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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1931-12-11 · 50 (11.12.1931) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
7 (1931)
Issue
50 (11.12.1931)
Date
1931-12-11
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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OER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG AMTLICHES NACH RICHTEN B LAIF DER GEMEINDEVERWALTUNG! Dan Gemeindeblatt cnwhelnt jeden Freitag und wird den Mitgliedern der Religionsgemeinde unentgeltiidi durch die Pott zugestellt - Schrlftlcltting: Geraclnderabbiner Gustav Cohn, Leipzig, LöhrstratJc 10 NUMMER SO / JAHR6AN6 7 FREITAG 11» DEZEMBER 1D11 Anzeigenverwaltung und Drink: Buihdrudkerci August Pries, Leipzig, Brüderstr. 5t - Fernruf 70006 - Postsduik Leipzig 539 20 — N.iihdruck. nur mit Quellenangabe und mit Genehmigung des Verlas-era gestattet Ein hebräischer Hegelianer Nachman Krochmal, der bedeutendste hebräische Philosoph des neunzehnten Jahrhunderts Von S. M e i s e 1 s. Anläßlich der hundertsten Wiederkehr von Hegels Todestag soll hier, gleichsam als ein Beispiel für die fernwirkende Kraft der Hegeischen Philosophie, von einem Mann gesprochen werden, der im ureigenen Sinne ein außerordentlicher Schüler Bogels war. Dieser Mann, ein wahrer Philosophenjunger und Welsheitsfreund, war ein Zeitgenosse Hegels, hatte jedoch weder den Meister gesehen noch seine Vorlesungen gehört, noch Oberhaupt irgendeiner rechts oder links gerichteten Hegelschule angehört. Kr war vielmehr — wenn mau es so ausdrücken darf — ein Hegelianer an und für sich, ein Hegelianer mit eigenständigem (iedankenbau, das will sagen: einer, der nach der Weise der Autodidakten die Hegeische Philosophie mit heitiem Bemühen studiert und hernach auf Hegels System sein eigenes aufgebaut hat. Ein Kind des östlichen Ghetto, in der hebräischen (ieisteswell tief verwurzelt, schrieb er in hebräischer Sprache ein Werk, dessen philosophisches Gerüst auf der Megelschen Dialektik beruht. Dieses Werk hat seinen Namen berühmt gemacht. Kreilich, in der allgemeinen Geschichte der Philosophie sucht mau diesen Namen vergebens, und den westeuropäischen Weisheitsjüngern. selbst denen, die sich in den über- und unterirdischen Gängen der Weltweisheit vorzüglich auskennen, wird er völlig fremd klingen. Um so strahlender alter leuchtet in der Geschichte der jüdischen Philosophie der Name — Nachman Krochmal. Die Lebensgeschichte Nachman Krochmals ist vielleicht dadurch merkwürdig, dali sie so ganz in ruhigen Hahnen verlief; da gab es nichts von jenen Innern Spannungen und äußern Kämpfen, die sonst Merkmal und Kennzeichen gerade bei jüdischen Geisteskämpfeni bilden. Im Jahre 178T> in Brody geboren, genoß Nachman Krochmal in seinem Kltemhause eine vortreffliche Erziehung. Sein Vater, ein reicher Kaufmann, der oft geschäftliche Meisen nach Herliii unternahm und dort mit David Friedländer und andern Persönlichkeiten der Mendelssohn-Schule bekannt geworden war, hatte bereits einen Strahl der Berliner Aufklärung empfangen und suchte nun damit den Lebensweg seines Sohnes zu erhellen; so erhielt der junge Nachman von ausgezeichneten Lehrern einen Unterricht, der ihm frühzeitig reiches jüdisches Wissen nebst einer guten Allgemeinbildung vermittelte. Gemäii der Sitte jener Tage wurde er im vierzehnten Lebensjahre verheiratet, und er kam in das Haus seines Schwiegervaters nach Zolkiew. Hier lernte er einen merkwürdigen Mann