Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 7 (1931)
- Issue
- 30 (24.7.1931)
- Date
- 1931-07-24
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/4876568-5968779-5969260--4043-4878394- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 2 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG Nummer SO schickte loh mich an, ins Gebetbuch tu blicken. Aber kaum hatte ich es geBffnet, ichlug ich es auch wieder zu. Gott betrugen kann man nicht, und sieh selbst betrügen hat wohl kaum Werl... Und so glitten meine Augen vom Gebetbuch weg auf die Menge der Beter, und ich ergab mich der Betrachtung... Ich beobachtete die große Menge der Versammelten, besah mir die vielen, mehr oder weniger alltäglichen Geeichter und suchte in ihnen. Ich Nichte in der M;isse nach Ausdruck, nach einem seelischen Funken, nach dem verborgenen Lebensinhalt meiner Brüder. Aus diesen Alltagsgesichtern. aus der Fülle dieser gleichmäßigen Physiognomien von (ieschäftsleuten. Bankniensehen, Industriellen, in diesem meinem Volke, wie es sich mir darbot, wollte ich den Punkt erspähen, der sie verbindet, den Grund, der sie hierher geführt hat. den lebendigen Quell ihrer Glauheueäußerung. Wozu sind sie hier? Um was beten sie? Was erwarten sie von Gott, was wissen sie überhaupt von Gott? Wie stark empfinden sie noch die göttliche Gewalt? Inwieweit lebt Gott noch für sie? Dies alles bemühte ich mich zu erspähen. Ich wollte sie finden, wenn auch im Tiefsten verborgen, wenn auch zu spärlichen Besten verkümmert, die allen jüdischen Herzen, die lebendigen, gläubigen, feurigen Herzen von .luden! Aber ich fand nur glanzlose, gedrückte Blicke, Blicke von Meuchen, tlie geknechtet sind von der Last des Alltags, in welchen sie ganz aufgehen. Ich fand lederne, konventionelle Gesichter, die ausdruckslose Physiognomie des Alltags, ich fand das bedenken- und gedankenlose Antlitz der Masse. - Doch, noch während meine Gedanken und Blicke hinglitten über diese SandwQate trostlosen Einerleis, begann in meinem Hirn eine andere Erkenntnis aufzudämmern... Während ich nämlich wie hypnotisiert den eifrigen Lippenbewegungen eines Betenden zuschaute, ergriff mich plötzlich ein eigenes GefUhl lächelnder Wehmut. Wie eifrig, wie beflissen dieser Mann da die hebräischen Worte herunterhaspelt! Und mit ihm seine Nachbarn und alle andern, das ganze Haus, die ganze grolle Herde der Beter! Gewiß, dieser Vorgang ist meistenteils inhaltslos, oberflächlich und erfolgt fast automatisch. Aber er findet statt! Er findet dennoch statt! Die große Menge kommt und schließt sich ein und betet, murmelt, flüstert stundenlang haibverstandene Worte... Wenn dies Irotslos. ungesund, ja unsinnig erscheint, so ist es doch außerordentlich bezeichnend! Denn sie, die Vielen, tun nur das. ja tun alles, was in ihrer Macht steht. Es ist noch niemand gekommen, der es ihnen anders gezeigt hätte. Es ist noch keiner erschienen, der sie zu anderem ermahnt hätte. Keiner, der mit der (ilut göttlicher Begeisterung die allen, vertrockneten, morschen und inhaltslos gewordenen Formen zerschmolzen hätte und die b< freiten, hüllenlosen Seelen in das erfrischende, erquickende und stärkende Bad einer religiösen Erneuerung getaucht hätte. Noch ist der große religiöse Führer, der göttliche, neuzeitliche Prophet nicht leibhaftig vor ihnen erschienen, sie mit erhobener, vorwärts leuchtender Fackel auf lebendigen Wegen zum lebendigen < '■ o 11 zu führen! Und so gehen sie treu den alten Weg. Den tausendmal schwelen Weg. der keinen Inhalt hat und kein Ziel weist... Sie aber harren aus! Mit glanzlosen Blicken, mit verdursteten Herzen, mit ersterbender Kraft schleppen sie sich den Weg entlang, den einzig sie kennen. Und gehen in ihre Bethäuser und Tem|>el. versammeln sich in ihren Schulen und Synagogen und machen ihre Verbeugung vor <iotl und Unstern Gebete, die sie nicht begreifen, murmeln Worte, die sie nicht verstehen, viele hunderte, lausende, sehnt auaende Worte... Während sieh dieser Umschwung in meiner Auffassung vollzog, erhielt ich auch allmählich eine andere Anschauung der betrachteten Personen. Dali meine Brüder unter so erschwerenden Umständen aushielten denn die Leere der Inhaltslosigkeit wirkt auf die menschliche Seele verheerender, aushöhlender