Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 7 (1931)
- Issue
- 38 (18.9.1931)
- Date
- 1931-09-18
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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18. September 1931 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG Seite 3 'ZjkUvM****** ftmfa,\ mm******"---------- Petersstraße 16 Ein unveröffentlichter Brief Tolstois über die .luden. Aus dem Archiv des verstorbenen jüdischen Politikers F. Gabai in Bulgarien wird der folgende Brief Tolstois veröffentlicht, in dein er die Krane, was im Sinne der zeitgenössischen Politik ein Jude sei, aufwirft und schreibt: „Versuchen wir, diese Frage ein wenig zu formulieren. Geben wir ihr folgende Form: Was für ein Gespenst ist es, welches alle Herrscher und alle Völker gequält, niedergemetzelt, aufgehängt, verlrieben, mißhandelt und beraubt bat, angefangen von den ägyptischen Königen bis zu den modernen .Judenfressern in der Publizistik, von der Inquisition Torquemadas bis zu den Polizisten und subalternen Beamten niler Regierungen?... Das ist jener .lüde, jener Prometheus, der uns vom Himmel das ewige Feuer gebracht und der ganzen Welt zugänglich gemacht hat. Der Jude, der jahrtausendelang der Wlchtei des göttlichen Gedankens war, ist auch der Urquell jenes Glaubens, dem alle anderen Religionen ihre Entstehung verdanken. Der .lüde ist der Pionier der Freiheit. Noch in jenem grauen Mtertum, als die Menschheit in Herren und Sklaven geschieden war, verbot der Gesetzgeber Moses, Sklaven langer als sechs Jahre zu ballen. Nach Ablauf dieser Zeit muBten sie ohne Lösegeld betreit werden. In jener grausamen und barbarischen Epoche, als das Menschenleben noch keinen Wert hatte, stand Rabbi Akiba. einer der größten Weisen, nicht an. sich offen gegen die Todesstrafe auszusprechen. >as Synhedrion — sagt der Talmud —, welches einmal in 70 Jahren •in Todesurteil fällte, trug den Namen eines Mordgerichtes. Der Jude ist in seinen bürgerlichen und religiösen Beziehungen las Symbol der Gerechtigkeit und der Ewigkeit, jener Ewigkeit, die veder durch Schwert und Feuer, weder durch Verfolgungen noch lurch Peinigungen und Gemetzel vernichtet wird. Unter allen Völern war es dem Juden allein beschieden, die göttliche Idee zu entlecken, deren Wächter er so viele Jahrhunderte lang gewesen, und Wo er für die Völker der Welt bewahrt hat. Der Jude war und wird bleiben: Vorkämpfer und Säemann der reiheit, der Gleichheit, der Kultur und der Toleranz." Jüdische Verbände und Gemeinden Haltet die Wohlfahrtspflege aufrecht!" Die ZentralwohlfahrtSStelle der deutschen Juden läßt soeben einen Aufruf an die jüdischen Gemeinden in Deutschland ergehen, dessen Grundgedanken nachstehend folgen: ,.In schwerer Stunde richten wir an die jüdischen Gemeinden in eutachland den Ruf: Hallet die Wohlfahrtspflege aufgeht! 1. Keine Genieindeaufgabe ist in dieser Not notwendiger als Wohl- I 'hrtspflege und Sozialpolitik. 2. Helft, daß überall die unentbehrlichen Heime, die Kinder rten. Horte, Jugendheime offen bleiben. Vermehrt die Speisungen. Aber vermeidet und verhindert rücksichtslos alle Doppelarbeit, jeden Leerlauf. B. Erhaltet der Arbeit alle Berufskräfte. Sie leisten schwerste, verantwortungsvolle Arbeit. Sie bringen das Vielfache von dem herein, was sie kosten. 4. Ermutigt den Helferwillen jedes Einzelnen! Gewinnt freiwillige Mitarbeiter! Werkt die Nachbarschaftshilfe! Schafft ..Pfundsam Inningen!" 6. Stärkt in der Arbeit die Gemeinschaft mit den anderen konfessionellen und interkonfessionellen Organisationen und mit der öffentlichen Wohlfahrtspflege. G e m e i n d e n und V e r e i n e seh 1 i e B I e u c h e n g er /. u - s n in in e n! Erhaltet und stärkt das W e r k der j ü d i - sehe ii W o Ii 1 f a Ii r t s p f 1 e g e." Berlin. August 1931. Für den geschäftsführenden Vorstand der Zentralwolilfahrlsstelle der deutschen Juden B a e c k Vorsitzender Unsere Gemeinde Zur Aufklärung über die Bestimmungen des Chewra-Vorstandes für die Abholung von Leichen. Vom Vorstände der Cbewra Kadischa geht uns folgendes Schreiben zu, das wir zum Zwecke der Klarstellung und der Beruhigung der öffentlichen Meinung innerhalb der Gemeinde gern veröffentlichen: ..Gelegentlich der Abholung der Leiche eines vor kurzem verstorbenen Gemeindemitgliedes ist es zu heftigen Vorwürfen gegen den Vorsitzenden der Cbewra Kadischa, Herrn Markendorf. gekommen, die in keiner Weise gerechtfertigt gewesen sind. Der Vorstand der Cbewra Kadischa stellt hiermit unzweideutig fest, daß Herr Markendorf durchaus gemäß den innerhalb des Vorstandes festgelegten Grundsätzen gehandelt hat. und daß auch künftighin von diesen Grundsätzen nicht wird abgewichen werden kennen. Es ist eine technische Unmöglichkeit, daß bei der Abholung von Leichen das Leichenauto durch die Straßen der Stadt langsam fahren kann. Um den berechtigten Wünschen der Angehörigen, Freunde und Bekannten nachzukommen, haben wir die Anordnung getroffen, «laß der Wagen eine Straßenlänge langsam fährt, sodaß man der überlieferten Pflicht der Begleitung eines Toten durchaus nachkommen kann. Darüber hinauszugehen verbietet sich aus den verschiedensten Gründen. Wenn ferner der Vorsitzende der Chowra Kadischa auch auf den Wunsch der Beteiligten, daß der Zug an der Synagoge .Obel Jakob' vorübergeführt und an diesem Hause angehalten werde, eingegangen ist, so hat er damit alles getan, was billigerweise gefordert werden und geschehen konnte. Es liegt danach keinerlei Grund vor. Herrn Markendorf irgendwelche persönliche Vorwürfe wegen seines Verhaltens zu machen: der Vorstand der Cbewra Kadischa weilt solche einmütig und energisch zurück."