kennen, der auf seine weitere geistige Entwicklung einen entscheidenden Kinlluß ausüben sollte; es war dies der General Geisenhausen, der Stadtkommandant von Zolkiew. Dieser österreichische General, ein aufrichtiger Freund der Juden, interessierte sich stark für die jüdisch-wissenschaftlichen Disziplinen, und er schloß mit dem jungen Nachman Krochmal eine Freundschaft, die gleichsam «"fgk^1- KpR«>nseitigen Lehrtätigkeit beruhte; der junge" jüdische (jerenrfe machte den General mit den Grundlehren des Judentums bekannt und wurde dafür von diesem in die deutsche Philosophie eingeführt. Nachman Krochmal studierte nun Kant, Fichte, Schölling und landete schließlich bei Hegel, dessen dialektische Methode ihn dauernd in ihrem Hann behielt. Nachman Krochmal führte in Zolkiew das beschauliche Leben eines stillen Gelehrten; er vermied es, in der Oeflentlichkeit hervorzutreten. Kr war, wie sein Vater, Kaufmann geworden und erwarb sich im Laufe der Jahre ein ansehnliches Vermögen, das ihm ein Leben in Unabhängigkeit und Hube gewährte. Obwohl er ganz zurückgezogen lebte und eigentlich nichts dazu tat. seinen Namen bekannt zu machen, drang doch sein Ruf als Denker und Forscher bis in den entferntesten galizischen Winkel, wo aufgeklärte oder aufklärungsittchtige Juden wohnten. Und aus allen Städten des Landes kamen die Junger zu ihm. um „die Weisheit von seinen Lippen zu trinken". Allmählich ward sein Haus in Zolkiew der Sammelpunkt aller Wissensdursligen im Lande. Unter allen Neuerern und Aufklärern im jüdischen Osten war Nachman Krochmal der einzige, der nur durch das lebendige Wort wirkte; bei Lebzeiten hat er seinen zahlreichen Schülern seine Denk- und Forschungsergebnisse nur mündlich mitgeteilt, und niemand vermochte ihn dazu zu bewegen, etwas von seinen Manuskripten drucken zu lassen. Sechsunddreißig Jahre lebte Nachman Krochmal. lernend und lehrend, in Zolkiew. Nach dem Tode seiner Frau kehrte er nach seiner Geburtsstadt Brody zurück, wo er zwei Jahre verblieb. Hiernach ging er nach Tarnopol. wo er im Jahre 1840 starb. Nach seiner letztwilligen Verfügung wurden seine Manuskripte Dr. Leopold Zun/ in Herlin übermittelt. Zunz wandte eine jahrelange Arbeit auf die Sichtung und Ordnung der Krochmal- SCtten Handschrift und ließ dann das Werk unter dein Titel „Moreh neboche ha-snian" (Führer der Irrenden unserer Zeit) 1851 im Druck erscheinen. Das hinterlassen!- Werk Nachman Krochmals stellt sich nach seinem iiinern Gehalt als eine Philosophie der jüdischen Geschichte dar. Und da wandelt eben Krochmal auf Hegels Spuren, indem er die dialektische Methode speziell auf die jüdische Geschichte anwendet. Ganz im Geiste des Meisters sucht er diesen Sonderteil der allgemeinen Geschichte in seinen Wirklichkeiten und Zusammenhängen zu erfassen und seine Bewegungsgeselze zu erkennen. Damit begibt sich Krochmal in das Zentrum der Hegeischen Philosophie. Denn „die Geschichtslheorie ist der Mittelpunkt des Hegeischen Systems, der Punkt, in dem seine Probleme sich zusammenfassen, der Punkt, von dem man zu den höchsten Zielen dieses Denkens aufsteigt". (Vgl. F. Brunstäds Vorrede zu Hegels „Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte", bei Reclam.) Auf dieses „Ursprung des Hegeischen Denkens" gründet Nachman Krochmal sein eigenes System. Kr faßt das Judentum als Gescmcms^und Kulturganzes auf, und gewinnt dadurch den festen Punkt, von dem aus er die Eigengesetzlirhkeit der

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