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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1931-09-18 · 38 (18.9.1931) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
7 (1931)
Issue
38 (18.9.1931)
Date
1931-09-18
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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St-ito 2 OFM K1N DKM LA TT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMKINDE ZU LEIPZIG Nummer 38 in dauernder Abhängigkeit von Gott, nicht mehr ist er in seinem Handeln, Fühlen und Wollen vom Gottesgedanken geleitet und beherrscht. Das ist die Krise der Religion, die Sünde wider Gotl und das Göttliche. An zweiter Stelle wäre die Krise des Geistes zu nennen, seine Sünde wider den Geist. \\';is ist es, das den Menschen erst und wahrhaft zum Menschen macht? Was hehl ihn empor, macht ihn erhaben über alle Natur und Kreatur, was ist das Letzte, Höchste und Bleibende, wenn der Leih in Staub zerfallen? Worauf ist all sein Mühen und Arbeiten, sein Kämpfen und Ringen gerichtet? Wofür ist alles Körperliche und Materielle, alles Sinnliche und Erdenhafte nur das Mittel und Werkzeug'.' Es ist dies der Geist. Her Geist, um dessentwillen der Psalmisl den Menschen preist: „Nur um ein weniges hast du göttlichen Wesen ihn nachgesetzt, hast mit Hoheit und Würde ihn gekrönt". Der Geist also ist es. auf dessen Entwicklung und Entfaltung, Pflege und Wachstum alles Leben und Streben des Menschen gerichtet sein sollte, well er das Höchste und Wertvollste, das einzig wahrhaft Seiende und Bleibende ist Der moderne Mensch hat aber vielfach die Ordnung der Natur und den Willen der Gottheit ins Gegenteil verkehrt. Er hat den Geist dem Körper unterworfen, dem Irdischen und Sinnlichen. Der Geist ist ihm, statt das Ziel zu sein, das Mittel geworden, um sich immer mehr materielle Freuden und Genüsse zu verschaffen. Der Geist ist der Sklave und Knecht des Körpers geworden. Das ist die Krise des Geistes, die Sünde wider den Geist. Schließlich sei noch die Krise der sittlichen Lebeiisauschauung erwähnt, die Sünde wider das Klüt und das physische Leben. Ein deutscher Dichter hat das Wort geprägt: „Das Leben ist ein Darlehen, keine Gabe". Was der Dichter mit diesem Worte bezeichnen will, drücken wir noch deutlicher aus, wenn wir sagen: Das Leben ist ein Lehen, das zur vollwertigen und ungeniinderten Erhallung und Weitergahe bestimmt ist, nicht aber zu eigennütziger, selbstsüchtiger Ausbeutung und Vergeudung. Ist aber der moderne Mensch nicht oft genug von solchem Gedanken und der Verwirklichung desselben weit entfernt? Sehen wir es nicht oft genug, wie der moderne Mensch sein Leben mißbraucht, vergeudet, abnutzt und zerstört, als wäre er nicht sein zeitweiliger Verwalter nur und Lehensenipfünger, sondern geradezu sein eigenmächtiger und eigensüchtiger Schöpfer und Herr, ohne jedes Gefühl der Verantwortung gegenüber dem kommenden Geschlecht, dem das Lehen, dieses Golteslehen, weiter gereicht werden soll? So ist eine Krise der Religion, eine Krise des Geistes und eine Krise der sittlichen Lebensansrhauuiig beim modernen Menschen, auch dem modernen .luden, ausgebrochen in einem Ausmuß und einer Stärke, die das sittliche Leben der Menschen nicht nur, sondern das Lehen überhaupt bedrohen, weit mehr als die schlimmste Wirtschaftskrise es vermöchte. Über sie nachzudenken und die Mittel zu ersinnen und in Anwendung zu bringen, die sie heilen und beseitigen könnten, was wäre wohl heute wichtiger und nützlicher, was des Jauuikippurs würdiger? Jetzt ist Gelegenheit sich die Ausübung des Wahlrechtes zu sichern. Wählen kann nur derjenige, der in die Wählerliste eingetragen ist. Darum nehmt Einsicht in die Wählerliste! Näheres hierüber besagt die amtliche Bekanntmachung auf der ersten Seite dieser Nummer. Wer nicht in der Wählerliste steht und nicht die Aufnahme seines Namens während der Auslegungsfrist beantragt, geht seines Wahlrechts verlustig. Nach Ablauf der Auslegungsfrist kann niemand mehr