Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 7 (1931)
- Issue
- 10 (6.3.1931)
- Date
- 1931-03-06
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
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Marz 1931 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG Seit« 3 raelitlwhe Frauenverein vor einer Ooffentlichkeit bei Bekanntgabe ines Jahresberichts über den Umfang seines Aufgabeukreises. Die sjährige Hauptversammlung findet am Mittwoch, dem 11. März, uhmiltags 4 Uhr, in den Räumen der Leipzig-Loge statt. Wie immer eht ein gemütliches Beisammensein voraus. Frau Olla Hamberger i( sich mit ihrer Gcsangskunst in den Dienst der guten Sache geeilt, so daß der Nachmittag auch einen künstlerischen Genuß ver- - icht. i g Problematik des heutigen Frauendaseins. Am Mittwoch, dem 18. Februar, sprach auf Einladung der Ortsippe Leipzig des Jüdischen Frauenbundes Frau Margarete Susi a n vor überfüllteni Saal über i e Problematik des heui g c n F r a u e n d a a e i n s". Ihre Ausführungen seien hier in Kürze v 'dergegeben: Wir leben in einer Zeit des Zusammenbruchs, der Not, des Auti Urs und der Krise, in der das alte aristokratische Kulturldeal von d r harmonischen Persönlichkeit nicht mehr zu verwirklichen ist. I er heutige Mensch kann jedoch nicht zu allen Idealen zurücki liren, er hat nur seine Welt, in der er sich bewähren kann. Jede i neration gestaltet ihre Zeil, so daß Weltgeschichte zugleich Wellj rieht bedeutet. Der Frau von heute erscheint die der vergangenen i neration wie in einem Traumlnnd lebend, wie noch nicht ganz erv icht. Die Frauenbewegung in ihren Anfängen ging von einem!• Aon Fundament, von der bürgerlichen Ordnung aus; diese ist heute im Zerfall begriffen, und die Verwirklichung der Ideen der Frau \ n gestern sieht ganz anders aus, als sie es erträumt hat; was ihr als reine Freiheit erschien, an männlicher Berufsarbeit teilzunehmen, i nun in der Wirklichkeit weit härtere Gebundenheit, denn der Beruf untersteht nicht freier Wahl, sondern ist bittere Notwendigkeit gi worden. Zugleich wird die Frau vor vielfältige neue Aufgaben gi-teilt, da sie in ihrem persönlichen Dasein weil gebundener ist, ihre müllerlichen und ehelichen Pflichten erschwer) und kompliziert werden. Die alten Formen der Ehe sind nicht mehr lebbar, neue lind an ihre Stelle zu setzen. Die Frau trat im Augenblick der Krisis und des Umsturzes in die Geschichte ein, kann daher alte Werte Bichl einfach übernehmen, sondern muß selbst zum neuen Aufbau Diil Hand anlegen. Alles isl im Wandel begriffen: Ehe, Familie, Geii einschalt sind von ihrer ursprünglichen Bedeutung weit abgewichen; auch der Beruf: aus einem sakralen Itcgrift der „Berufung" v iirdc der profane „Beruf". Für die ineisten Menschen ist er heule v lüg losgelöst vom persönlichen Leben; nicht der Mensch hat seinen B( ruf, sondern der Beruf hat den Menschen. Dies bedeutet für die Frau in weit entschiedenerem Maße eine Klip|>e als für den Mann. Ihm scheint es selbstverständlich, für eine Sache zu leben, während d e Frau, ihrer unveränderlichen Natur nach, darauf gewiesen isl, : B sich selbst heraus zu leben, aus dem, was sie ist. Grundsymbnl 1 rfür ist die Mutterschaft, sie ist das aentrale Problem der Frau, u id hier liegt die fundamentale Verschiedenheil von Mann und Frau i isichtlich ihrer Stellung in der Kultur. Der Mann ist das geschieht- I he, die Frau das ungescbii Iiiliche Wesen. Die Frau ist wie die U tlosc Natur, die den Wandel der Geschichte nicht kennt. Als I itter macht sie die geschichtliche Entwicklung nicht mit. In einer l it, in der das Abtreiben als Heilmittel für die Menschheit gepriesen v rd, bricht sich immer wieder die unbedingte Forderung der Mutter- - utft Bahn. Aus dieser unmittelbaren Verantwortung für das Leben I raus bewegen die Frau viele Fragen: Darf ich in diese heutige \ ett Kinder setzen? Kanu ich sie vor der bittersten Not schürten? V erde ich neben meiner Berufsarbeil genügend Kräfte und Zeil für i re Erziehung frei haben? Diese verzweifelten sittlichen Fragen ld nur von Fall zu Fall zu lösen. Das außerzeilliche Wesen der I tu finden wir in der jüdischen Gesetzgebung dadurch ausgedrückt, 1 B die Frau von allen Gesetzen, die an eine bestimmte Zeit ge- I Inden sind, befreit ist. Nun hat die Frau sich freiwillig dem Gc- - lichtlichen eingefügt, hat das Urgcsctz des weiblichen Lebens somit chbroehen. Hegel faßte das Wissen aller Kulturen zusammen, ind in er das göttliche dem menschlichen Gesetz, das das Gesetz des I nnes isl, gegenüberslellt. Während das menschliche Geselz das 0 Inende, verwaltende ist, isl das göttliche tief im Wellgrund ver v .irzell. Das Wissen um den allerliefsten Sinn des Lebens, das