Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 7 (1931)
- Issue
- 6 (6.2.1931)
- Date
- 1931-02-06
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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ßemeinö cblatt >ER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMtl N DE ZU JEIPZIG AMTLICHES NACHRICHTENBLATT DER GEMEINDEVERWALTUNG! . C.rmelndeblatt erwhetnt |eden I Villau und wird Mitgliedern der KrllRlima|iemelnde unentgeltlich ,li die Pi»t zugestellt — S i h r I f 1 I e I t u n k : i< Indernhhlnrr Gustav Colin, Leipzig, Löhrstrafle 10 NUMMER 6 / JAHR«AN« 7 FREITA6 6» FEBRUAR lOll AnzeiRenvcrwaltunR und Dunk: Buchdruekerol AuRiist Pries, LrlpzlR, BrQdrn.tr. 59 - I emruf 70006 - Post- Kdicck LelpzlK 53920 - Nachdruck nur mit QuellenanRabe und mit Crnt-hmlRunR de« Verfassers Restattet Jude oder Europäer Von Doris \\ illncr w (ml weil Hr. erse Willi vrefl |Kltl •tri ausl odi «tu htl 19. str; I« dii SCll. n|U tei Kl Bw r;t< K. ah Sri) lirl di, Bn stii rin boi Ki Im sei Ju So d. hu |!l enn uns heute der dänische Schriftsteller Henri N a t h a n - s e n ein Porträt von Georg Brandes unter dem Titel „.) u d e oder E u r o p ä e r" (Verlag Kütten und Loening. Franka. M.) uberreicht, so zucken wir zuvörderst befremdet die Achseln, uns angesichts des Namens und der Persönlichkeit von Georg des allein schon die Fragestellung Jude oder Europier paradox it'int. Denn wer, wenn anders nicht ein Georg Brandes, wäre I im Nielzsrheschen Sinne des Wortes „ein guter Kuropäer" go- .i? Kaum ein anderer großer (ieist des Jahrhundert! hat so nropäisch gewirkt wie Georg Brandes, der mit den größten Mänseiner Epoche, aber aller Nationen in lebendigen Gedankenilisch stand und der auf die Zumutung, „ein jüdischer Patriot", sage besser „ein jüdischer Nationalist" zu sein, die krasse Anterteilte: „Schabe den Idioten, du findest den Patrioten". Wir n in (ieorg Brandes stets einen der universellsten Geister des lahrhunderif verehrt, dessen literarische und kulturelle „llauptmungenM er uns meisterhaft zugänglich gemacht hat. Und nun 0 wir bei einem engeren Landsmann von ihm, dem angesehenen sehen Schriftsteller Henri Nathausen, den lange Jahre der Freundit mit Brandes verbunden haben, dali auch das Leben dieses en Europäer!", das 80 Jahre gewährt hat, in seinen Hauptelementiichts gewesen ist als unendlicher, qualvoller und aussichtsloser |if zwischen Abstammung und Staatsbürgertum. Henri Nathansens . eine Biographie, funkensprühend von Subjektivismus, und gedarum reizvoll in ihrer prickelnden Dynamik, stellt wohl den iei und Erkenner internationaler Literaturen, den Meister eines KhliBenen Stils in vielen europäischen Sprachen, den leiden- Iiichen Kulturverbreiter von unbestrittenem Weltraum anschauvor uns hin. Aber neben dieses treue Bildnis rückt Nathausen;ro8e Auseinandersetzung, die zwischen dem .luden und dem pter Georg Brandes acht Jahrzehnte hindurch getobt und gent hat. Als Sohn einer guten jüdischen Familie, ohne die ge- >ten religiösen oder traditionellen Bindungen, in Kopenhagen gell, hat Brandes — nach Nathausen — trotzdem schon als kleiner die Gegnerschaft der dänischen Volksart der jüdischen Psyche niiber zu fühlen bekommen. Kr war, wie viele seinesgleichen. Nathausen es ausdrückt, „schon