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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1931-07-03 · 27 (3.7.1931) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
7 (1931)
Issue
27 (3.7.1931)
Date
1931-07-03
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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Seit« 2 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG Nummer 27 4. Die republikanische Regierang hat mit besonderer Befriedigung von dem spanischen Empfinden der lephardiMhen .luden Kenntnis genommen; die spanische Regierang kann indessen keinerlei Versprechungen bezQgllch der Ermutigung einer jüdischen Massenrückwanderang nach Spanien oder der Schaffung eines neuen Nationalheims für die sepbardlsche Judenheil in Spanien machen, da dies auf Grund der Ökonomischen Laue des Landes unmöglich ist. 5. Die Regierung, die keinerlei religiöse Färbung hat, ist daran interessiert, daß die spanischen .luden ihre Verbundenheit mit Spanien mit Hilfe der spanischen Sprache und der spanischen Kultur aufrechterhalten; zu diesem Zwecke werden hier (in Kairo) eigene Klassen zum Unterricht in der spanischen Sprache und Kultur eröffnet werden, ferner wird eine eigene Zeitung in der von den sephardischen .luden noch immer gesprochenen castilianisehen Sprache herausgegeben werden." Hin Brief des Berliner spanischen Botschafters Die Jüdische Telegraphenagentur hat an den Botschafter der spanischen Republik ii: Berlin. Excellenz Americo Castro, die Anfrage gerichtet, ob die spanische Regierung nicht beabsichtige, eine Erklärung zu veröffentlichen, in der das .ludenaustreihungsdekret von 14!>_' formell widerrufen wird. Diese Anfrage hat Botschafter Castro in einem Schreiben an den Direktor der Jüdischen Telegraphenagentur, Herrn Jacob Landau, beantwortet, in dein es u. a. heißt: Durch die gegenwärtig besonders betonten ernsthaften Bemühungen des jüdischen Stammes, innigere Beziehungen zum spanisenen Volk herzustellen, erübrigt sich eigentlich die Notwendigkeit einer speziellen Erklärung seitens der Regierung der Republik. Trotzdem freut sich der Vertreter der spanischen Regierung in Berlin, der jüdischen Presse gegenüber erklären zu können, daß einer von Angehörigen der jüdischen Rasse gewünschten Einwanderung nach Spanien keinerlei gesetzliche, moralische oder soziale Hindernisse im Wege stehen. Ks hat in Spanien immer Juden gegeben, wenn auch — im Hinblick auf viele Vorurteile, die sich im Laufe von Jahrhunderten angesammelt hatten — in verhältnismäßig geringer Anzahl. Heutzutage aber hat Spanien, und vor allem das republikanische Spanien, diese Einstellung früherer Zeiten aufgegeben. Die bloße religiöse Toleranz, die durch die Verfassung von 1N"(> gewährt wurde, ist nunmehr in religiöse Freiheit, durch die alle gesetzlichen Hindernisse beseitigt wurden, umgewandelt worden. Das Edikt von 14!r2 existiert seit der Revolution von 1 H(!8 faktisch nicht mehr: doch kann nicht in Abrede gestellt werden, daß Spanien in den Augen der öffentlichen Meinung Europas als ein Land mit einseitig exklusiver Religion gegolten hat. Diesem Stand der Dinge hat die spanische Republik ein Ende bereitet. Von den Augenblick an, in dem der Staat sich als Gemeinwesen von „Laien" proklamierte und erklärte, daß der Katholizismus nicht länger die offizielle Religion Spaniens sei, war es klar, daß die Juden die Berechtigung erhalten hatten, ihre religiösen Bräuche unter allen erforderlichen Garantien und ebenso öffentlich wie in jedem anderen freien Lande auszuüben. Altgesellen von den entschiedenen Proklamationen, die bezüglich der religiösen Freiheit erlassen wurden, müssen sich die Angehörigen der jüdischen Rasse in der ganzen Welt und ganz besonders die Sepharoim. die spanischer Abstammung und Zunge sind, vor Augen halten, daß die spanische Regierung aus Männern zusammengesetzt ist. die die historischen Probleme Spaniens sorgfältig, mit Gefühl und Verständnis, studiert haben, und daß die Republik dank der Teilnahme und Kooperation der kultiviertesten EHnenle des Landes sur Macht gelangt ist. Unter diesen Verhältnissen wird heute zugegeben, daß das Fehlen der Juden i m L | n d e ein u n e r m e ß - lieber Verlust war. Wir haben unseren Aharhaml und unseren Baruch Spinoza verloren, und vor allein waren wir des Ferments intellektueller Beweglichkeit und „wissenschaftlicher Modernität" beraubt. — in einein bewundernswerten Brief, den