ewige, ' verrückbare Wissen um eine strengere dunklere Ordnung, als die 1 - Geistes, ist der männlichen Welt fremd. Die Frau hat ihr 1 Lenstes Bild in der Welt gewandelt und zum Teil bereits zerstört; gleichberechtigte Frau ist eine andre geworden, hat die Ursprung- I he Idee ihres Wesens preisgegeben, und wir müssen uns fragen: \'ar dieser Preis nicht zu hoch?" Mit dem Eintritt in die zerfallende männliche Welt muß die Frau entweder sich als Frau aufgeben oder das Leben selbsl wandeln. Wenn sie ihr Schweigen gebrochen hat, so muß sie der Welt ein neues Wort sagen. Uralte Weisheit in die männliche Well zu tragen ist ihre Aufgabe. Dazu jedoch muß sie das große Geselz alles geschichtlichen Daseins auf sich nehmen, das Gesetz „Erkenne dich selbst!", muß sich selbst ins Antlitz schauen, ihr eigenstes Gesetz durchforschen und durchleuchten; denn als Instinkt vermag es nicht zu wirken; soll es aber zur Heilkraft werden, so kann die Aufgabe der Frau keine andere sein als Durchleuchtung des göttlichen Lebens durch die Kraft des Bewußtseins. Die heulige Frau darf nicht Schutz beim Manne suchen, denn er selbst ist ungeborgen. Sie muß sie selbst sein und sich selbsl erkennen. Mehr als das helle Verstandeswissen des Mannes, mehr als das dunkle Wissen der Frau: die Widt braucht lebendige Entscheidung, und solches Wissen nennen wir Gewissen. Auf allen Gebieten strebt das Erkennen fort vom toten Einzelwissen in ein lebendig-verantwortliches Wissen, an Stelle des bloßen leeren Fachwissens tritt immer mehr in den Vordergrund: Entscheidung, Verantwortung, Gewissen. Der Begriff des Gewissens ist in tiefgehender Wandlung begriffen. Die Frage nach dem Sollen des Menschen muß in jeder Situation neu aus dem Nichts heraus gestellt weiden. Man ist an das Gewissen in seiner augenblicklichen Entscheidung gewiesen, verantwortlich für das Ganze des Lebens. Das mütterliche l>a>ein ist an sich unmittelbare Verantwortung des eigenen für ein anderes Leben. Die ursprüngliche Form des Gewissens der Krau in voller Bewußtheil zum Gewissen des Lebens zu erweitern, erscheint als die Grundaufgabe der Frau. Die einzig mögliche Erziehung ist in unserer Zeit nicht die nach Prinzipien, sondern aus dem göttlichen Instinkt der Liebe im Moment nach menschlichem Gewissen entscheidend. Alles Wissen kann nicht das ursprünglich Entscheidende des mütterlichen Menschen ersetzen. - Ihrem Wesen entsprechend wäre für die Frau Beruf im Sinne der Berufung vor allem ein weiblich-mülterlicher, die soziale Arbeit. In den zahllosen Berufen jedoch in denen jede Spur von persönlicher Berufung erloschen isl, bricht die Problematik mit aller Wucht ein. Nur Andeutungen von fernem Ausweg aus dem Dunkel der Probleme zeigen sich an: Gemeinsame Arbeit, nicht nur bitterer Konkurrenzkampf; eine neue Solidarität beginnt sich eben erst zu formen. Alles weist uns an das schlichte Miteinander; Arbeit und Not sind uns allen gemeinsam und hinter dem Alllag des Berufs steht das schlichte Wort: Bruder, liier kann die Frau etwas wirklich Entscheidendes im Berufsleben und im menschlichen Dasein leisten. Sie kann Schwester sein. Dies aber bedeutet Brüderlichkeit, die die Mütterlichkeit mit umfaßt, das Tragen deanderen aus der größeren Festigkeit des eigenen l.ebensgrundc> heraus. Oft hört man. daß wir heutigen Menschen ein unglückliche- Geschlecht seien, doch gilt das wohl nur zur Hälfte, denn wir haben dafür die größeren Aufgaben. Die heulige Frauengeneration hat das eine vor allen vergangenen voraus: ihr Leben ist befreit von allen äußeren Vorurteilen, auch von denen in ihr selbst, es i-t hellsichtiger, unendlich reicher au .Möglichkeiten. Es gehl au sie der Anruf nicht nur als einteilte Frau, sondern als erwachendes Gewissen einer neuen Zeit, die ihrer lebendigen Entscheidung bedarf. Die Lösung liegt in weiter Ferne. Zahllose Existenzen zerbrechen an der Problematik unserer Zeit. Jede neue Freiheit bedeutet eine neue Aufgabe, und jede neue Aufgabe fordert Opfer. Ein Licht aber leuchtet durch alle Verworrenheit: es ist die neue Gemeinschaft brüderlich-schwesterlicher Menschen. Amtliche Bekanntmachungen der israelitischen Religionsgemeinde in Leipzig Oeffentlirhe Vorträge. Am Sonntag. 8.. 15. und 29. März 1981, 5 Uhr nachmittags, hält Herr Gemeinderabbiner Dr. Goldmann in der Gemeindesynagoge, Gottschedsir. 28. drei Vorträge über das Thema: Was ist Talmud? Die Themen der einzelnen Vorträge lauten: a) Die Entstehung des Talmud. b) Der Inhalt des Talmud. e) Angriffe auf den Talmud und ihre Widerlegung. Die Vorträge beginnen pünktlich zur angesetzten Zeit. Jedermann ist herzlich willkommen. Leipzig, den 2. März 1931. Der Vorstand der israelitischen Religionsgemciiule zu Leipzig.