im Start auf besondere Art gelikapf. Und mit glühender Leidenschaftlichkeit zeichnet Nathantut, wie der indolente und indifferente .lüde Brandes, der den ii zu Beginn seiner Laufbahn in sich verleugnete, der von einem iaritätsgefühl des jüdischen Stammes nichts wissen wollte, der dänischen litindtmwnn, dessen Kultur und Spracht» er teilte, lertmal die Hand hinreichte und diese Hand hundertmal zurückofleu fühlte, wie dieser Mann, je älter und erfahrener er wurde. mehr und mehr die zwangsläufige Zusammengehörigkeit mit dem Judentum in aller Welt empfinden lernte, empfinden lernen mußte. Nathausen schreibt: „Wie ein bedrohtes und gereiztes Tier rüttelte Brandes an den Stangen, wenn die Menge auf sein Gesicht zeigte und ihm die Abstammung unter die Nase rieb. Immer zorniger, immer wilder, immer sehneidender wurde sein Protest, so dali er mit den Jahren zu einer Art Verfolgungswahn stieg, der in den Ohren von •luden und Niehtjuden schnarrend nach Abfall und Verleugnung klang. Bis er endlich gegen Linie seines Lehens instinktiv die Nemesis fühlte, die selbst der schärfste Verstand und der heftigste Wille nicht abzuwenden vermag. Je schärfer und heftiger er sich distanzierte, tlesto schärfer unterstrich er seine Abstammung, und desto heftiger boten seine dänischen Mitbürger dem Verleugner Trotz. Denn das Tragische im Geschick eines Juden ist nicht, sich geistig heimatlos zu fühlen, wie Brandes es in einer Abhandlung ausdrückte. Die tiefste Tragödie ist die. welche ihm selbst best-Iiieden ward: sich seelisch heimatlos zu fühlen. Kr entzog die Hand seinen jüdischen Staniiiicsgc nnssen. um sie seinen dänischen Landsleuten zu reichen. Aber tlie nahmen nicht die Hand an, die sie möglicherweise angenommen hätten, wenn er sie ihnen offen und ehrlich als Jude gereicht hätte." Der grnUe Kuropäer, der erst, nachdem er den KosmopolitisinU! und Eklektizismus in sich überwunden hatte, mit offenem und stolzem Selbstgefühl und Zusammengehörigkeitsgefühl mit jüdischer Natur und jüdischem Geist seine grandiosen Bücher über Lassalle. Ganihetla, Disraeli und Heinrich Heine schreiben sollte, der aus Gerechtigkeitssinn, nicht aus Philos.-iiiitismus für den Hauptmann Alfred Dreyfus und gegen den Uitualmnrd EU Kiew kämpfte, hat sich erst in langen, von Verfolgung. Trauer um die Dummheit der Massen und Gewissenskonflikten erfüllten Jahrsehnten zum Bewußtsein seines Judentums hindurchgerungen. Nathausen bezeichnet die Uefmenschliehe Tragikomik. die in der Tiefe von Georg Brandes' Erkenntnis und Selbsterkenntnis wurzelte: In der tragikomischen Blutsbruderschaft seines Werkes und seines Wesens — in tiein BlutsbQudnls von Sanguinitas und Melancholia —, eine Mischung aus Verachtung Und Selbstverachtung, die Brandes selbst in seiner tragikomischen Geschichte von Don Quixote und Hamlet, in der Begegnung zwischen dein wandernden Bitter von der traurigen Gestalt und dem schwermütigen Prinzen von Dänemark erzählt hat. ..deren tiefere Übereinstimmung keiner verstanden hat". Wir lernen durch Nathausen den wandernden lütter kennen, der sich müde auf den Grabenrand setzt und Euruekschaut auf sein heimatloses, wurzelloses und friedloses Leben. Nie war er so toll gewesen, wie seine Spötter erzählten, die Windmühlen, gegen die er