Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 7 (1931)
- Issue
- 23 (5.6.1931)
- Date
- 1931-06-05
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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ßemeinö cbktt DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG AMTLICHES NACH RICHTEN BLATT DER GEMEINDEVERWALTUNG! Das Grmclndeblatt erscheint |edrn Freitag und wird den Mitgliedern der Kcllglonsgeniclnde unentgeltlich durch die Pott zugestellt - Schrlftleltung: Gcmelnderabblner Gustav Cohn, Leipzig, Löhrstrafie 10 NUMMER 21 / JAHRCAN6 7 FREITA6 S.JUNI 1911 Anzelgcnvcrwaltung und Druck: Buchdruckeret August Pries. Leipzig, BrQdrrstr. SS - Fernruf 70006 - Postscheck Leipzig 53t 20 — Nachdruck nur mit Quellenangabe und mit Genehmigung des Verfassers gestattet Die jüdische Frau als Dichterin und Denkerin Vun Doris VV i 11 n e r. Das grölile Gedicht des deutschen Volkes, Goethes „Kaust", gipfelt in einer Apotheose des Weihes. Durch alle Poesien und Literaturen des Menschengeschlechts gleitet die Sil-! ouette der Frau. Bald zart und lieblich von Umritt, bald heroisch \i>n (iestalt und (iehärde. Keine Kultur, keine Kunst, kein Kortschritt ist denkbar ohne den KiulluM und die weittragende Wirkung der Krau. Aber es war von altersher eigentlich die Anregung, die von ihr als StolT. deutlicher getagt, von ihr als Objekt ausstrahlte. Sie wirkte gewissermaßen ohne eigenes Zutun, ohne aus dein Stande d r Passivität herauszutreten. Meist war es der Mann, der als selbstherrlicher Schöpfer sich die Vorstellung des Weihes schuf, die je- » eilig seiner Phantasie vorschweben mochte. Danehen sehen wir die Krau aher auch als aktive Kulturträgerin durch alle Entwicklungen der Menschheit schreiten. Heizvoll ist es, e zu beobachten, wo sie selbständig dichtet und denkt, wo sie selbst latkeinie säet in die Ackerfurche der Zukunft. Schmalspurig läuft d e Entwicklungsbahn des dichtenden und denkenden Weihes in der i "schichte des Menschengeschlechtes, aher die Spur verliert sich i emals; unerwartet und unvermutet oft grülSt ihr stiller (ilanz an I Uhrlichen Kurven des Weltgeschicks. Von Sappho, der griechi- .- ben Singerin, über die gelehrte Nonne Koswithn von Ganders- I im bis zu Madame Curie, der unerschrockenen französischen Korl nenn, die im Reiche methodischen Denkens kühne Pionierarbeit I t. läUt sich die Kährte kleiner, zierlicher und doch rüstig vorwärtsb breitender FrauenlQfie verfolgen, Wohl waren die Krauen, die der Welt ihre eigenen (iesichte B henkten, selten. Aber immerhin — sie waren. Sie waren in I dlas, wo ihnen eigentlich nur gestaltet ward, von Gnaden ihres I 'schlechtes zu wirken und wo der Spötter Aristophanes ihren Kbrl iz, mehr sein und bedeuten zu wollen, ebenso wie die Schwäche I nes Staates, der diesem Ehrgeil Hauin verstattete, in seinen erbarii iingsloscn „Kkklesiazusen" mit attischem Witz gedielte; — sie v iren, obwohl nach der Ablösung des Heidentums durch das Apo- II 'Mann das Dogma der Kirche aller morgeulündischen Konfessionen •■ iulier taceat in ecclesia", „Ks schweige das Weil) in der Kirche" (t nd nicht nur in der Kirche) seihst im Abendlande zu ungeahntem 1 iumph gelaugt war, trotzdem als Aufrührerinnen von Geblüt vorli nden im finsteren, wissensfeindlichen Mittelalter, wo sie in die I' reuen Kutten gelehrter Nonnen schlüpften; — sie waren auf ihrem I' dz in der Zeit der humanistischen Wiedergeburt, wo sie an schön- - stigen Höfen die Künste und edlen Wissenschaften förderten und * bat