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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1931-06-19 · 25 (19.6.1931) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
7 (1931)
Issue
25 (19.6.1931)
Date
1931-06-19
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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ßemeitiö cblatt DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG AMTLICHES NACH RICHTEN BLATT DER GEMEINDEVERWALTUNG! I)a§ (lemelndeblatt erscheint Jeden Preltag und wird den Mitgliedern der Kellgtonsgenielnde unentgeltlich durch dir Post zugestellt — Schrlftleltung: Gemeinde rabblnor Gustav Cohn, Leipzig, LohratraBc 10 NUMMER 2$ / JAHRGANG 7 FREITAG 19« JUNI 1011 AnzelRrnvrritultiing und Druck: Budldrudiiril August Pries, Ulpztg, Brudcrslr. 59 - Frrnruf 700 06 - Postscheck Leipzig 53920 - Nachdruck nur mit Quellenangabe und mit Genehmigung des Verfassers gestattet Mensch und Boden Gedanken zur Soziologie des Großstadtjuden Von Kahhiner Dr. Leo Hacek. Das 1!). Jahrhundert hat für die .luden Kuropas und vor allein Deutschlands eine wesentliche Aenderung ihres Lohcnsumkreises gebracht. Iiis dahin war die kleine Stadt ihr Daseinsbozirk gewesen und mit ihr eine Nachbarschaft des Ackers, der Wiese und des Waldes. Wenn auch die unmittelbare Besiehung zum Erdboden seit lahrhunderten, auch schon in Palistina, für sie zumeist aufgehört hatte, so war doch die eigentliche Trennung von dem Boden, von dem, was er den Sinnen, dem gansen Empfinden und Denken gibt, nicht eingetreten. Kr blieb im Lehensbezirk des .luden. Im tu. Jahrhundert begann alles das sich zu ändern. Die wirtschaftliche Umwandlung und die politischen Veränderungen führten len .luden besonders Deutschlands in die grofie Stadt hinein, in diese :rolle Stadt, welche zudem von Jahrzehnt zu Jahrzehnt sich mehr loch dehnte und immer weiter den Menschen unischloli. Die Juden in leutschland sind heule schon zu einem wesentlichen Teile Grofistadtnenschen. Und das bedeutet, dall ein Ursprünglichstes und Unmittelbarstes alles Daseins und aller Natur ihnen mehr und mehr in die Perne gerückt ist. Sie leben auf dein Boden der grollen Stadt, der nders als der Boden der Natur ein künstlicher, erst hergestellter ist. ■»je leben nicht mehr in der Welt der Natur und auch nicht in ihrer \achbaischaft. Sie besuchen gleichsam immer nur für gelegentliche, .urze und vorübergehende Zeiten die Natur, und selbst bei diesen eltonen Wegen zu ihr sind sie von einer Atmosphäre der grollen ladt begleitet. Damit vollzieht sich nur zu leicht eine psychologische Wandlung, •äs Ursprüngliche, Unmittelbare und Natürliche kann dein Menschen "rloren gehen. Alles, was ihn umgibt, ist ein Aufgebautes und llerestelltes. Kr erfährt nicht oder nur oberflächlich und selten davon, all es ein Wachsen, ein Werden und Entstehen gibt. Der grolle hytlniius der Welt tritt nicht mehr an ihn heran. Kr hat nicht mehr as grolle Erlebnis von Erde und Himmel. Zwischen ihm und der nie ist die Stralie der Stallt, über die er hineilt. Zwischen ihm und "in Himmel sind die sich dehnenden Dächer mit ihren endlosen einen. Kr erfährt nicht mehr den Horizont, in welchem Himmel und rde sich zu berühren scheinen. Auch das grolle Krlebnis des wordenen Morgens und des hereinbrechenden Abends hat er nicht mehr, n der Fülle des künstlichen Lichtes, das von überall her, durch inner neue Technik immer blendender und fast aufreizend, sein uge trifft, entschwindet für ihn das Kommen und (leben des natiirehen Lichtes. Kr bat nicht mehr das grolle Krlebnis der Finsternis, les ernsten dunklen Schweigens, des Friedens der herniedersteigenden Nacht, und er hat nicht mehr die grolle Erfahrung der auf- und niederziehenden Sonne, die am Himmel vor seinem Auge ihre Bahn gebt. So sind die eigentlichsten, tiefsten Krlelmisse, welche die Natur schenkt, dem Qrofiatidtor vorenthalten. Das alles wirkt in das Empfinden und Sinnen hinein. Da der Mensch in der Qrofistadt mehr das Fertige als das Wachsende, mehr das Hingestellte als das Werdende sieht, so wendet sich auch sein Denken dein Fertigen, dein Hingestellten zu. Kr hat fertige Urteile, abgeschlossene Meinungen, endgültige Ansichten über alles und jedes. Das Geheimnis und das Hätsel hören auf, aus den Tiefen und Hintergründen zu ihm zu sprechen, das Bedeutsame, das Symbolische verliert für ihn Rede und Sinn. Kr wird der blofie Rationalist, der lntellektualist, der überall nur Krreichles und Erreichbares sieht. Damit verkümmert auch leicht dem Qefühl mehr und mehr die Verbindung mit seiner bleibenden Wurzel, mit dem Ursprünglichen des Lebens. An die Stelle des natürlichen Empfindens tritt die künstliche Bewegtheit, die Eile der Verdrossenheit und des Vergnügens, an die Stelle der Freude tritt die Abwechslung oder die Erregung mit ihrem immer wandelnden Programm, an den Platz des verstehenden Humors tritt der über alles abfällig sprechende Witz. Und für den Juden gilt das vielleicht noch mehr als für viele andere, da ihm das Krbe einer (ieistigkeit von den Jahrhunderten her mitgegeben ist; sie kann nun zum bloiien Rationalismus und Intellektualismus weiden. In den früheren Generationen halte die Keligiou davor schon bewahrt, sie hatte alles Empfinden und Denken immer zu dem Urquell hingeleitel Und hatte den Willen über alles bloli Nützliche und Verstandesniäliige hinausgeführt. Mit dem Schwinden der Religiosität entschwand auch dieses Gebende, dieses Helfende und Verhütende, und das Oberfläc hliche begann zu herrschen. Wenn diese Gefahr erkannt ist, dann ist auch ein wichtiger Weg der Heilung und Befreiung gewiesen. Ks ist der Weg zum Boden zurück, zu seinem Urtümlichen und Ursprünglichen, zu alledem, was Erde und Himmel in ihrer Ursprünglichkeit, die Erde, auf der der Mensch stellt, und der Himmel, zu dem er erporblickt. seinem Leben und seinem Wi ge gewähren. Wir wissen es, dall es nur für wenige unter uns. nur für Vereinzelle möglich sein wird, diesen Weg zu suchen und diesen Platz sich zu bereiten. Aber das. was diese wenigen tun und wozu wir alle ihnen helfen sollen, wird mehr und mehr für die Gesamtheit eine Bedeutung gewinnen. In denen, welche nicht selbst sich zu der Verbindung mit dem Acker hinwenden können, wird nun die Teilnahme un ihm wiedergeweckt. Die, welche selbst zu

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