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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1931-05-15 · 20 (15.5.1931) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
7 (1931)
Issue
20 (15.5.1931)
Date
1931-05-15
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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(Semeinö cblottr OER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZV LEIPZIG AMTLICHES NACH RICHTEN BLATT DER GEMEINDEVERWALTUNG! Das Gemclndcblatt erscheint (edcn Freitag und wird den Mitgliedern der Kellgionsgcmrlnde unentgeltlich .Kirch die Post zugestellt - Schriftleitung: (iemelnderabblner Gustav Cohn, Leipzig, Lohrstrafic 10 Anzrlgrnvrrwaltung und Druck: Budidrudccrel August Pries, Leipzig, BrQdrrstr. 50 - Fernrul 70008 - Postscheck Leipzig 53920 - Nachdruck nur mit Quellenangabe und mit Genehmigung des Verfassers gestattet Der jüdische Witz Von Dr. Hugo Spiegier. Himer wieder ist das Problem des jüdisc hen Wilzes lebendig, der viel gescholten ist, wie Helena, aber <ils literarische Erscheinung nicht übersehen werden kann. Zunächst1 muß das Fehl der Untersuchung abgesteckt werden. Der aus dem Gemüt quellende Humor, der das jüdische Leben nicht weniger vergolde! als das allgemeine Weltgetriebe, bedarf keines Verteidigers, denn ihn greift niemand an. Die Abwehr richtet lieh nur gegen jenen Witt, der sein Objekt nicht poetisch verklärt, Mindern literarisch hinrichtet, gegen jenes Lachen, das nicht fröhliche Zustimmung bedeutet, sondern eine Grimasse des Hasses und der Verachtung ist kurz gesagt gegen die jüdische Satire. Kine Satire verdeutlich! als schlecht oder häßlich erkannte Eigenheiten eines Kinzclwcsons oder einer typischen Gemeinschaft ins Groteske, so daß besagte Einzelheit karikaturenhaft die anderen Wesenszüge der mit ihr Behalteten überragt und auch eleu mit weniger le inen Sinnen Ausgestatteten, als sie der Satiriker besitzen muß, das Abnorme des aufs Korn genommenen Objekt! darlegt. Kine gute Karikatur wirkt nun immer lachhaft, und es ist daher il. Frage, ob ihr Autor es bloß auf diese ästhetische Wirkung abgesehen hat, ob es ihm lediglich darum zu tun ist, mit jemandem seinen Spott — Spott als Selbstsweck — zu treiben, oder nie er in weiterer Folge sittliche Ziele verfolgt: durch die Krkenntnis einer Abnormität ihre Angleichuug au die ideale Norm II zubahnen, also Uebclslände zu beseitigen und Personen oder typische Gemeinschaltea von Eigenheiten zu befreien, die sieh stören d zwischen sieti n d cl i e ii b r i g e Gesellt C h a f t stellen. Dieses sittliche Moment wird man wcdil in erster Linie jener S;i ire zubilligen dürfen, bei der Subjekt und Objekt identisch sind: '!< S e I b s I p e r s i f I a g e. Denn deren Voraussetzung isl die Sc I b st e r k e u u t n i s. Und ist Erkenntnis eines Hebels die Vorst! le seiner Ueberwindung, so hüll Selbsterkenntnis schon viel weiter: nV ist bereits die Folge der Ueberwindung, Indem sich jemand über W eigenes Ich lusligniacht, projiziert er das komisch Wirkende 'Ii' es Ichs nach außen. Ks isl seinem Wesen nicht mehr immanent, W vird es, sobald er nur will, ganz abstreifen. Die jüdische Sclbstpersiflagc war und ist vielleicht noch heute 4s notwendige Hiutungsprosefi cles Qhettomenschen, seine innere 1-n amdpatlon von einer unwürdigen Vergangenheit. Es ist daher ein Irrtum, wenn der Antisemitismus glaubt.;|u cler jüdischen Selbst|>ersiflage Kapital für sich schlagen zu kftiinon. Nur betrogene Betrüget können, auf eine von Juden geschaffene Karikatur ihrer selbst hinweisend, rufen: „Seht her, so ist der Jude!" nichtiges ]>sychologist'hes Erfassen des künstlerischen Schöpfungsvorgangs müßte vielmehr zu der bewundernden Erkenntnis kommen: „Seht her, so überwindet der Jude das, was unserer Verblendung bisher jüdische Uasseneigenheit schien!" Doch das befreiende Lachen, das die Luft eines Kulturruynus von sittlichen und ästhetischen Miasmen reinigt, hat einen widerlichen Doppelgänger: Das grinsende Behagen an den verpestenden Miasmen selbst. Der Spaßmacher, cler diesem traurigen Behagen dient, verjagt keine Krankheitskeime, sondern jagt ihnen nach, um sie festzuhalten. Dieser Klown ist kein Pionier cler Sittlichkeit, sondern ein Nutznießer cler Unsiltlichkeit. lieber seine Gefährlichsten ist kein Wort zu verlieren. Weniger deutlich, aber darum nicht minder groß, isl der Schaden, den ein ästhetisches Hochstapler tum anrichtet, das blofi formellen Erfolgen nachjagt, ohne einen tieferen Kern ins Auge zu fassen. Diese Sorte literarischer Snobs arbeitet nach der Schablone: „Immer, wo liegriffe fehlen, dort stellt ein — Jargonwort zur rechten Zeit sich ein." Ich habe einmal einen als sehr bedeutend anerkannten Wiener Kritiker, der jetzt in Herlin lebt, über die .lessnersche Inszenierung Richard III. reden gehört. Mitten in dem gepflegten Uteratendeulsch erscholl auf einmal die Antithese ,.Shakes|>eare und Chuzpe". Warum „Chuzpe"? Das Wort „Ueberhebung" hätte dem Sinne nach dieselbe Bedeutung gehabt. Doch die ganz unerwartete .)argonreinini>zenz bewirkte eine behagliche Kntspannung des Ernstes, mit .h in >ic h die Zuhörer einem ernsten künstlerischen Problem gegenüber naturgemäß eingestellt hatten; ein Schmunzeln ging durch eleu Saal, und der Redner verzeichnete o Ii n e besonderen Aufwand an Geist einen Heiterkeitscrfolg. In dieser Leichtigkeit des Erfolgs liegt die gefährliche Versuchung zum Rückfall in atavistische Entstellungen deutschen Sprachgutes, Kin Auditorium, das dazu angehalten wird, auf den bloßen Klang jüdischen Tonfalls mit Heiterkeit zu reagieren, muß naturgemäß alles Jüdische als etwas an sich Lächerliches empfinden. Ein solcher „Kunstgenuß" erzieht also das christliche Publikum zum Antisemitismus und bewirk) im jüdischen eine R e n a i SS a n c e der Ghettopsychose, stall deren Ueberwindung. Dieser merkwürdigen Kunstflbung kann gar nicht energisch genug an den Leib gerückt werden. Sie hat mit wahrer Kunst nichts zu tun. Wer der Würdelosigkeit Vorschub leistet, schließt sich selbst aus der Gemeinschaft der Erlesenen aus, denen Schiller zurief: „Der Menschheit Würde ist in eure Hand gegeben, bewahret sie!"

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