ein spanischer Rabbi aus dem Exil au Philipp 11. gerichtet hat, heißt es, daß „viele Gebete für Spanien zum Himmel emporsteigen". — Die modernen ideale und die moderne Kultur sind die Frucht verschiedener einander entgegengesetzter Bewegungen, die seit der Renaissance die Gedankenwelt Kuropas beschäftigt und geteilt haben. Obwohl sich in Spanien auf der Grundlage des Katholizismus Kunst und Wissenschaft zur höchsten Blüte entwickelt haben, vermißt man dort die bewundernswerte soziale Aktivität des Protestantismus und das kritische und erneuernde jüdische Ferment, dein Kuropa für so viele große und edle geistige Leistungen zu Dank verpflichtet ist. Die spanische Republik sagt ihren Juden: Willkommen in Eurem Heimatland, im Lande Pedro Alfonsos, Maimonides', Sem Tobs, Fernando de Rojas* und vieler anderer, die bis zum Jahre 1402 einen integrierenden Teil des geistigen Erbes von Sepharad gebildet haben Der Magistrat von Toledo will den Juden ihre antiken Synagogen zurückgeben Der sozialistische Bürgermeister von Toledo, Ballester, ein bekannter Vorkämpfer der Republik, bat an die jüdische Gemeinde von Saloniki und an die Vereinigung sephardischer Juden in Amerika und Jerusalem ein Schreiben gerichtet, in dem er erklärt, er werde sich freuen, in seiner Stadt die Nachkommen ihrer einstmals vertriebenen besten Bürger begrüßen zu dürfen. Die Rotschaft trägt offiziellen Charakter und besi.gt ferner, daß der Magistrat von Toledo den rflekkehrenden Juden selbstverständlich die alten Synagogen („Del Transite" und „La Bianca") zurückgeben werde. Ebenso wolle man ihnen das gesamte Gebiet des ehemaligen jüdischen Viertels für Ausgrabungen und zur Ansiedlung zur Verfügung stellen. Schließlich verspricht Ballester, daß er selbst und alle seine Freunde den rück kehrenden Juden jederzeit gern mit Rat und Tat zur Seite Stehen werden. Es sind bereits Antworten auf diese Botschaft eingegangen, die von der Bewegung zeugen, welche sie unter den sephardisclieu Juden ausgelöst hat. Bürgermeister Ballester hat sie der Tagespresse zu: Veröffentlichung übergeben und diese knüpft an sie ausführliche Be trachtungen über die Perspektiven, die sich bei der Rückkehr de Juden nach Spanien eröffnen. „Republica" schreibt z. B.: „Für Spa nien wird es ein glücklicher Augenblick sein, wenn die Sepharditei zurückkehren. Sie mögen zu uns kommen und vor allen Dingen nacl Toledo, der Wiege ihrer Rasse und ihrer ruhmreichen Geschieht« Nach Toledo, wo ihnen ein Stadtteil gehört, in dem jeder Stein ein jüdische Legende ist, eine liebe Erinnerung au Jenes arbeitsame im kraftvolle Volk, das unserer Nation zu Ehre und Achtung verhelfe: wird, je inniger wir uns mit ihm verknüpfen." Freiherr v. Stein und die Juden Von Max Hof m a n n. Der 100. Todestag des Freiherm v. Stein (verstorben 29.6.1881) ruft das Gedenken an die preußische Reformzeit wach, die den unter den Schlägen Na|Hileons zusammengebrochenen Staat in fast unglaublich kurzer Zeit wiederherstellte und seinen Bürgern Rechte verschaffte, wie sie damals in Deutschland unerhört waren. Auch die Juden werden sich gen jener Jahre erinnern, die ihnen als Frucht der veränderten Staatsans'-hauungen im Judenedikt vom 11.8.1812 fast ohne Kampf das Bürgerrecht bescherten. Das Gesetz ist das Werk des Staatskanzlers Grafen Hardenberg: Stein ist niemals mit ihm einverstanden gewesen. Alter die innere Logik der Reform erzwang die Emanzipation auch gegen den Willen einzelner ihrer Vertreter. Charakteristisch für den Reichsfreiherrn ist es, daß er sich 1815 weigerte, in der unter seiner Mitwirkung wiederhergestellten Frei« Stadt Frankfurt irgend etwas für den Schutz der Bürgerrechte / tun, die die Juden dort seit 1809 rechtsgültig besaßen. Man könnl diese Haltung vielleicht damit beschönigen, daß ihn ein SOlchi Schritt in Konflikt mit seiner Stellung als russischer Staatsrat bril gen mußte, die für ihn das einzige Mittel war, amtlich zu wirke da die Deutschen Staaten, denn Befreiung ohne ihn garnicht / stände gekommen wäre, von ihm nichts wissen wollten. Wer all« dings die Gleichgültigkeit des großen Staatsmannes gegen die ifa persönlich treffenden Folgen seiner Handlungen kennt, wird dies Erklärung nicht so leicht annehmen. Wenn man nun vollends lie wie leicht Stein bei ihm unsympathischen Politikern mit dem Voi wurf bei der Hand ist, der Betreffende sei von jüdischen Wucherei

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