Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 7 (1931)
- Issue
- 17 (24.4.1931)
- Date
- 1931-04-24
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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(Bemciuö cblatt DER ISRAELITISCHEN RELIGION SGEMErlN DE- ZU LEIPZIG AMTLICHES NACH RICHTEN BLATT DER GEMEINDEVERWALTUNG! Das Gcmelndeblatt erscheint |eden Freitag und wird den Mitgliedern der Kellglonsgcmelnde unentgeltlich durch die Post zugestellt — Schrtftlcltung: Gemelnderabblner Gustav Cohn, Leipzig, LohrstratSe 10 NUMMER 17 / JAHR6AN6 7 FREITAti 24» APRIL Anzelgenverwaltung und Druck: Buchdruckerei August Pries, Leipzig, Brüderstr. 59 - Fernruf 70006 - Postscheck Leipzig 53920 - Nachdruck nur mit Quellenangabe und mit Genehmigung des Verfassers gestattet Sephira und Lag Ba-Omer Von Benjamin Segel s. A. Wie wir vor kunem mitteilen muOten, ist der ungemein kenntnisreiche und vielseitig begabte Schriftatelier, den wir gerne au unseren ständigen Mitarbeitern zählten, einer hartnäckigen Krankheit erlegen, <lie ihn jahrelang peinigte, ohne seine Tatkraft zu IMunen. Der nachfolgende Aufsatz. dessen Veröffentlichung Wir schon vor dem Hinscheiden des Verfassers vorgesehen hatten, muH nun sugleich als eine ehrende Würdigung für den in die Bwigkeit Zurückgekehrten sprechen. Die Bchriftleitung. Dits Band zwischen der ersten am Pesaaeh beginnenden und nVr letalen mit Scbabuol endenden Getreideernte bilden die ngezüb IIcn fünfzig Tage". Die Zählung (Sephira) führte ein Späterer darauf zurück, daß den Israeliten in Ägypten verheißen wurde, sie würden in fünfzig Tagen nach dein Auszug die Thora eniplangen (angedeutet durch das Qberflüasige „nun" in der Verheifiung in Moses, Exod. 51, 12). Die Israeliten zählten nun die Tage, wie ein (ii'faiigener vor Ungeduld tun würde, wenn ihm der König verhieße, Ihn zu befreien, und ihm nach einer bestimmten Kr ist die Prinzessin zur Frau zu gehen. Dies Zählen wurde von den Pharisäern als Dell onatration gegen die Sadduzäer eingesetzt und hat sich im Verlaufe der Zeit zu einem sehr schönen, feierlichen Teil des Ahendgottesd enatea entwickelt. Zum ersten Male wird die Sephira bisweilen auch an der Tafel am zweiten Sederahend abgehalten. Die Kabbali - Bten balien in diesen goltesdieustlicheii Akt eine Unmenge heiliger Mysterien hineingeheimnisL In den Synagogen wurde die Omeriahl d r einzelnen Tage auf Täfelcheii an weithin lichtbarer Stelle angeb nebt: die Täfelchen waren bisweilen mit schönen Arahesken und Z erteilten geschmückt. Ks existierten auch kleine, schön ausge- I unückle Omcrtnfcln in Korni von Köllen für den Privatgebrauch. Im allen Israel war die Sephira-Zeit, als die eigentliche Krnte- K it. wie wir aus vielen Notizen in der Bibel wissen, eine Zeit des J bell und der fröhlichen (ieschäftigkeit. Heutzutage ist sie — und / ar mindestens schon seit den Jahren dos Bar-Kocliba-Aufstamles — e ie Trauerzeit. Die Trauer gibt sich vornehmlich darin kund, daß Ii n in dieser Zeit keine Hochzeiten hält (zum Unterschied von den I luertagen zwischen dem 17. Tamui und dem D, Ab, den sogenannte i „drei Wochen" und den „neun Tagen", au denen daneben auch k ii Fleisch genossen und kein Wein getrunken wird), ferner nicht i ladet und das Haar nicht geschoren werden soll. Die Trauer in der Sephira-Zeit wird unterbrochen am :!:t. Omern dem sogenannten Lag-Baomer, an den beiden Neumond- Ii n Ijar und Siwan. sowie an den drei Tagen vor Scbabuol: den 4i i ..I'mgrenzungslagen" (jeme hagbalah). während deren sich die •> teilten für die