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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1931-10-02 · 40 (2.10.1931) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
7 (1931)
Issue
40 (2.10.1931)
Date
1931-10-02
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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t iu 3L $ emetoö cbktt DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG AMTLICHES NACH RICHTEN BLATT DER GEMEINDEVERWALTUNG! Das Gemetndrblatt erscheint |eden Kreitag und wird den Mitgliedern der kellglonsgeraeinde unentgeltlich durch dir Pott zugestellt - Schrlftlrltung: Cemelndrraljblnrr Gustav Cohn, Leipzig, LohrntraSe 10 NUMMER 40 / JAHRGANG 7 FREITAG 2. OKTOBER AmelgenVerwaltung und Druck: Buchdrudcerel August Pries, Leipzig, BrOderstr. 59 - Fernruf 70006 - Postsdardk Leipzig 53920 - Nachdruck nur mit Quellenangabe und mit Genehmigung des Verfassers gestattet Ein Freund der Juden Anatole Leroy-Beaulieu, der Christ und Franzose, als Judenfreund Von S. M e i s e 1 s. Es gilt zu unterscheiden: es gibt einen Philo**tniten, und es gibt einen Freund der .luden. Der Unterschied liegt nicht in der Bezeichnung und ihrer Deutung, er liegt im Wesen und Charakter dieser beiden Gesellschaftslypen. Dem Wortsinu nach ist auch der l'hilosemit ein .ludenfreund. aber er ist es aus (iesinnungsfexerei, aus einer kalten, leidenschaftslosen Ideologie heraus, wobei die Meinung des Kopfes die Abneigung im Herzen gewaltsam unterdrückt. Das Verhältnis des l'hilosemiten zu den Juden ist lediglich durch seine Stellungnahme zum Antisemitismus und zu den Antisemiten gekennzeichnet. Kin l'hilosemit ist zumeist einer, der den Antisemitismus ablehnt; der l'hilosemit setzt demnach den Antisemiten voraus. Kin .ludenfreund hingegen ist der, der es auch dann sein könnte, wenn es keine Antisemiten gäbe. Der l'hilosemit liebt nicht so sehr den .luden, als er den Antisemiten nat.lt. Der .ludenfreund dagegen lial.lt die Antisemiten, weil er tatsächlich Jen .luden gewogen ist. Der Unterschied ist wesentlich. Im Leben wie in der Literatur kann man dem l'hilosemiten häufig genug begegnen. Auch in der Gegenwart trifft man ihn überall dort, vo heute noch die sogenannte liberale Weltanschauung auf nahezu chon verschimmelten Prinzipien reitet. Sehr selten jedoch findet man •inen wahren Freund der .luden, einen gradlinigen, aufrichtigen Menschen, der voraussetzungslos und nicht unter Bedingungen den .luden :ut gesinnt ist. Meute vielleicht mehr denn je ist ein solcher Judenreund eine äußerst seltene Krscheinung, und es geziemt sich wohl, ei einem solchen Manne, wenn man ihm einmal (sei es im Leben der in der Literatur) begegnet, eine Spanne Zeit zu verweilen, um fine Wesensart näher zu betrachten. ine kurze Betrachtung möchte ich hier einem Manne widmen, der im ahrsten Sinne ein Freund der Juden war, und dessen Neigung zu den iden aus seiner Kenntnis des Judentums floß. Ich meine den (geade vor zwei Jahrzehnten verstorbenen) Anatole Leroye a u 1 i e u , den grollen Gelehrten, den reine Menschlichkeit zierte, natole Leroy-Beaulieu war ein freier Mann, der die Wahrheit lieble id für die Gerechtigkeit gern in die Schranken trat. Kr war kein ubengelehrter. sondern ein Forscher mit frei in die Welt blickenden igen, einer, der den Pulsschlag seiner Zeit zu fühlen verstand. Nicht n Buch hat ihn auf das Volk des Buches gewiesen, nicht gelegentlich ' ues Ausflugs auf irgendein wissenschaftliches Gebiet hat er die Ju- 1 ii und das Judentum entdeckt: mitten im flutenden Leben fand er (i i> Juden und mitten in <ler lebendigen Cieisteskultur unserer Zeit fand er das Judentum. Anatole Leroy-Beaulieu hat einen nicht unbet ichtlichen Teil seiner Werke dem Judenproblem, der Stellung der Juden unter den europäischen Völkern, dem Judentum und seinem Einfluß auf die Entwicklung der Menschheitskultur gewidmet. Dieser Gelehrte stellte nicht, wie es andere zu tun beliebten, über Juden und Judentum eine These auf und legte dann sowohl in die Judenheit als in das Judentum alles Erdenkbare hinein, um nachträglich aus ihnen die notwendigen Beweise für seine These herausholen zu können. Kr hat die Juden vielmehr, iu natürlicher Reihenfolge, zuerst kennen und dann schätzen und schließlich lieben gelernt. Er hatte nicht von vornherein ein Urteil über das Judentum, sozusagen ein Urteil aus Vernunftgründeii — das häufig keine Erfahrung bestätigt —, wodurch er zur Erforschung dieses Objekts veranlaßt worden wäre. Er hatte vielmehr als ein am Leben interessierter Mann, der an einem wichtigen Faktor der Kulturmensrhheit nicht achtlos vorübergehen konnte, frei von jedem Vorurteil, das Judentum studiert, um sich darüber ein möglichst objektives Urteil zu bilden. Man wird die Stellungnahme Anatole Leroy-Beaulieus zu den Juden und zum Antisemitismus nur mangelhaft verstehen, wenn man nicht auch die religiöse Weltanschauung dieses Mannes und sein nationales Empfinden berücksichtigt. Anatole Leroy-Beaulieu war ein guter Christ und ein noch besserer Franzose. Sein bekanntes Werk ..Israel chez les Nations" beginnt mit den bezeichnenden Worten: „Dieses Buch hat ein Christ und Franzose geschrieben." Als Christ war er überzeugt, daß „der Geist der Unduldsamkeit dem Christentum widerstrebt" und „daß nichts weniger ist nach dem Sinn des Evangeliums als Rassenhaß". Als Frauzose hielt er Frankreichs Ueberlieferung von Gerechtigkeit und Freiheit heilig, und er hätte sich selbst verleugnen müssen, wenn er diesen heilkräftigen Grundsätzen untreu geworden wäre. Anatole Leroy-Beaulieu war aber nicht allein ein guter Christ und Franzose, er war weit mehr als das: er war ein aufrichtiger Mensch. Aufrichtigkeit ist die Tugend der Charakterstarken; sie verdient in unserer charakterschwachen Zeit mit besonderer Anerkennung hervorgehoben zu werden. Anatole Leroy-Beaulieu war durchdrungen von der Erhabenheit des Evangeliums, aber sein christliches Bewußtsein hat ihn nicht blind gemacht für die Tatsache, daß das Evangelium, das er „das Lieblichste unter der Sonne" nennt, von semitischen Stämmen ausgegangen ist. „Dem steinigen Boden Syriens entsproß die Feldlilie, deren Wohlgeruch nach neunzehn Jahrhunderten noch die Welt durchduftet. Das herrlichste Wort menschlicher Sprache, das Wort Nächstenliebe, ist aus dem Munde der Kinder Sems gekommen." Und als Frauzose hat er es nie vergessen, daß Frankreichs Ueberu 7J l

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