übten; — sie waren zu Hause in der Welt der „talons rouges". » unter ihren blitzenden Augen und klugen Worten die Knzyklolie geboren und den Menschenrechten der erste Lehensodein geenk1 ward. Als Krondeusen griffen sie in die politischen Geschicke Staates ein; — als kritische Denkerinneu wurden sie gefürchtet I verfolgt von dem korsischen Imperator: als weltfreudige „feinmes lettres", oftmals verspottet als „precieuses ridicules", schichteten mehr Mörtel und Lehm zum Hau der Zukunft als mancher der \>- ■ Sf '] d. ui d, griesgrämigen Positivisten ihrer Epoche. Die Aufklärung reifte in den lieblichsten, bestkoiflierten Köpfen der Zeit, und die Voltaire, Montesquieu, d'Alembert, Diderot, Qallani wurden von ihren ebenso denkwie liebesfreudigen Freundinnen mit Hat und Tat unterstützt, wenn es galt, die geistigen (Uder der Menschheit zu mehren. Während die Masse des weiblichen Geschlechtes konservativ, d. h. bewahrend und widerstrebend gegen Neuerungen ist, steckt in der denkenden wie der dichtenden Krau immer die Kraft der Empörung. Im Gedanken wohnt der Zweifel, der an bestehenden Werten rüttelt, und in der Phantasie die Eingebung, die neue, bisher UngeJ kannte Vorstellungen erschafft. Also sind beide Mächte im Frauenhirn revolutionärer Natur. liier ist es nun von Interesse, festzustellen, dal.) von jeher Jüd innen sich mit Eifer und Glut jeder Bewegung verschrieben haben, die neue Richtlinien, neue Menschheitsgedanken. bisweilen auch nur die sülien Gesänge des eigenen Blutes kundtaten. Schon in der Bibel begegnen wir der Richter in De bor ah. die ihrem Volke zu gebieten und es mit der Macht ihres Wortes zu zügeln verstand. Auch 'I'Ii a m a r . Davids Tochter, fand für den ihr angetanen Schimpf Gesänge der Nacht und des Leides, wie sie nur der Hrust einer gottbegnadeten Dichterin zu entströmen vermögen. Wohingegen Abi sag von Sunem die ihr noch unbewußten holden Triebe des Kindweibes in Lieder zu giellen vermochte, die ihren Zauber in Palästen und Hütten verbreiteten. Als das kirchliche Dogma, das die Krauen aller orientalischen Bekenntnisse, gleichviel ob Christentum. Judentum oder Islam, zum Schweigen verurteilte, im Verlauf der Jahrtausende gesprengt wurde durch die Macht des Geistes und den Willen zu freier, geistiger Betltigung, der seihst die stärksten Fesseln irdisch-überirdischer Gewalten zerbrach, wurde es luftiger und luftiger im Weltenall. l ud unter den gläubigen Katholikinnen, Jüdinnen, Türkinnen, ja Inderinnen. Chinesinnen und Japanerinnen, ganz zu schweigen von den freien Bürgerinnen jeglicher Konfession Frankreichs, Deutschlands, Knglands, Amerikas, sowie den Revolutionirinnen der Sowjetunion, die nunmehr der Druckerschwärze gaben, was der Druckerschwärze ist. schritten die Jüdinnen all Mittlerinnen d e s G e i s t e s w a c k e r v o r a n. Aller Gebiete des Wissens, der Leistung und der Phantasie bemächtigten sie sich mit der ihnen eingeborenen Dynamik des Willens und der revolutionären Prophetie ihres Stammes. Tut es not, jüdische Frauennamen zu nennen, deren viele eingegangen sind in das Pantheon der Geschichte'.' Will oder kann mau jemals vergessen. daU in der Periode der H o Iii antik, eine der blühendsten geistigen Kpochen Deutschlands, größtenteils jüdische Krauen es waren, die — kurz nach der Kmanzipation der Juden — den deutschen Geist in der Well zu Khre und Ansehen brachten? Und heutzutage? Auf rein literarischem Gebiet haben wir unter uns erleid und erleben wir gliiekhaft zum Teil noch beute Dichte-