Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 7 (1931)
- Issue
- 14 (3.4.1931)
- Date
- 1931-04-03
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
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3, April IWH ÜEME1NDEBLATT DER ISRAEUTISCHKN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG Seile It Rund wiir so ganz anders, als der dicke braunglänsende Laib des eigenen Hrotea. Immer wieder konnte man sie anschauen, das eigenlUmliche fahle Weiß, hie und da leicht gelb getönt von der Flamme, die sahireichen „Grübchen" und daneben die blasigen Höcker der Iberfläche, welche man gern mit dem Pingerlein eindrückte, Man versuchte auch, sie tu /üblen oder zu inten, wie viel wohl ihrer seien. Herrlich war auch das krachende Geräusch, welches entstand, wenn man ein StOckchen, vorsichtig oder gewaltsam, abbrach, und das sich lann /.w ischen den malmenden Zahnen angenehm fortsetzte. Schmierte man Butter auf das Gebäck und obendrein noch Honig, so war es ein vollkommenes Fest. Dann knüpften sich Fragen daran. Betrachtungen, Gespräche mit len Eltern, dem Inspektor, den Leuten. So vieles wollte man w issen. Sinn uml Bedeutung ihrer Art. wie. warum und wo/u sie gefertigt wilden. Ein jeder u id.ile etwas tu eriählen. Die Wirtin kannte ver ichiedene Maszenrezepte, so Makronen, von Massen gebacken, desdeichen Klöße uml ein in Da nsig übliches Gebäck: Riemsei, Rimsel •der Chrimsel, aus Massenteig, mit Rosinen durchsetzt uml in Form iner Roulade susainmengerollt. In Graudens war eine andere \rl der Zubereitung gebräuchlich. Die Massen wurden gestotten, ein reig daraus gemacht, ..mit allem Guten versehen", nämlich Schmal/ (es mußte aber Gänseschmals sein), Eiern, Zucker. Rosinen und Manleln. je nach Wunsch und Börse, uml dann gebacken. Die Kundigen und Kenner mögen mir verzeihen und beachten, daß ich mir keinesfalls anmaßen möchte, hier etwas Neues. Selbsterforschtes zu bringen. Ich w ill nur aus I e h e nd i g e r E rinner u u 11 heraus e r z » b len, illerdings in der Erwägung, daß sich doch vielleicht etwas nur für i user Gebiet (Westpreußen) Charakteristisches darunter befindet. Vuch dürfte es kulturhistorisch interessieren, wie das jüdische l esnachfest, das nach allgemeinem Volksglauben Übrigens stets von schönstem, sonnigstem Wetter begünstig! ist. sich in einem andersgläubigen Hause auswirkt und besprochen wird. Eins unserer Mädchen halle aus ihrem Ort ein Spielliedchen initel,rächt. Ks lautete: ..Moritz will ein Zicklein schlachten. Schaleiuachei. scherum! Sarah muß die Massen backen, Schalemachei, scherum!" Beim Absingen ging mau paarweise auf und ab, sieh Ober Kreut mi den Händen haltend, die man heim Umkehren mit einem kräftigen Bücke „wechselte". Der liuck war äußerst beliebt, man konnte Ihn kaum erwarten. Von meinem Vater aber, dessen Studien ihn ja xu allen Kuli Gebräuchen und daher auch su den Speiseriten besonderer Feste hinführten, emflng ich eine richtige kleine Vorlesung. Ich vernahm, daß Massen: „Süßigkeiten" oder „Zusammengedrücktes" bedeute! und daß das „Freudenfest der ungesäuerten Brote" der Erinnerung gelte au die Erlösung Israels aus ägyptischer Fron. Der ursprünglich geübte Brauch, die Massen an dei Sonne ku trocknen, stammte wahrscheinlich daher, weil die .luden bei ihrem Ausxug nicht mehr Zeil hallen, den bereits angerichteten Teig su säuern und su backen, und ihn deshalb roh auf die Fahr! mitnehmen mußten. Ersl später wurden sie im Ofen des Hauses gebacken. Jets! kommen sie natürlich aus der Fabrik, wie jede Ware. Diese Fabrikation ist ein anderen Bevölkerung8schicbten kaum bekannterblühender! leschättszweig. In West preußen versandte damals die Bäckerei von Kamnitser in Hirschau ihre Erzeugnisse