Offenbarung vorbereiten mußten. Ks ist leicht verständlich, daß in diesen Tagen die Trauer aufgehoben ist. Warum «I r gerade der 88. Omertag ( IS. .Ijar) von ihr ausgenommen wird, U unklar. Manche Krklärungen sind hierfür angeführt worden; am Ii; ifigsten die, welche mit der Knlstehuiig der Trauer z.usammenttS igt, da'i nämlich an diesem Tage das Sterben unter den Schülern us dii Akibas. das seit Pessar!) angedauert hatte, aufhörte. Aus dem Sagenhaften übersetzt heil.ll das. daß die Anhänger Rabbi Akibas. die unter Bar-Kochba gegen die Römer fochten, in den ersten Wochen nach Pesaaeh, als der Krieg am heftigsten wütete, massenhaft hingemordet wurden. Vielleicht wählte der Volksglaube gerade den 81!. Omertag, weil am nächsten Tag das Perus baAsereth begann, nämlich der halbe Monat vor Schabuot, in welchem, wie in dem halben Monat vor den beiden anderen Kesten, die Opl'erkasse geleert wurde, was eine gewisse Keierlicbkeit bedingte (Schekaliin :*. t). Die Kunde, daß die Schüler Rabbi Akibas zwischen Pessach und Schabuoth von einer epidemischen Krankheit, deren Name verschiedentlich bezeichnet wird, hingerafft wurden, Andel sich au verschiedenen Stellen des talmudlachen Schrifttums, wo die Zahl der Schüler einmal mit 12(100. ein andermal mit 12(HM) Paaren, das drittemal aber nur mit 800 angegeben wurde. Das beweist. da I I die Nachricht sehr spät nach dem Ereignis schriftlich fixiert wurde, wodurch sich auch erklärt, daß als Qrund dos grollen Sterbens seltsamerweise die Strafe des Himmels angegeben wird, weil sie einander nicht mit der nötigen Ehrerbietung begegneten. Das symbolisierte offenbar auf eine heute nicht mehr ganz verständliche Weise ihre politischen Zwiltigkeiten. So viel ist allerdings historische Wahrheit, daß Rabbi Akiba> Anhängerschaft in diesem Kriege aufgerieben wurde. Der Brauch, in der Sephira-Zeit nicht zu heiraten, dürfte in das biblische Altertum hinaufreichen. Doch geschah das nicht aus Trauer, sondern umgekehrt, weil mau viel zu sehr mit der freudvollen Arbeil der Getreideernte beschäftigt war. um für Familienfeste Zeit und Qeduld zu haben. Man vermied es. Lustbarkeiten verschiedener Art zu vermengen, wie das auch anderweitig der Talmud empfahl. Auch in anderen Ländern verschieben die Bauern Hochzeiten und ähnliche Koste bis nach der Ernte. Doch die .luden hörten immer mehr auf. ein ackerbautreibendes Volk zu sein, und ein unmittelbarer Anlaß zum Vermeiden von Hochzeiten während der Sephira lag nicht mehr vor. Dagegen bürgerte sich immer mehr die römische Sitte ein. im Monat Mai nicht zu heiraten, vielleicht wurde diese Sitte auch den ■luden aufgezwungen. Die Römer begingen nämlich in diesem Monat die Lemurien, ein Stthnefest für die Deister der Abgeschiedenen, die zu dieser Zeit auf Knien herumschwärmten und den Brautpaaren Schaden zufügen konnten. Ein schwaches Echo dieses Qlaubeni Andel man vielleicht in der Behauptung des It. .lochanan ben Nuri (Kdujoth II. 10), daß die Sünder in der Hölle zwischen Pessach und Schabuot gerichtet werden. Unter dem Kinlluü der römischen Herrschaft wird sich wohl die Kreudenzeit der Ernte in eine Trauerzeit verwandelt haben, und was man vordem aus Freude unterließ, unterließ man später aus Trauer. Debrigeni war die Zeit nach Pessach auch in späteren Jahrhunderten häufig eine Zeil der Trauer für die .luden, und die Krinnerung daran hallte noch lange nach. So die Metzelei während des erstell Kreuzzuges (1096); während des Schwarzen Todes (Mai. Juni, •luli 1848); die Trauer wegen der Vertreibung aus Spanien (April —