Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 1 (7.1.1927)
- Date
- 1927-01-07
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 2 GEHE]NDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE, LEIPZIG 3. Jahrgang zugehen, gelangen sie noch in der jeweiligen Ausgabe zum Abdruck. Auch bei Veranstaltungen, die durch die in ihnen zutage getretenen Oedanken au! die Gesamtheit der Leser in jüdischem Sinne anregend zu wirken geeignet sind, fehlt uns häutig ein der Sache entsprechender Bericht. Und auch Mitarbeit in a e r Weise ist uns erwünscht, daß uns seitens der Leser Anregungen gegeben werden, welche Themen sie im „Gemeindeblatt" gern behandelt sehen möchten.-- Ks dürfte am Platze sein, einen Einwand zu widerlegen, der wiederholt erhoben worden ist. Woche für Woche, mit seltenen durch die Raumlrege bedingten Ausnahmen, zählt das „Gemeindeblatt' die Dienstzeiten im Gemeindeamt, die Sprechstunden der Gemeinderahhiiicr und beamten und die unter Aufsicht des orthodoxen R.ibhinats stehenden rituellen Betriebe auf. Viele halten diese stete Wiederholung für unnötig. Sie ist aber notwendig, weil nur wenige Gemeindemitglieder mehr als die jeweilig jüngste Ausgabe zur Hand haben, und doppelt ■otwendig für den Teil der Gemeinde, der regelmäßige Gelegenheit haben muß, sich über die rituell zugelassenen Betriebe zu unterrichten. — Noch auf einem anderen Gebiete erreichen das Gemeindeamt oder die Schriftleitung oftmals dringende Beschwerden: wenn in der Zustellung des Blattes eine Unterbrechung eintritt. Weder die Schi iftleitung noch das Gemeindeamt trifft daran die geringste Schuld: jedes Gemeindemitglied soll regelmäßig das „Gemeindeblatt" erhalten. Die Zustellung «st restlos der Post übertragen. Wo also in ein; einen Fällen das „Gemeindeblatt" ausbleibt, wende man sich zunächst an den Briefträger, am besten schriftlich. Erst wenn daraufhin nichts erfolgt, ist Meldung bei der Expedition des Blattes (Glockenstraße 11) angebracht. Aber man versäume auch nicht, Wohnungsveränderungen rechtzeitig bei der Post anzumelden.-- Die ersten Schritte hat das „Gem^indeblatt" mit den schönsten Aussichten auf eine erfolgreiche Entwicklung getan. Beim Eintritt in sein drittes Jahr betone.-: wir erneut unseren festen Willen, es zu einem unentbehrlichen Instrument unserer jüdischen Gemeindearbeit auszubauen, zu einem einigenden, vertiefenden und damit festigenden Organ unserer Gemeinde. | Achad Haam gestorben | Unmittelbar vor Abschluß der vorliegenden Ausgabe trifft die Trauerkunde ein, daß Achad Haam am 2. Januar in Tel Aviv verstorben ist. Mit ihm ist eine einzigartige jüdische Persönlichkeit dahingegangen. Als grundlegendem Denker, als richtunggebendem Schriftsteller brachte ihm gelegentlich seines 70. Geburtstages nicht allein die zionistische Judenheit, zu deren geistigsten Führern er zählte, ihre Huldigungen dar: auch in den jüdischen Kreisen, die ihm politisch nicht folgen konnten, wurde seine Bedeutung aufrichtig gewürdigt. Wir werden von seinem Werke und seiner Leistung in diesen Blättern noch eingehend sprechen. Jubiläums-Bundestag des Bundes jüdischer Akademiker (B.J.A.) Im Rahmen einer größeren Kundgebung der Leipziger Orthodoxie wurde Sonntag mittag der Jubiläums Bundestag des Bundes jüdischer Akademiker (B.J.A.) feierlich eröffnet. Der Bundespräsident, Dr. Jacob Levy Berlin, schilderte in seiner Begrüßungsansprache den schweren Kampi. den der Bund organisatorisch und ideologisch