Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 7 (1931)
- Issue
- 13 (27.3.1931)
- Date
- 1931-03-27
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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Seile - GEMEINDEULATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG Nummer I!) Ewige Bindungen Von l>r. H u go S p 1 e g I e r. Vou jüdischen Seelsorgern wird Immer wieder der Sorge Ausdruck gegeben, daß den Kitt, der »Ii«* moderne Judenheil noch msammenhält, weniger die Innere religiöse Einstellung als die Vbwehr gegen äußere Feinde bildet. Die berufsmäßigen Hüter der jüdischen Glaubenstradition hegen ernste Besorgnisse über die Widerstandskraft dieser Tradition, wenn nicht eine baldige Renaissance des Duellen Lebens dem ehrwürdigen Gebäude, das unsere Urväter rebaut, wieder tu einem Iragfählgeren Fundament verhilft, als es jetzt zu besitMn scheint, (Mine diesen Besorgnissen eine gewisse Berechtigung abiustreiten, muß indes vor einer solchen Unterschätzung der Inneren Lebenskraft les Judentums doch gewarnt werden. Und vielleicht i>1 es nützlich, um .leren Größe ins volle Licht ku rücken, einmal den Blick von denen, die oft mein aus anerzogener Gewohnheit, aus einer liebgewordenen Hebung die heiligen Satzungen pflegen, wegsulenken auf die Seelentragödie 'lerer, die sieh vom Judentum äußerlich losgesagt haben, soweit >ie überhaupt eine Seele besitzen, die tragischer Empfindungen fähig ist. Bei der Suche nach einem geeigneten Objekt für solche Betrachtungen kommt uns ein äußerer Umstand zu Hilfe. In diesen Tagen jährte sich zum 75. Male der Todestag eine» Großen, der sein . Entrei billetl in die europäische Zivilisation" mit dem höchsten Preise bezahlen zu müssen glaubte, den ein Jude zu entrichten vermag: mit dem Lieberl ritt zum Christentum . Es ist der Mann, der von sich behaupten konnte: „Ich bin «'in deutscher Dichter, bekannt im deutschen Land: nennt man die besten Namen, wird auch der meine genannt." I>c r erste Teil dieses selbstbewußten Ausspruchs ist lnzwischen stark bestritten worden. Kür die Richtigkeit des zweiten Teiles gibt es aber keine bessere Stichprobe, als die schwanen Listen seiner gehässigsten Verkleinerer: auf den deutschvölkischen Proskriptionslisten befindet sich der Name Heines tatsächlich in der besten Gesellschaft. Dort prangt ja alle», was jemals in deutschen Landen irgendwie nach geistiger und kultureller Geltung rang, fein „wissenschaftlich" etikettiert als verjudet . . . Dieses Schicksal entbehrt bei einem Manne, der „die ungesunde, altägyptische Plage" -■in. i ererbten Glaubenszugehörigkeil gewaltsam abgeschüttelt hat, nicht der größten tragischen Ironie. Doch nicht von solcher Tragik, die bloß /ui Schadenfreude Anlaß böte, soll hier die Hede sein, gondern von jener tieferen, die den eigentlichen Inhalt dieses erschütternden Dichterlebens ausmacht. Was bedeutet die von kleinlicher Bosheit Ungeistiger vollzogene Rückabwähtung eineunbequemen Satirikers auf das Judentum gegenüber dem gewaltigen Hingen m der Seele, ja /.um Großteil im Unterbewußtsein Hein,., das mil einem gewaltigen Siege des Judentums Ober alle anderen geistigen Strömungen endet, die dieser reiche Intellekt unablässig in Bich aufgenommen hatte! spät genug erkennt dieses Dichtergemüt, was »einen eigentlichen Reichtum ausmacht. Wie Iphigenie steht Heimnach »einem Abfall vom Väterglauben auf fremder Küste, das Land seiner Sehnsucht mit der Seele -iietien,t. Aber im Gegensatz zur Iphigenie weiß er nicht, daß dieses Land naturgemäß da» der Viter ist. Kr spOrl nur das Weh der Sehnsucht, aber er kennt nicht ihr Ziel. Er weiß wirk lieh nicht, warum er SO traurig i-t. und nur intuitiv errät er: „Bin Märchen au* uralten Zeiten, das kommt mir nicht aus dem Sinn." Bei der Agnnszierung dieses Märchens gehl er aber schon wieder in die hre. Es ist nicht das von der Loreiey. Denn diese* Ist damals i101 Ii nicht iltei als zwanzig Jahre. Um so viel früher halle Kle.....ns Brentano die Loreiey, -eine Erfindung, besungen, doch ist diese Ballade von dem Heine-Lied auf dem Gedächtnis des Volkes verdräng) worden. In Keines Seele drangt aber tatsächlich uralle» Märchen geheimuis nach dichterischer Gestaltung: ..Das dunkle Weh. da sich vi rerbt vom Vater auf den Sohn." Dieser Vers »loht in einem Gedichte, in dem Meine von (lei drei „Gebresten" Armut. Körperschmerz und Judentum das letzte