in die Wählerliste aufgenommen werden. Aus aller Welt Dr. h. c. Janio« Simon MI Jahre. Am 17. September 1931 vollendete Dr. phlL h. c. James Simon, der weit über Deutschland hinaus bekannte und verehrte Wirtschaftsmann, Mäzen und Philanthrop, sein HU. Lebensjahr. Mit dem Namen James Simon ist ein wichtiger Teil der Geschichte des deutschen Judentums verknüpft, aber auch in die Geschicke großer Teile der Judenheit in anderen Ländern hat er als Mitbegründer und als jahrzehntelanger Präsiden! des Hilfsvereins der Deutschen Juden eingegriffen. Als Chef der weltbekannten Kaumwollfirma Gebrüder Simon in Kerlin spielte er eine führende Rolle im deutschen Wirtschaftsleben, war jahrelang Vizepräsident der Handelskammer Merlin und Mitglied des Reiehsbankdirektoriums, Er gilt als einer der feinsinnigsten Kunstkenner und Kunstsammler und hat als Mäzen großen Einfluß auf die Gestaltung des Museumswesens ausgeübt. Die Kerliner Museen haben ihm eine große Kereicherung ihres Kesitzes zu verdanken. James Simon war Mitbegründer der Deutschen Orientgesellschaft (1H9H) und beteiligte sich in starkem Ausmaße an der Finanzierung der Ausgrabungen j„ Mesopotamien (Kabylon 1H9H-1912, Assur 1902-1914), Palästina (Jericho. Synagogen in Galiläa) und Aegypten (Abusir bei Kairo. Abusir-el-Meneq und el-Amurna 1906—1914), Kleinasien (Koghazköi). Dr. Simon betätigte sich in hervorragender Weise auf dem Gebiete der jüdischen Wohlfahrtspflege. Vor allem in dem llilfsverein der Deutschen Juden nahm er seit seiner Begründung einen besonders hervorragenden Platz ein. Unter der Leitung von Dr. James Simon hat sich der Hilfsverein der Deutschen Juden drei Jahrzehnte hindurch in Zeiten größter politischer Erschütterungen und ökonomischer Umw&lzungCD in weitem Ausmaße betitigt. In langjähriger Zusammenarbeit mit dem verewigten Paul Nathan hat er den Hilfsverein zu einer Organisation ausgebaut, die in engster Verbindung mit großen Körperschaften wie Jcwish Colonization Association, American Jewish Committee, Joint Foreigu Committee, Alliance Israelite Universell' stehend, stets aktionsbereit war und in Osteuropa und im Orient ein vielseitige Tätigkeit entfaltet hat. Das Schulwerk in Palästina und in den Ländern des nahen Ostendie Organisierung der Auswandererfürsorge in Deutschland, di Durchführung großzügiger Hilfsaktionen anläßlich der Pogrome i i Rußland und Rumänien, bei Naturkatastrophen, während der lialka kriege 1912/13 und insbesondere im Weltkriege, ein weitverzweigt Hilfswerk für die jüdische Jugend, vom Säuglingsalter angefangen b zu erfolgter beruflicher Ausbildung — all das sind wichtige Tei der Arbeit des Hilfsvereins, mit der Dr. Jimes Simon aufs engst verwachsen war und ist. Dr. Simon stellte sich stets zur Verfügung, wo es galt, für die ve folgten Juden in osteuropäischen Ländern einzutreten — sei es dur Interventionen bei hohen Behörden, Auswärtigem Amt, Ministeri i usw., sei es durch Fühlungnahme mit einflußreichen jüdischen P' sönlichkeiten und Organisationen auch außerhalb Deutschlands, ist mit den großen Problemen, welche die jüdische soziale Hilfsarb I in den letzten Jahrzehnten zu bewältigen sucht, innig vertraut u bringt ihnen ungemindertes Interesse entgegen. In der letzten Jahresversammlung des Hilfsvercins der Deutsch I •luden, in der ein Ueberblick über sein dreißigjähriges Wirken | geben wurde, hat Herr Max M. Warburg (Hamburg) der Verehrt für Dr. James Simon als Präsidenten des Hilfsvereins der Deutsch 1 Juden durch die Worte Ausdruck gegeben: Eines Ihrer Herze - kinder zu unserem und vieler Menschen Glück war und ist: der Iii - verein der Deutschen Juden. Anläßlich seines HO. Geburtstages wird eine „James Simon-Stiftui beim Hilfsverein der Deutschen Juden geschaffen, für die bisher nächst von einer Anzahl dem Hilfsverein und Dr. James Simon sonders nahestehender Persönlichkeiten sowie von Organisation a namhafte Beiträge gezeichnet worden sind.

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