zu bestehen hatte, bis er zu dem wurde, was er heute ist: die hinsichtlich Zahl und geistiger Potenz im deutschen Judentum führende Organisation der thoratreuen jüdischen Studenten und Altakademiker. Warme Begrüßungsworte widmeten dem Bundestage Herr Rabbiner Dr. Carlebach für den hiesigen „BJ.A", das Leipziger orthodoxe Rabbinat, sowie Vertreter der Jüdischen Gemeinde, der Agudas Jisroel, des Misrachi und der Achduth. In seiner Festrede behandelte Rabbiner Dr. Merzbach Darmstadt die nun 20jährige Geschichte des Bundes und legte dabei der Jugend in besonders eindringlichen Worten ans Herz, stets das Prinzip „Thora im derech erez" nicht nur im praktischen Leben zu beherzigen, sondern auch Weltanschauung und Gedankenwelt darauf zu fundieren, d. h. in und durch Vertiefung in die Wissenschaft und ihre scheinbar verwirrende Problematik die traditionellen jüdischen Geislesschätze zu erhalten und zu beleben. Gesang des Oberkantors Wilkomirski und ein Festfottesdienst in der großen Synagoge beschloß die eindrucksvolle Feier. — Der Nachmittag vereinigte die Fachgruppen zu Sitzungen, in denen die Herren Dr. S. Schlesinger-Köln über .Probleme der talmudischen Methodenlehre" und Dr. Bioer- Feld-Berlin über halachisch-medizinische Fragen referierten. Am Montag relerierten nach Sitzungen der Fachgruppen Herr Dr. Samson Breuer, Professor an der Technischen Hochschule Karlsruhe, über „das mathematisch physikalische Weltbild der Gegenwart". Zunächst gab er einen Überblick Uber die das Problem .Natur und Weltregierurig' behandelnden naturwissenschaftlichen und naturphilosophischen Theorien, um dann über Kant's Kausalitätsgesetz zu einer Kritik der modernen Theorien zu kommen, die sich die Frage vorlegen: gibt es einen verstandesmäßig zu bahnenden Weg von der Natur zu Gott? Er zeigte, wie der reine Rationalismus längst verlassen, eine gewisse Unsicherheit aus der Fachliteratur herauszulesen sei. Den entscheidenden Schritt zur Konstruktion einer Synthese auf diesem für die Bildung der Weltanschauung entscheidenden Gebiet könnte man sehr gut vom Boden des gesetzestreuen Judentums aus tun. Man möchte zugeben, daß der menschlichen Denkkraft, nicht aber der menschlichen Seele Schranken gezogen seien. Diese sei vielmehr "in Teil Gotles, der gleichsam die .Weltseele' darstelle, ui. J Au jabe der Seele sei es, den Menschen und die Gesetze sein' Existenz und Geschichte mit denen des allein von jeder Kausalitätsgebundenheit freien Schöpfers und Regenten harmonisch zu verbinden. — An das fast zweistündige Referat schloß sich eine vielstündige, den ganzen Problemkomplex behandelnde Diskussion, an der sich viele geistige Führer der deutschen Orthodoxie beteiligten. Gegen abend referierte Herr Dozent Dr. Grünberg über „Französische Klassiker der Bibelezegese". Am Montag abend referierte Herr Rabbiner Dr. Esra Münk über „Beiträge zur wissenschaftlichen Apologetik des Judentums". Er führte etwa aus: Unsere Hauptaufgabe ist nicht politische Abwehr, sondern Beherzigung des talmudischen Grundsatzes: .Wisse, was du dem Abtrünnigen zu antworten hast' — Du, das heißt jeder gemäß seinen Zeit- und Milieuverhältnissen. Unser Bund muß laut seine Stimme im allgemeinen jüdischen Abwehrkampf erheben, da ja gerade seine Existenzgrundlage, die Thora, die Mutter aller ethischen Lehren der Welt, und die halachische Überlieferung geschmäht werden. Hauptkampfmittel der Gegner sind: scheinbare Argumente aus den Quellen,