ai das schlimmste wertet. Damals war sein Körper gesund und sehn Seele vom Weltschmerz angekränkelt. Später, als »ein gelähmte Leib zur Regungslosigkeit in der „Matratzengruft" verurteilt wai erhol) sich seine genesene Seele auf den Schwingen der „Hebräktchei Melodien" des ..Uoinnnzero" empor zu den Sternen . . . Ks i»i hier nicht der Kaum, dieses grandioses Heimfinden eine vielfach seelisch Gestrandeten zum siegreichen Trostbrlnger, den Judentum, in »einen einzelnen Phasen zu schildern. Vielleicht wän diese Aufgabe leichter, wenn der Roman ..Der Rabbi von Bacharach' vollendet auf uns gekommen wäre. Doch auch da» Fragment, das uns erhalten ist, arbeitet deutlicl die Symbole jener geheimnisvollen Mächte heran», deren Resultanh die ewige liindekraft des Judentums auf alle ist. die jemals sehn Geistes einen Hauch verspürt. Diese Mächte sind: Verfolgung voi außen und der Zauber de» jüdischen Rituals Symbolisiert erscheinei die beiden einerseits In dem Einschmuggeln einer Kinderleiche Ii eine Seder (ie»ell»ehaft. al» Vorbereitung der Ritual.....rdanklagi anderseits in der Anziehungskraft der rituellen Küche auf ih i Abgefallenen. Da» zweite Symbol ist echt heinisch. Es empfiehlt siel aber, das im Zusammenhang mit diesem Dichter stets parate Schlag wort „Zynismus" zurückzuhalten. Denn wahrscheinlich hat Heim diese Liebe de» Proselyten, die durch den Magen gehl, in der verloren gegangenen Fortsetzung verlieft um! veredelt, bis sie stark genug Isl den Abtrünnigen wieder zur angestammten Gemeinschaft zurückzu führen. Indes auch so. wie sie sich im Fragment darstellt, kann de geschilderte Schwäche für die koschere Küche gerade dem am RitUli hängenden .luden vielleicht ein Lächeln entlocken, sicher aber kein Ablehnung. Wichtiger jedoch, schon mit Rücksicht aar den Ausgangspunl dieses Aufsatzes, i»t das andere Motiv: die Verfolgung von auBei Iiier beweist gerade das von Heine gewählte Symbol seinglücklirl daß auch dieser Kitt des Judentums im Grunde für dessen innen Stärke zeugt. Denn was ist es. was den Rabbi seine Rettung liebe in dir Flucht al» in der Taufe suchen läßt? Was war es. das all di unglücklichen Opfer mittelalterlicher Glaubensverfolgung nicht im in der Dichtung, sondern auch in der Wirklichkeit eher dem grill wamsten Tod al» dem rettenden Scholl der Kirche zutrieb? Wi ander» al» der /.weifet all der Sittlichkeit einer Konfession, die sii solcher Mittel bedient, um Macht über die Seeleu zu gewinnen Der .lüde vermag nicht au die seligmachende Kraft einer Religion t. glauben, die Unsittliche Mitlei durch den /.weck geheiligt glaubt. Die Gewinnung de» .luden für die christlichen Dogmen stö schon auf rein vernunftmäßige Schwierigkeiten, die Heine in d< Versen formuliert: „Die Dreieinigkeitsdoktrin kann für unsere Leu nicht passen, die mil regula de tri »ich von Jugend auf belassen soietie Hemmungen könnten nur von den Lockungen einer höhen Ethik überwunden werden. Denn wichtiger als alle Verheißung! paradiesischer Wonnen im Jenseits ist dem .luden im Diesseits d ethische V erankerung im Glauben. In Riten, deren übereifrige \ tatoren vor folgenschweren Verleumdungen nicht zurückschrecke ka......r nicht Wurzel fassen. Dagegen hat ihn die vieltausendjähri| Erziehung durch das Judentum gefeit. Da» Judentum hat eben di sittlichen Ansprüche »einer Söhne gewaltig gesteigert. Das ist -• Ruh........i -eine stärke. Deshalb erscheint uu» da» Judentum -einer Lebenskraft nicht ernstlich gefährdet. Sächsische Gemeinden Plauen i. V. Die schon in vielen anderen liberalen Synagogen seil langem getroffene Einrichtung, daß au einem Sonntag durch einen Rabbiner ein philosophischer Vortrag (.'ehalten wird, haben wir uununmehr auch zu eigen gemacht. Nachdem schon im vergangenen Jahr Herr Rabbiner Dr. Goldmi..... au» Leipzig im Rahmen einer FriedensfeJer zu uns sprach, bat am 15. Februar Herr Rabbiner Dr. w o l f aus Dresden Qber „Israelitischer Proph« IIsmus" in tiefschürfender und doch allgemein verstlndlichi Weise »ein großes Wissen vor uu» ausgebreitet. Zu diesem Vortrs der vou Darbietungen des Synagogenchores würdig umrahmt war. öffentlich eingeladen worden. Der Einladung haben »ehr viele Andei gläubige Folge geleistet, so daß die Synagoge fast bis auf den letzt, Platz besetzt war. Wir wollen diese öffentlichen Vortrage fortsei» da wir dadurch such ein »ehr wirkungsvolles Mittel zur Aufklärui