Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 7 (1931)
- Issue
- 11 (13.3.1931)
- Date
- 1931-03-13
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 UBMEINDKBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIG IONSGEMEINDE ZU LEIPZIG Nummer I 70 Jahre Alliance Israelite Universelle Jim Deiember 1880 bat die „Alliance Israelilo Universelle" das 70. Jahr ihres Bestandet vollendet. Sie wurde im Jahre lS(Kt unter dem Eindruck der Ritualmordagitation in Damaskus und des Falles Mortara, der Entführung und Zwangstaute eines jüdischen Kindes in Bologna, von 17 Jungen Pariser .luden mit dein Ziele begründet: i. uberall lür die Gleichstellung und den moralischen Fortschritt der •laden zu arbeiten, 2. denjenigen, die in ihrer Eigenschaft als .luden leiden, eine wirksame stütze zu sein, und 3. jede Veröffentlichung zu fördern, die geeignet ist, dieses Resultat zu sichern. DasOrganisatlonskoinitee bestand aus dem Rabbiner Aristide Astruc, dem Professor am Pariser Rabbinerseminar Isidor Cahen, dem Bauingenieur Jules Carvallo, dem Advokaten Narcisse Leven, dem Professor Eugene Manuel und dem Kaufmann Charles Netter, Im Gründungsaufruf wurde erklärt, dafl die Alliance dazu bestimmt sei, „die Ehre des jüdischen Namens zu verteidigen, wann immer sie angegriffen werde; mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln die Entwicklung nützlichen Handwerks zu fördern und überall, wo es notwendig ist, die auf lange Unterdrückung zurückzuführenden Fehler und die Unwissenheit unter den .luden zu bekämpfen: mit ihrem ganzen moralischen Einfluß für die Emanzipation jener Glaubensgenossen einzutreten, die noch unter dem Druck von Ausnahmegesetzen stehen, und durch geistige und moralische Regeneration die Befreiung der Juden zu beschleunigen und zu sichern". Der erste Präsident der Alliance war der französische .lustizminister A d o 1 p Ii e Crem i eu x. Zahlreiche Nichljuden, darunter der jüngere Dumas und .1 u I e s Simon, förderten tatkräftig die Arbeit der Alliance. Seit dem Jahre 1920 ist der berühmte Orientalist Prof. Svlvain Levi Präsident der Alliance. Die erste Aktion der All', wurde im Jahre 180(1 zugunsten der russischen Juden, die unter der damals in Rußland und Polen herrschenden Hungersnot besonders zu leiden hatten, durchgeführt. Die Alliance erlief! einen Aufruf zur Sammlung für einen Unterstützungsfonds zugunsten der Notleidenden. Mit Hilfe dieses Fonds wurde einer Anzahl von Juden die Niederlassung in den inneren Teilen von Rußland, anderen die Auswanderung nach den Vereinigten Staaten sowie die Errichtung eines Hauptkomitees in Königsberg ermöglicht, das sich unter der Leitung von Rabbiner Dr. Bamberger damit befaßte. Progroniwaisen unterzubringen. Nach den russischen Prodromen im Jahre 1X.S1 wurde die Auswanderung der jüdischen Flüchtlinge nach Übersee organisiert, nach den Progromen von 190J und 1908 wurden Sammlungen eingeleitet Eine grotizügige Hilfstätigkeit entfaltete die AU', in der Türkei, zuerst anläßlich der r'euersbrunst in Konstantinopel im Jahre 1S7J. dann in der Zeit nach dem russischtürkischen Krieg im Jahre 1N77, nach dem Erdbeben in Chioa 1K81, während der Hungersnot in Kleinasien 1HS2. und während des Balkankrieges im Jahre 19PJ. Wiederholt wurden in Rumänien und, während der Ereignisse in Casablancs und Fez 1!KI7 und 1918, auch in Marokko Hilfsaktionen für die dortigen Juden durchgeführt. Im Jahre 180(1 nahm die AIIT. ihre Palästinaarbeit auf. Charles Netter unternahm eine Studienreise nach Palästina, wo damals nur i : ihm Juden lebten. Von diesen hatten nur 15% manuelle Berufe: in der Landwirtschaft gab es überhaupt keine Juden. Auf Vorschlag Charles Netten wurde im Jahre 1809 die Arkerbuuschule in Mikweh Israel begründet Damit begann, lange vor dem politischen Zionismus, die Entwicklung einer jüdischen Landwirtschaft in Palästina. Bei der Friedenskonferenz in Versailles und bei den Tagungen <le> Völkerbundes in Genf bat die All', gemeinsam mit anderen jüdi- ■ehen Organisationen, vor allein mit dem Joint Foreign Committee des Jewish Board of Deputies und der Anglo .lewish Association für die Sicherung von Minderheitsrechten für die luden verschiedener Länder gearbeitet Der jüdischen Kolonisation in der Sowjetunion hat die All', großes Interesse entgegengebracht. Auf ihre