern sehr verhätscheil wurde) in Gegenwart der ganzen Klasse sagte: „Wenn Sie die Stunden in Zukunft nicht pünktlicher besuchen werden, dann bleiben Sie lieher recht hübsch zu Hause." — Für seine Schüler hatte er immer ein väterliches Hera und besonders seinen Gh tt bensgenossen stand er mit Rat und Tat jederzeit zur Verfügung, Wie freute er sich, als ich ihm sagte, daß ich | als Dirigent im neugegründeten Jadassohn -Verein 20 Mark monatlich erhielt. — Oft legte er uns jüdischen Schülern ans Heiz: „Kinder, trachtet immer danach, Euch eine gute allgemeine Musikbildung anzueignen, treibt Eure Kunst nicht nur, um Virtuosen zu werden, vertieft Euch in die Meisterwerke, um wirkliche Musiker zu werden. Gerade wir jüdischen Musiker müssen uns durch fleißige Arbeit ganz besonders die Anerkennung unserer Mitmenschen sichern, denn nur durch unser Können zwingen wir Israeliten den anderen Achtung für uns ab." Dabei verwies er dann immer;<uf verschiedene große Männer des Judentum-, die in der Kulturwell eine geistige Rolle gespielt haben. on «Jadassohn C«. Februar 1902) Salom on Jadassohn war ein guter Familienvater' er hing an Frau und Kindern mit voller Hingabe. Seine Frau Helene, eine sehr geschätzte Gesangslehrerin, starb zehn Jahre vor ihm; seit dieser Zeit war der Meister sehr niedergeschlagen und lebte nur noch ganz für seine Kinder. Wie oft sagte er zu mir, wenn ich ihn vom Konservatorium aus nach Hause begleitete: „Ich habe ein Mädchenpensionat zu Hause," dabei lachte er immer sehr verschmitzt, denn er hatte vier TöchterI — Man trifft im Leben wenig Menschen, die einen solchen Fleiß zu entwickeln vermögen, wie Prof. Dr. Jadassohn. Außer den zahlreichen Stunden am Konservatorium (täglich gab er dort 6—7 Stunden für durchschnittlich 80 Schüler) komponierte er auch, schrieb seine bedeutenden theoretischen Werke und war Korrektor für den bekannten Musikverlag Breitkopf & Härtel. Ich fragte ihn, wie er das alles machen könne. Da lächelte er und sagte: „Liebster Sohn, ich stehe jeden Tag um 4 Uhr auf und arbeite." — „Und im Winter?" — „Ja, im Winter auch, da muß das Mädchen nachts 12 Uhr den Ofen heizen, damit ich früh einen warmen Raum zum Arbeiten habe." Daß er in seinem Dasein so sehr kämpfen mußte, mag wohl mit daran gelegen haben, daß er eine große Familie (6 Kinder) zu ernähren hatte. Der verstorbene Kantor Jacobsohn sagte einmal zu mir im Scherz: „Lieber Licht, vielleicht haben wir's gerade der großen Familie des guten Herrn Prof. Jadassohn zu danken, daß er die herrlichen theoretischen Werke geschaffen hat; wer weiß, ob er diese Arbeiten geschrieben hätte, wenn er nicht für eine große Familie hätte sorgen müssen." — Unsere Gemeinde im besonderen kann stolz darauf sein, diesen edlen Menschen und großen Geist zu den Ihrigen zählen zu können; denn Meister Jadassohn leitete 35 Jahre treu den Chor an den hohen Feiertagen und schrieb für die Synagoge vieie Gesänge, die auch heute noch Beachtung verdienen. Seine künstlerische Bedeutung und seine menschlichen Eigenschaften werden ihm in unserer Gemeinde ein bleibendes Andenken sichern. Barnet Licht. Zeitgemäße Neuerungen innerhalb des jüdischen Gemeindelebens Das jüdische Leben unserer Tage mußte neue Formen gewinnen, da sich sein Schwerpunkt vom Lande und der kleinen Stadt in die Mittel- und die Großstadt verschob. In dem einstigen engeren Rahmen bildete in erster Reihe die Synagoge ein unvergleichlich wertvolles Bindemittel, als echtes beß hakneßcß, Haus der Zusammenkunft; da man „Entfernungen" nicht kannte, und das Leben im ganzen gemächlicher, hastloser vor sich ging, war die Versuchung, der Synagoge fernzubleiben, eine weit geringere. Diese Art der Bindung fand zudem eine ungezwungene Ergänzung durch das enge Beieinanderwohnen Ubeihaupt; dadurch wurden in das Bewaßtsein der Gemeinschalt auch diejenigen eingewöhnt, die, aus welchen Gründen auch immer, seltener oder auch ganz selten in der Synagoge gesehen wurden. Auch sie begegneten, fast möchte man sagen, stündlich ihren jüdischen Mitbürgern, und da man nicht so eilte, erluhr man, ganz unwill kürlich, was in der Gemeinde vor sich ging, und blieb dadurch, ganz unmerklich, an sie gefesselt. Seitdem die große Mehrheit der Juden in Deutschland ihre Wohnsitze gewechselt hat, so daß die früher so wirksamen Voraussetzungen wegfallen, hat sich, anfangs kaum merkbar, dann aber immer störender, eine Wandlung vollzogen, die mehr und mehr die Gefahr eines Verfalls der Gemeinden heraufbeschwor. Immer häufiger rissen die einst so festen Fäden, die sich von dem einzelnen Juden zu der großen Zahl der anderen schlangen; das Bewußtsein der Gemeinschalt wurde bei vielen immer schwächer und dunkler: es drängte sich die Notwendigkeit auf, über neue Wege zur Festigung oder Gewinnung solchen Gemeinschaftsgefühls nachzusinnen. Es ist kein Zufall, daß dieser Zwang zuerst in der größten Gemeinde Deutschlands, in Berlin, zu Neuerungen hindrängte. Dort wurde vor nunmehr 16 Jahren das erste Gern e i n d e b I a 11 errichtet. Es wurde ihm in dem Geleitwort die Aufgabe zugewiesen, „das Band zu festigen, das unsere Gemeinde und ihre Mitglieder umschließt, Anregungen zu geben und Interesse zu wecken, dem Leben unserer Gemeinde neue

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