und tätlicher als alle Not, Feindschalt und sonstige Bitternis des Lebens da Ii sie aushielten, das allein war ja etwas Heldenhaftes! F's war das stille Heldentum der Treue, die unendliche Geduld der Anhänglichkeit, das war Gläubigkeit Ober Leben und Tod hinaus! Und allmählich immer mehr verwandelten sich diese mir zuerst verächtlich erschienenen Gesichter in Masken, worunter verborgenes Heldentum. Die äußere Erscheinung, das konventionelle Gehaben, der Beruf, die Kleidung, all das war wesenlos wie Asche, die eines Tages in ihr Nichts zusammensinken würde. Hinter diesen vielen Händlern, Kaufleuten, Standespersonen, reichen Geldleuten und armen Schluckern standen Hehlen, warteten Helden... Warteten auf das leuchtende Wort, das (de aus ihrer Bezauberung befreite und ihnen erlaubte, als das zu wirken, was sie in Wirklichkeil waren; ■luden, ein ganzes Volk von Prieslern, die Avantgarde, das erkoren«1 Volk, der Sturmtrupp (iottes in seinem Bingen um die Seelen der Menschheit... (iewill. ihren (lebeten fehlt es an Feurigkeit, ihren Worten vielleicht an gelfikllem Inhalt. Aber sie kommen, sie sind dal Im tiefsten Grunde dieser vertrockneten Seelen, dieser durch die zermalmende Gewalt des Lebenskampfes spießbürgerlich gewordenen Menschen glimmt noch immer der Funke, hält noch immer das Band, das sie au ihren (iott und an ihr Volk knüpft. Was bedeuten dagegen ilie Auslassungen über Lippendienst, über Mangel an Innerlichkeit, über Aeußerlichkeit der Gebetsverrichtungen, was bedeutet alle diese Kritik gegenüber der Tatsache religiöser Pflichterfüllung, religiösen Pflichtgefühls, das heute und noch immer unsere Tempel und Schulen mit Betern füllt. Und wenn ein Großteil von ihnen nur deshalb kommt, um von den anderen gesehen zu werden, wenn ein Teil kommt, weil dies das bürgerliche Ansehen eines soliden Ge schäftsmannes erfordert — so ist auch das gut. El ist gut, weil jüdisches Gesellschaftsleben es noch immer erfordert, dem Herrgott Reverenz zu beweisen, ,1a, noch dieser Mann, den ich einmal sah und beobachtete und verstand, dieser gutgekleidete, modern-denkende, sehr beschäftigte Beamte, der den Tempel betrat, darin kaum eine Minute verweilte und wieder fortlief, auch er stellt einen Werl dar. Er vermochte nicht, es sieh ganz zu versagen; er wollte, daß seine F'üüe den geweihten Boden wenigstens berührten, daß seine Aerinel die geheiligten Quadern des Tempelgebäudes wenigstens streiften... Wenn dies nun schon fast Aberglaube sein mag, oder gar psychopathischen Zwang bedeutet, es sind Kräfte, welche die übermächtige Gewalt religiöser Bindung bezeigen. Und noch «Ii' letzten Ladenjünglinge. diese unproblematisdien Bürschrhcn mit ihren sorglos-rosigen Puppengesichtern, die sich in den unteren Bei hen und Zwiscfaengängen drängen und da ihren Ulk treiben, auch Ii ihnen noch muß jener Funke verborgen sein, jener scheue Respek vor unverstandenem Höheren... In der Tat, wenn man den Gesichtewinkel nur um ein Wenig) ändert, wie ganz anders stehen diese Menschen da. Diese dunkl< verschwommene Masse, ist sie nicht wie schwelendes Holz, das nu eines Funkens bedarf, um zu dämmendem Feuer zu werden, um il Nu sich zu einer leuchtenden Lohe von ungeahnter Pracht und Gewa zu erheben? Lehen nicht, verborgen und uugekauiit. Kräfte in ihl Individuen und Heroen, die sieh eines Tages und bald zu Ihn eigentlichen strahlenden (irößc erheben werden? Heute noch ii alltäglichen Gewand irgendeines unscheinbaren Berufes, werden - vielleicht schon morgen sich zur letzten Konsequenz ihres Lebens e heben, um das zu werden, was sie in Wirklichkeit sind, narlnh der Kunke des göttlichen Wortes in sie gezündet hat. Denn jeder Beruf kann zur Berufung werden, wenn er in d< Dienst (iott«s gestellt wird, wenn er ausgeübt wird im Zusamtm hange mit der lichten, wcltciiordiicndcu Quelle der göttlichen A macht! Ja, so ist es! Wo immer ich hiublickc. in welches Gesicfal au immer ich schaue, welchen Jadentyp ich unter die Lupe nehme, st< vermag ich das geheimnisvolle Etwas zu erfinden, das den .lud. ausmacht, das mir seine erhabene Zukunft als .lüde verbürgt. Unter der Maske der Assimilation, hinter dein ausdruckslose* uniformen Gesicht der Mass«', im bärtigen Antlitz des fanatisiei h