weithin, ebenso in der Nachbarprovinz Posen die Fabrik üutkind in Filehne. in kleineren Stadien. z.B. unserer Kreisstadl Bereut, wurden die Massen vom Vorbeter oder Kantor für alle Familien gemeinsam In Wagenladungen bestell! und an >ie verteilt. Der Teig wird maschinell „ausgewirkt" und zu Fladen gerundel Ueher die Fläche yelit das Ifadeisen zur Schaffung der Vertiefungen, die wohl das Durchbacken erleichtern. Die Massen sind von verschiedener Größe, Ins anderthalb Fuß im Durchmesser, ihrer acht his zehn liehen auf ein Pfund. Verschenk! sollen vornehmlich die blasigen Stücke werden. (Vielleicht entsprechen sie nicht den Vorschriften!) Vom Abfall der trockenen Massen wird ein besonderes und sein feines Mehl. (Iiis Mazzenmehl. Lienialilen. das w ir auch kaufen konnten. In den jüdischen Familien unserer Gegend wurden, der Sitte gemäß, an den beiden ersten uml heiligsten Abenden, den „Cedernabenden", wie es dort hieß (richtiger ist wohl Seder) Gebet und Segen Uber die Massen gesprochen. Reich und Arm mußte auch Wein trinken, den sich aber die ..Armut", wie man sagte, se|i»i bereitete aus mit Wasser gegorenen Bosnien. Alljährlich, wenn mir der Kalender das Passahfesl verrät, komm! mir die Erinnerung au die freundliche Gabe der Massen von einst, die so viel Freude uml Interesse auslöste. Gegessen habe ich sie seltsamerweise nicht wieder seit jenen Tagen. Geschenkt hat sie mir keiner mehr, denn wer sollte w issen um mein ganz persönliches \ erhältnis su ihnen! uml nur geschenkte Massen, darin halle ich (es!, würden mich mit dem allen Wohlgeschmack und Jugendglürk erfüllen. Jüdische Verbände und Gemeinden Iii« der Arbfit des Hillsvereins der DciiImIhii .luden in Litauen. Polest, Kiiuiäiiii-ii. Kiiltlaiid und Deutschland. Der Hilfsverein der Deutschen Juden führt seit dreißig Jahren er wurde im Mai DHU gegründet als repräsentatives Organ Ji r deutschen Juden für Auslandshilfe ein soziales und kulturelles H Ifswerk in einer Reihe von Ländern durch. Seine Arbeil gilt im Postscheckkonto: Leipzig Nr. 68274 gegenwärtigen Zeitpunkt in der Hauptsache der Jugendhilfe, der stigen uml beruflichen Ausbildung der heranwachsenden Generation, den Siedlern in den iieugegründeteii Kolonien in der Ukraine und Krim und den Auswanderern. Für den Bau des vor ein« m Jahre niedergebrannten Jüdischen Kinderhauses in Kowuo, das eine Zentralstelle für die gesamte jüdische Kinderfürsorge in Litauen ist und für 'las der Hilfsverein in den letzten drei .Iahten beträchtliche Subventionen beigesteuert hat. wurden über 18000 M. aufgebracht, die für den Bau und die Einrichtung des neuen Heims best!......t sind. Die Pläne des Bauen lud ein deutschet Architekt ausgearbeitet. Et wird ein modern« r, hygienischen Erfordernissen entsprechendes Haus errichtet werden. Der Hilfsverein wird nach Fertigstellung des Baues die Kinderfür sorge in Litauen im engsten Einvernehmen mit den maßgebenden lokalen Stellen weiter ausgestalten. Die jüdische Bevölkerung in Polen hat unter ihr Wirtschaft liehen Krise aufs furchtbarste zu leiden, insbesondere ist die Jugend infolge der ungenügenden Ernährung und der schlimmen Wohnungsverhältnisse der Gefahr der Verkümmerung ausgesetzt. Ks >t keine Seltenheit, daß Schulkinder vor Hunger und Ermattung zusammenbrechen. \ on höchster Bedeutung i-i < s. daß die Kindel wenigsten» einige Wochen im Jahre ausreichend verpfleg! werden und nutet möglichst günstigen hygienischen Bedingungen Erholung linden, hie sem Zwecke dienen in besonderem Maße Sommerferienkolonien. Der Hilfsverein hat 60000 M. für den Erwerb und die Einrichung \<>n zunächst fünf Ferienkolonien zur Verfügung gestellt. Line Kolonie befindet sich in «lern bekannten Kurort Druskieniki hei Bialystock,