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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1931-06-12 · 24 (12.6.1931) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
7 (1931)
Issue
24 (12.6.1931)
Date
1931-06-12
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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$ emetal) cblatt DER ISRAELITISCHEN RELIGION SGEMErlN DE- ZU LEIPZIG AMTLICHES NACH RICHTEN BLATT DER GEMEINDEVERWALTUNG! Das Gemelndeblatt erscheint Jeden Freitag und wird dm Mitgliedern der Kellglonsgemelnde unentgeltlich durch die Post zugestellt — Schrlftleltung: Gemelnderabbliier Guttlav Cohn, Leipzig, Löhrstraße 10 NUMMER 24/ JAHRGANG 7 FREITAG 12» JUNI 1011 Anzclgenverwaltung und Drink: Ruehdruckrrct August Pries, Leipzig, Brnderstr. St - Fernruf 70006 - l'ostsduik Leipzig 53920 - Nachdruck nur mit Quellenangabe und mit Genehmigung des Verfassers gestattet Letzte Zuflucht des Ghetto Das Prager jüdische Museum Von Dr. M a x m. Huppert, Prag, Frühlingssonne liegl über den) alten Judenfriedhof. Mitten im Verkehrs«iibel. begrenzt von engen, unfreundlichen (lassen, in deren finsteren Lüden sich Hausierer drängen und Trödler handeln, im Zentrum der ehemaligen Judenstadt, die eigentlich gewolltes, bewuUtes Ghetto nach wie vor besteht, wenn auch nicht in der früheren Ausschließlichkeit, liegt ein Stück Erde, besät mit Pausenden und Tausenden alter Grabsteine; hie und da ein Baum, I in hoher Zaun trennt den Friedhof von der Strafte. Es ist, als ob der Linn hall machen würde vor dem Tor. Nur von weitem dring! ein frecher Aulohupeuton, ein Glockenaelchen der Straßenbahn in ■ icses stille Land. Kreuz und <|uer gehen Wege, ragen Steine mit - gnenden Händen, dem Pricslcrzcichon, springenden Löwen, dem innbild Judas, Kannen, dem Symbol des Levitenstammcs, Steine, guns bedeckt von ehrwürdigen, uralten Buchstaben der nlttestamonrischen Schrift. Am Ende des alten Judenfriedhofs liegt ein niedriges, kleines 'bände, eine ehemalige Leichenhalle. Heule ist darin das jüdische Museum Prags untergebracht. Damit keine Mißverstand- »se entstehen: Nun würde jeder denken, es handele sich um ein iiseuni voller Glanz und Würde, vidier kostbarer Gegenstände, die mkbarer, traditionsreicher und stolser Gemeinschaftsgeist gespen- I hatte. Das Museum sieht anders aus. Vor der Aufgabe, ein jü- Bches Museum Hl errichten, müfite jeder, auch der größte Enthüll, der beste Fachmann und der grüßte Mäzen zurückschrecken, itweder das Museum wächst sich zu einem unbezwingbaren Kololt is, unerfafibar wie das Judentum In seinen tausend und abertaulld Splittern, oder aber und das ist «las wichtigere: es komnil ' M-rhaupt nicht zustande. Warum? Weil nirgends die Beziehung r Lebenden zu den Dingen von gestern und vorgestern so stark ■I aktuell ist, oder besser war, wie bei den .luden. An ton Kuh behauptet, bei den Juden Prags setze sich der ' Urahn mit den Nachkommen gemeinsam zum Mittagstisch hin. herlich ist für niemand mehr als für den Juden der Hausrat von i rgestern nicht nur traditionelles Andenken, sondern Gebrauchs-; Kenstand, ja Bedarfsgegenstand. Und dies«- Tatsache verhindert nalieh den Erwerb des notwendigen Museumsmaterials. So war es gestern. Nun aber steht der Gedanke des jüdischen Museums doch vor ■ r verluderten Situation, die seine Realisierung einfach kategoch fordert und den Appell au das Judentum richten muß, zur laffung eines Museumswerkes der Judeuschaft nach Pllichl und wissen beizutragen. Die jüngeren jüdischen Generationen haben I Irotl politischer Renaissance oder vielleicht gerade deshalb das Empfinden für die Tradition des Judentums in der Diaspora verloren. Das junge Judentum, soweit es vom Zionismus erfaßt worden ist, wendet sich so sehr dem Gedanken an Palastina zu. daß es fast absichtlich von der Tradition des Galuth abrückt, die Tradition vergiß! und den Jahrhunderte alten Gegenständen nicht mehr die notwendige Sorgfall Widmet. Die Gegenstände gehen zugrunde Nur weilige Dinge liegen in dem kleinen jüdischen Mu.-eum in Prag, in dem Museum einer der ältesten Judengemeinden. Ann. klein, fast schäbig sind die Zimmerchen, in denen Professor Lieben mit viel Eifer und wenig Geld Reste der jüdischen Tradition hinterlegt. Das Museum ist trauriger als der Friedhof. Was hier liegt, sollen die Beweise des viel berufenen jüdischen Gemeinschaftsgeistes sein? Mit dieser, durch gar nichts begründeten Wohlmeinung, mit dem schönen Märchen von der Kraft der Einheil des Judentums räumt nicht luletxt dieses Museum auf. Gemeinschaftsgeist müßte sich bemühen, die Zeugen einer ereignisreichen, einer todtraurigen Vergangenheit, einer Vergangenheil voll des Triumphes des Glaubens über Hunger und Not, mit Ehrfurcht zu sammeln. Wieviel Itlul und Sorge und Tränen hängen au diesen wenigen, weder im Material noch in der Arbeit kostbaren Sachen des täglichen Gebrauch» der Altvorderen. In den Vitrinen des ersten Raumes liegen Dokumente. So z. It. das Privilegium der ersten, von einem Juden geführten und gegründeten Apotheke. Inhaber war die Familie Jeiteles. Und der erste medizinae Doktor jüdischen Glaubens der Prager Universität ist der aus dieser Familie stammende Jona Jeiteles. Ks gibt lauge und unkontrollierbare Geschichten über die Schwierigkeiten, die mau der Promotion des ersten jüdischen Doktors im Jahre 1770 entgegensetzte. Die Bewilligung zur Gründung der Apotheke ist gezeichnet von Josef II. und Leopold us Com es Colowrat. Im gleichen Zeitabschnitt erschien in Itasei ein hebräisch lateinisches Lehrbuch der Mathematik und Geometrie, verfal.it von dem Spaniolen Avrohom ben Rebbechiu II a s v e r. Bin Exemplar des Werkes liegt im Museum. Von Itezalel Low. dem Hohen Rabbi, der legendenumsponnenen Prager Gestalt, liegen z«ei Bücher Vor: eine philosophische Abhandlung und ein Kommentar zu Raschi. Meide sind in hebräischer Sprache gedruckt von der Prager jüdischen Buchdruckerfamilie der Gersoniden, die um 1">12 schon nachweisbar in Prag lebten und arbeiteten. In alten Schriften kommen diese Buchdrucker auch unter dem Namen K a t z vor. Hei dieser Gelegenheit soll darauf hingewiesen werden, daß der

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