Veranlassung unternahm der vor einigen Monaten verstorbene Prof. Waldemar Haffkine eine Studienreise nach SowjetrafUand. Auch der Präsident der Alliance, Prof. Svlvain Levi. der vor einigen Jahren als (last der Sowjetregierung an der 200-Jahrfeier der Leningrader Akademie der Wissenschaften teilnahm, hat Untersuchungen über die Lage der Juden unter der Sowjetherrschaft angestellt und seine Beobachtungen in einem Berichte an das Zentralkomitee der All', verarbeitet. Praktische Arbeit zur Förderung der jüdischen Kolonisation in Sowjetrußland hat jedoch die AU', nicht geleistet. Sie beschränkte sich darauf, die Arbeit der Jewish Colonisation Association auf diesem Gebiete zu fordern. Die grollten Erfolge hat die Alliance auf dem Gebilde des I ziohungswesens erzielt. Vor allem im Orient wurde ein ausgebreitet Schulnets geschaffen, das den rückständigsten Teilen der Judenli i die Errungenschaften moderner Zivilisation vermittelt. „Für i Juden des Orients ist die Alliance Vormund und Beschützerin", klärte der ehemalige amerikanische Botschafter in der Türkei Osl ,i Straus; „ich habe zahlreiche junge Juden, die ihre Ausbildung n Allianceschulen genossen haben, kennen gelernt. Ohne diese Sei | bildung wären sie auf der niedrigen Kulturstufe der grollen Mehrl il ihrer Brüder stehengeblieben, so aber sind sie wertvolle Füll i ihrer Glaubensgenossen geworden". Die Alliance unterhält Schulen in Marokko, Tunis, Algier, 1 i sien, Tripolis, Mesopotamien, Palästina, Syrien, Rhodos, Griechen! nd und Bulgarien. Ferner bestehen zwei orientalische Normalschulen i Ilr Knaben und Mädchen) in Paris und Versailles. Die Fachschulen in Jerusalem und die Ackerbauschule in Mikweh Israel haben 150 Si liiler. Die Gesamtzahl aller Schüler der Allianceschulen übers! -| 40 000. Ober die Tätigkeil der Alliance im letzten Jahre gibt der ler letzten Jahreskonfereni des Zentralkomitees unterbreitete Rech, ii- BChaftsbericht Aufschluß. Einleitend nimmt dieser Bericht zum \\ Bbuch der englischen Regierung über ihre künftige Palästinapol lik Stellung. Es wird konstatiert, dafl durch mehr als zehn Jahre indurch die verschiedenen Regierungen in Großbritannien, und insbesondere die Arbeiterregierung, den Anschein erweckt haben, lafl sie die zionistischen Aspirationen ermutigen und die zionistischen Hoffnungen begünstigen. Die Politik des Weißbuches entspreche nicht der Tradition Englands, das im allgemeinen in seinen Anschauuli;en und Prinzipien große Kontinuität zeigt. Die neue Pulästinupol lik unterbreche einen Versuch, der noch keine Resultate ergeben konnlc Sie komme daher entweder zu früh oder zu spät. Sodann wird im Bericht nachstehende Betrachtung au lic jüngste politische Entwicklung in Deutschland geknüpft: Wir können nicht stillschweigend die drohende Gefahr übergehen, die der Wahlsieg der Hiller-Partei für die Juden Deutschl. idl und rückwirkend für die Juden der Deutschland benachbarten Lii < i darstellt. Ks wäre unklug, sich heute schon über die Folgen dii Kl Umstellung der deutschen Wählerschaft zu äußern; es scheint Jed Wi. daß die .Mittelparteien, die diese Schilderhebung des Antisemit^ iu> zunächst mit Erstaunen und später mit Sorge erfüllt hat, sich dei für das gesamte Reich heraufbeschworenen Gefahr bewußt sind und ich aufraffen, um ihr vereint zu begegnen. Die gesamte Judenheil er schauderte über diese Rückkehr zu Plünderung und Barbarei sie vertraut jedoch darauf, daß die Weisheit der deutschen Regit Dg für die Aufrechterhaltung der Ordnung und die Wahrung der R> ite, die die Verfassung allen Bürgern gewährleistet, Sorge tragen wird. Zur Arbeil der Alliance in der Berichtsperiode übergehen erwähnt der Bericht die materielle Förderung des Londoner I jittkomitees für die ukrainischen .luden, das im Hinblick auf die in gersnot in der Ukraine im Herbst lifiil gegründet wurde, dun Alliance und gibt sodann eine Darstellung der |ialästinensischen Usruhen im August 1tfJi) und der Hilfsmaßnahmen, die zur Lind, nag der durch diese Ereignisse in Palästina entstandenen Not erford* lies wurden. F^s wurde einerseits dem in London unter dem VorsiL i»" Lord Melchett gebildeten Hilfskomitee ein großer Teil der vor der Alliance zugunsten der Opfer der palästinensischen Unruhen <!■ immelten Gelder zur Verfügung gestellt, andererseits den Klein ml-